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Krankenkasse warntGrippeimpfquote auf niedrigstem Stand seit der Pandemie

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ILLUSTRATION - 03.04.2025, Berlin: Eine Spritze mit dem Impfstoffetikett «Influvac» liegt auf einem gelben Impfpass mit ärztlichen Eintragungen. (zu dpa: «Grippeimpfung nicht verfügbar? Hausärzte gegen Bestellregeln») Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Nur vier von zehn Risikopatienten bei der Barmer sind gegen die Grippe geimpft - obwohl die Stiko den Schutz empfiehlt.

Für die „unzureichenden“ Impfquoten macht eine Expertin ein Bündel von Gründen verantwortlich, darunter Informationsdefizite und wachsende Skepsis von Patienten.

Die Zahl der über 60-Jährigen, die sich wie von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen gegen Grippe impfen lassen, ist auf einen neuen Tiefstand seit dem Ende der Corona-Pandemie gefallen. Nach aktuellen Daten der Krankenkasse Barmer wurden 2023 nur 40,8 Prozent dieser Versicherten gegen Influenza geimpft. Im ersten Corona-Jahr 2020 lag die Quote noch bei knapp 49 Prozent. Sie fällt seitdem und nähert sich dem Vor-Pandemie-Niveau an, das etwa 39 Prozent betragen hatte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt hingegen eine Quote von 75 Prozent.

Barmer-Chef Christoph Straub sprach von „dramatisch zu niedrigen Impfquoten“. Da die zweitgrößte Krankenkasse Deutschlands mehr als acht Millionen Menschen versichert, sind ihre Daten repräsentativ für die gesamte Bevölkerung. Impfzahlen für 2024 und 2025 liegen noch nicht vor. Bei den 60- bis 69-Jährigen lag die Impfquote 2023 lediglich bei 29,8 Prozent. Erst ab 80 Jahren wird mit gut 52 Prozent knapp die Hälfte erreicht.

Laut den Daten sind auch die Impfquoten in den einzelnen Bundesländern höchst unterschiedlich: Die niedrigste Quote wurde mit 29,7 Prozent in Baden-Württemberg registriert, die höchste in Sachsen-Anhalt mit 55,2 Prozent.

Auch Pflegebedürftige viel zu selten geimpft

Den Barmer-Zahlen zufolge wurden selbst Menschen mit einem besonders hohen Gesundheitsrisiko zu selten gegen Grippe geimpft. Von den Pflegebedürftigen in stationären Pflegeeinrichtungen waren nur 48,9 Prozent geimpft und bei den häuslich Pflegebedürftigen 45,6 Prozent. Ambulant und stationär Pflegebedürftige ab 70 Jahren wurden den Angaben der Barmer zufolge sogar seltener gegen Influenza geimpft als Versicherte in dieser Altersgruppe ohne Pflegeleistungen.

Die Leiterin der Infektionsambulanz und des Studienzentrums Infektiologie I an der Kölner Uniklinik, Professorin Clara Lehmann, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, die Zahlen der Barmer deckten sich mit ihren Beobachtungen im Klinikalltag. „Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen sind unzureichend geimpft und müssen dann zum Beispiel infolge einer Influenza-Infektion stationär behandelt werden.“ Für die „unzureichenden“ Impfquoten machte die Expertin ein Bündel von Gründen verantwortlich, darunter Informationsdefizite und wachsende Skepsis von Patienten. Nicht zuletzt seien die Impfungen auch „Opfer des eigenen Erfolgs: Weil Krankheiten selten geworden sind, unterschätzen wir die Gefahr.“

Prof. Dr. Clara Lehmann   sitzt an ihrem Schreibtisch

Prof. Dr. Clara Lehmann von der Uniklinik Köln hat immer wieder mit Patienten zu tun, die infolge einer Influenza-Infektion stationär behandelt werden müssen.

Weil Krankheiten selten geworden sind, unterschätzen wir die Gefahr
Professorin Dr. Clara Lehmann von der Uniklinik Köln

Auch Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigen einen Rückgang der bundesweiten Impfaktivität nach der Pandemie. Für NRW liegt sie demnach bei 34 Prozent. Besonders impfmüde ist man im Kreis Euskirchen (29 Prozent) sowie im Oberbergischen Kreis (27 Prozent). Schlusslicht ist aber Bottrop. Dort ist nur jeder Vierte der Zielgruppe ab 60 gegen die Grippe geimpft. Vergleichsweise vorbildlich an die Vorgaben hält man sich dagegen in Bonn (40 Prozent), sowie Mülheim an der Ruhr. Auch Köln liegt mit 38 Prozent über dem RKI-Bundesschnitt von 34 Prozent.

Nach Karneval Anstieg der Infektionen erwartet

Für die Weiberfastnachtswoche meldet das Landesamt für Gesundheits- und Arbeitsschutz unterdessen einen Rückgang der Influenza-Infektionszahlen in NRW um 15 Prozent auf gemeldete 3704 Fälle. Zumindest für Köln könnte die Welle aber dennoch noch einmal Fahrt aufnehmen. So stiegen die Zahlen im vorigen Jahr in der Woche nach Karneval in der Stadt um etwa zehn Prozent.

Die Kölner Hausärztin Dr. Mirjam Antz berichtet, derzeit sei die Infektionssprechstunde „so voll wie noch nie in diesem Jahr“. Ihr Wartezimmer sei überfüllt. Die Ärztin geht davon aus, dass die Welle noch bis zu zwei Wochen andauern wird. Eine Grippeimpfung sei für diese Saison nicht mehr zu empfehlen, da der Aufbau des Schutzes ebenfalls knappe zwei Wochen dauere und sich so „eine Ansteckung wahrscheinlich nicht mehr verhindern“ ließe. Aber für den Oktober solle man sich für den Pieks schon „eine Notiz im Kalender machen“.

Unsere Infektionssprechstunde ist nach dem Karnevalswochenende so voll wie noch nie in diesem Jahr
Dr. Mirjam Antz, Hausärztin und Internistin

Die Stiko empfiehlt die jährliche Impfung gegen Grippe für alle, die ein erhöhtes Risiko haben, besonders schwer zu erkranken. Hierzu gehören demnach Menschen ab 60 Jahren, chronisch Kranke jeden Alters, Schwangere sowie Bewohner von Pflegeheimen. Auch Angehörigen oder Pflegenden von Risikopersonen wird die Impfung empfohlen. Lehmann bekräftigte den Rat nationaler und internationaler Fachgesellschaften. Die positive Wirkung gehe zudem weit über den Infektionsschutz hinaus. So senke die Influenza-Impfung nachweislich auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.