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„Kinderfresser“Xavier Naidoo äußert irre Verschwörungstheorien – vor dem Kanzleramt

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Sänger Xavier Naidoo steht beim Auftakt seiner Tour auf der Bühne in der ausverkauften Lanxess-Arena in Köln.

Sänger Xavier Naidoo steht beim Auftakt seiner Tour auf der Bühne in der ausverkauften Lanxess-Arena in Köln.

Xavier Naidoo ist am Dienstag vor dem Kanzleramt im Rahmen einer Demonstration gegen Kindesmissbrauch aufgetaucht.

Xavier Naidoo hat es wieder getan: Vom Sänger, der laut eigener Aussage vor einigen Jahren Abstand von Verschwörungstheorien genommen hat, kursieren Videos mit den krudesten Behauptungen über den Fall Epstein und Kindesmissbrauch. Am Dienstag versammelte sich eine Gruppe Menschen vor dem Bundeskanzleramt in Berlin zu einer Demonstration. Es ging um den Schutz von Kindern. Zu der Demonstration hatten laut „Focus“ Frauen aufgerufen, die in Deutschland Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind.

Naidoo, der ebenfalls vor dem Kanzleramt auftauchte, nannte Missbrauchstäter gegenüber den vor Ort vertretenen Medien des rechten Spektrums „Kinderfresser“ und „Dämonen“. Dies seien keine Menschen. Er erklärte, den Menschen, die „selber Kannibalen sind“, sei es wichtig, dass „wir alle Kannibalen werden, damit wir alle in die Hölle runterfahren“.

Er sei sich auch sicher, dass wir „unwissentlich alle schon einen Menschen gefressen“ hätten. Die Firma Lays mache „embryonales Gewürzmittel“ auf ihre Chips, behauptet Naidoo in die Mikros. „Wir wissen alle schon, dass wir nicht mehr zu McDonald's können“, schwurbelt Naidoo weiter. Einer der Umstehenden will wissen, ob man auch in die Hölle komme, wenn man unwissentlich zum Kannibalen geworden sei. Er hoffe es nicht, entgegnet Naidoo. Aber: Keiner solle sich wundern, wenn „morgen eine Flut käme oder Feuer vom Himmel regnen würde“, denn es seien „alle schuld“, bedient der 54-Jährige alttestamentarische Motive. 

Naidoo nimmt Bezug auf Epstein-Files

Durch den Fall des Sexualstraftäters Epstein, der ein pädophiles Missbrauchsnetz initiierte, in das mutmaßlich auch Prominente verstrickt waren, sieht sich Naidoo offenbar in seinen früheren Theorien bestätigt. Es geht um eine globale Elite, Kindesmissbrauch und politische Netzwerke, die alles vertuschen würden. Naidoo sagte kürzlich in einem wieder gelöschten Video, man müsse alles „daransetzen, die Kinder, die noch in den Klauen dieser Monster sind, zu befreien.“ Erwähnungen von Kannibalismus finden sich in den Epstein-Files allerdings nicht.

Naidoo war in den vergangenen Jahren immer wieder durch krude Verschwörungstheorien aufgefallen und hatte dabei auch Kontakte ins rechtsextreme Lager gepflegt. Er verteidigte den Aktivisten Attila Hildmann und wiederholte Narrative der Reichsbürger-Bewegung, indem er die Legitimität der Bundesrepublik Deutschland infrage stellte. Naidoo tätigte antisemitische Aussagen bis hin zur Holocaust-Leugnung, die ihm zwei Verfahren wegen Volksverhetzung einbrachten. 

2021 nahm Naidoo den Song „Heimat“ auf, zusammen mit dem Rechtsextremen Hannes Ostendorf. Im Video werden Bilder von Querdenker- und Coronaleugner-Demonstrationen gezeigt. 

Naidoo ist Anhänger der QAnon-Ideologie

Der Sänger fiel aber auch durch noch abwegigere Theorien auf – hier schließt sich der Kreis zu den aktuellen Statements Naidoos. So verbreitete er Mythen aus der QAnon-Ideologie, laut der satanistische Eliten Kinder foltern, um die Substanz „Adrenochrom“ zu gewinnen, die Erde in Wirklichkeit flach sei und der menschengemachte Klimawandel nicht existiere. 

2022 kam dann die Wende: Der Musiker zeigte sich geläutert und rückte von seinen früheren Ideologien ab – zumindest schien es so, nachdem Naidoo gesellschaftlich geächtet wurde und er auch wirtschaftlich extreme Einbußen hatte, da Konzerte abgesagt wurden. „Ich habe mich Theorien, Sichtweisen und teilweise auch Gruppierungen geöffnet, von denen ich mich ohne Wenn und Aber distanziere und lossage“, behauptete der Sänger in einem Video.

Xavier Naidoo tritt auch in Köln auf

Es gab erhebliche Zweifel an dem Sinneswandel des Sängers – zu lang war es nach Ansicht vieler Naidoos Taktik gewesen, mit extremistischen, rassistischen und homophoben Ausfällen zu provozieren, um dann wieder zurückzurudern. Die Distanzierung reichte allerdings, um wieder auf Tour gehen und große Hallen füllen zu können. In Köln fand im Dezember 2025 das Auftaktkonzert zur Comeback-Tournee „Bei meiner Seele“ statt, Naidoos Fans feierten den 54-Jährigen.

Die jüngsten Äußerungen Naidoos zeigen allerdings, dass der Sänger ganz offensichtlich nicht von seinen abstrusen und gefährlichen Theorien Abschied genommen hat. Am Dienstag forderte er mit den Mitdemonstranten Aufklärung vom Kanzleramt im Fall der Epstein-Akten, da er offensichtlich von einer großangelegten politischen Verschwörung ausgeht. Er wolle „Antworten von den höchsten Stellen“, so Naidoo. Das Kanzleramt äußerte sich allerdings nicht dazu, man verwies auf eine schriftliche Anfrage, die notwendig sei.