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Zombiewürmer und GeisterhaieForscher entdecken in 2400 Metern Tiefe 20 neue bizarre Meereskreaturen

3 min
Schlangensterne klammern sich vor der Küste von Trinidad und Tobago an eine Tiefseekoralle. Ein Forschungsteam unter Leitung von Dr. Diva Amon dokumentierte dort seltene Ökosysteme.

Schlangensterne klammern sich vor der Küste von Trinidad und Tobago an eine Tiefseekoralle. Ein Forschungsteam unter Leitung von Dr. Diva Amon dokumentierte dort seltene Ökosysteme.

Spektakulärer Fund in der Tiefsee: Forscher entdecken im Karibischen Meer rund 20 neue, teils bizarre Tierarten.

Wer an das Karibische Meer denkt, hat meist weiße Strände, türkisblaues Wasser und bunte Korallenriffe vor Augen. Doch Hunderte Meter darunter herrscht eine ganz andere Welt: ewige Finsternis, eisige Temperaturen und ein enormer Wasserdruck.

Genau in diesen scheinbar lebensfeindlichen Abgrund hat nun ein internationales Forschungsteam geblickt und eine verblüffende Entdeckung gemacht. Am Meeresgrund stießen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf ein blühendes Ökosystem mit rund 20 Tierarten, die der Wissenschaft bislang gänzlich unbekannt waren.

Wie die US-amerikanische Meeresforschungsorganisation Schmidt Ocean Institute mitteilt, erkundete das Team um die Meeresbiologin Dr. Diva Amon an Bord des Spezialschiffs „Falkor (too)“ ein Areal von mehr als 11.000 Quadratkilometern. Ausgestattet mit einem ferngesteuerten Tauchroboter namens „SuBastian“ drangen die Fachleute bis in Tiefen von über 1.200 Metern vor. Die hochauflösenden Kameras lieferten Bilder, die selbst erfahrene Biologen in Erstaunen versetzen.

Fleischfressende Schwämme und bizarres Leben am Meeresgrund

Unter den Funden befinden sich Kreaturen, die wirken wie aus einem Science-Fiction-Film. Entdeckt wurden unter anderem fleischfressende Schwämme der Gattung Chondrocladia, die ihre Nahrung nicht aus dem Wasser filtern, sondern mit mikroskopisch kleinen Widerhaken Jagd auf vorbeischwimmende Krebse machen.

Dieser freundlich aussehende Kerl ist ein Graneledone-Oktopus, eine vermutlich neue Art, die bei der jüngsten Expedition gesichtet wurde.

Dieser freundlich aussehende Kerl ist ein Graneledone-Oktopus, eine vermutlich neue Art, die bei der jüngsten Expedition gesichtet wurde.

Auch eine bislang unbeschriebene Tintenfischart aus der Gruppe der warzigen Graneledone-Tiefseeoktopusse sowie sogenannte Zombiewürmer wurden dokumentiert. Die Fachwelt nennt die Tiere der Gattung Osedax Knochenfresser – und sie machen ihrem Namen alle Ehre. Diese bizarren Kreaturen besitzen weder Augen noch Mund oder Magen.

Ein Mantarochen taucht in einer Tiefe von 1.025 Metern vor der Küste von Trinidad und Tobago ab.

Das Abendessen ist serviert: Ein Mantarochen taucht in einer Tiefe von 1.025 Metern vor der Küste von Trinidad und Tobago ab.

Stattdessen treiben sie wurzelartige Fäden tief in die verrottenden Skelette toter Meeresbewohner, ätzen die Knochen mit Säure an und lassen symbiotische Bakterien die Fette und Proteine zersetzen. Während der Wurmkörper im Inneren des Kadavers verborgen bleibt, ragen am Meeresboden nur leuchtend rote Kiemenbüschel hervor, die das Skelett wie ein unheimliches Blumenbeet überziehen.

Methanquellen und Schlammvulkane: Wie das Leben ohne Sonnenlicht gedeiht

Ein seltener Glücksfall gelang den Forschenden, als die Kameras in 1.025 Metern Tiefe auf die Überreste eines riesigen Rochen stießen. Solche Kadaverfunde sind eine wichtige Oase in der kargen Tiefsee, an der sich Dutzende Aasfresser und Kleinstlebewesen über Monate hinweg laben.

Ein Aalquappen-Fisch (Pachycara caribbaeum) liegt auf einem Teppich aus Muscheln (Gigantidas childressi). Die Muscheln leben nicht wie gewöhnliche Muscheln von Nahrung aus dem Wasser, sondern nutzen Bakterien, die chemische Energie aus ihrer Umgebung gewinnen.

Ein Aalquappen-Fisch (Pachycara caribbaeum) liegt auf einem Teppich aus Muscheln (Gigantidas childressi). Die Muscheln leben nicht wie gewöhnliche Muscheln von Nahrung aus dem Wasser, sondern nutzen Bakterien, die chemische Energie aus ihrer Umgebung gewinnen.

Zudem filmte der Tauchroboter einen Schwarzen Schlinger – einen Tiefseefisch, der dank eines extrem dehnbaren Magens Beutetiere verschlingen kann, die deutlich größer sind als er selbst. Das gefilmte Exemplar trug eine derart gewaltige Mahlzeit im Bauch, dass die Magenwand transparent wirkte.

Plastikmüll in 1000 Metern Tiefe bedroht das neu entdeckte Ökosystem

Lebensfeindlich ist diese Welt keineswegs. Ermöglicht wird die Artenvielfalt unter anderem durch mehr als 25 aktive Kaltquellen und unterseeische Schlammvulkane. Dort dringt Methangas aus dem Meeresboden, das spezialisierten Bakterien als Nahrung dient. Diese Mikroorganismen bilden das Fundament einer Nahrungskette, die völlig unabhängig vom Sonnenlicht funktioniert.

Die Mission zeigt eindringlich, wie wenig über die Meeresböden unseres Planeten bekannt ist. Neben der Faszination über das neu entdeckte Leben mahnen die Forschenden des Schmidt Ocean Institute jedoch auch zur Vorsicht: Selbst in über tausend Metern Tiefe fand der Tauchroboter bereits Spuren menschlicher Aktivität, darunter Plastikmüll und Schrott. 

Da der Meeresgrund künftig verstärkt in den Fokus von Rohstoffförderung geraten könnte, drängt das Team darauf, solche empfindlichen Lebensräume streng zu schützen, bevor sie zerstört werden, noch ehe die Menschheit sie überhaupt verstanden hat. (jag)