Herbert Grönemeyer wird 70: Angesichts einer kriselnden wie gespaltenen Gesellschaft braucht es ihn als Mahner und Mutmacher dringlicher denn je.
Das Gewissen der NationHerbert Grönemeyer wird 70

Herbert Grönemeyer vollendet sein 70. Lebensjahr. Zu sagen hat die Pop-Ikone noch so einiges. (Bild: 2023 Getty Images/Gerald Matzka)
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Auf den ersten Blick wirkt es, als widmete sich Herbert Grönemeyer vor seinem 70. Geburtstag noch einmal rückblickend seiner so eindrücklichen wie erfolgreichen Karriere. Seine letzten beiden Veröffentlichungen, eine zweite „Unplugged“-Platte (2025) sowie eine Sonderedition zum 40-Jahre-Jubiläum seines Durchbruchalbums „4630 Bochum“, könnten auch als Teil einer rekapitulierenden Werkschau durchgehen. Derweil erscheint die kürzliche Ehrung mit dem Deutschen Nationalpreis für seine „außerordentliche künstlerische Leistung und zugleich sein überzeugendes Engagement für die Werte unserer Demokratie“ ebenso als Reminiszenz an einen großen Künstler und leidenschaftlichen Humanisten wie das anderthalbstündige Doku-Porträt „Grönemeyer: Alles bleibt anders“, mit dem die ARD den Jubilar nun ehrt (Montag, 13. April, 20.15 Uhr, im Ersten, bereits in der Mediathek). Und doch: Grönemeyer, der Ins-Gedächtnis-Rufer, der emotionale Mahner, der sozial engagierteste der hiesigen Popmusiker, bleibt in diesen aufreibenden Zeiten selbstredend aktueller und wichtiger denn je.
Die gesellschaftliche Spaltung, der Rechtsruck, der autoritäre Backlash, das Schicksal der Ausgebeuteten und Geflüchteten - seit längerer Zeit sind das die großen Themen jenes Mannes, der mit seiner Musik die Seele dieses Landes ausleuchtet wie kein Zweiter, sie zugleich versteht, verortet und verkörpert. Wie kaum ein anderer Künstler repräsentierte der Superstar mit Kumpelattitüde in den vergangenen Jahren das oft imaginierte „gute Deutschland“ in all seinen Facetten und Widersprüchlichkeiten. Wenn der Kosmopolit aus Bochum am 12. April sein 70. Lebensjahr vollendet, braucht es ihn weiterhin als empathisches Gewissen der (Pop-)Nation.
Hochpolitisch und tanzbar
„Sie sind die Helden dieser Zeiten / Unsere Rückgrate, unser Stand“: 2020, kurz nach Beginn der Coronakrise, schuf Grönemeyer eine Hymne für die Pandemie-Helden. Ein reflektierter Patriotismus, der an seinen Song „Unser Land“ von 2014 erinnerte, mit dem Grönemeyer auf seinem Album „Dauernd jetzt“ eine Art Liebeslied an Deutschland verfasste: „Es ist allerhand hier zu sein / So ein schönes Land / Ganz allgemein / Die wahre Tücke steckt im Detail“. In jenen Zeilen spiegelte sich das bundesrepublikanische Gemüt des Ruhrpottlers und dessen sympathische Ambivalenz. Zwischen Malocher-Habitus und dem feinen Zwirn des Weltbürgers, zwischen Heimatliebe und konstruktiver Kritik an hiesigen Missständen.

Mit 20 Millionen verkauften Platten ist Herbert Grönemeyer einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiker aller Zeiten. (Bild: 2022 Getty Images/Andreas Rentz)
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Als vor etwa zehn Jahren Pegida und Co. aufkamen, geriet Grönemeyer zum politischen Vorkämpfer, kommentierte die gesellschaftliche Lage und den Aufstieg der Rechten, spielte auf Pro-Flüchtlings-Konzerten und Benefiz-Veranstaltungen. Es brodelte in dem Ausnahmekünstler, und das tut es auch heute, da die Umstände nicht unbedingt leichter werden. Wer, wenn nicht er, sollte sich auch musikalisch mit jenen chaotischen Zeiten beschäftigen? Auf seinen letzten beiden Studioalben „Tumult“ (2018) und „Das ist los“ (2023) schuf er hochpolitische - und tanzbare - Kommentare zur von Kriegen, Krisen und Flucht geprägten Gegenwart. Mit Songs, die weder die Angst noch die Wut verschwiegen; die vor allem Mut machen sollen, sich klar zu positionieren und zu engagieren.
Aufgeben gibt es für ihn nicht
„Nichts ist wie, was man Heimat nennt / Man ist hier fremd, man ist gelähmt / Weil man nie vergisst, dass der Schlüssel nicht mehr schließt“, sang er auf seinem aktuellen Album im Song „Der Schlüssel“. Dass die mannigfaltigen Ereignisse hierzulande und anderswo bisweilen die Übersicht verlieren lassen, deutete Grönemeyer auch an: „Bankenkrise, Emirat, Schuldenbremse, Windradpark / Lifehacks, Burnout, Horoskop, Cis, binär und transqueerphob“, zählte das Titellied seines 16. Studioalbums auf - „Was ist, Kid, kriegst du noch was mit?“. „Wir könnten uns noch retten“, heißt es im Stück „Deine Hand“, in dessen Video er sich vor den protestierenden Frauen im Iran verneigte. Aufgeben - das gibt es für Grönemeyer nicht, weder politisch noch privat.
Shitstorms nach politischen Äußerungen oder unter Songs wie „Doppelherz / Iki Gönlüm“ (2018) sei er gewohnt, kommentierte der einstige Konsensmusiker, der bei Rassisten und anderen Menschenfeinden mehr und mehr zur Hassfigur geriet. Grönemeyer gilt ihnen als Inbegriff des beleidigend gemeinten Ausdrucks „Gutmensch“. Dass er tatsächlich einer ist - daraus machte er nie einen Hehl, immer wieder positioniert er sich klar gegen Ungerechtigkeiten und auch gegen rechte Hetze. Anecken, das kann er, jenseits aller Chart-Tauglichkeit. Mit der bräsig-aufgeblasenen Charity-Kultur Hollywood'scher Prägung hat ein Grönemeyer nur wenig gemein. Mehr als selbstbeweihräuchernde Naivität treibt ihn demokratischer Trotz.
Eine besondere und verklärte Figur
Jene Trotzhaltung im besten Sinne, jene Standhaftigkeit des väterlichen Aufklärers, machte aus Grönemeyer im seichten Gewässer der Kulturindustrie eine besondere und auch verklärte Figur. Ebenso wie einst Angela Merkels Frage nach „unserem Land“ goss Grönemeyer auch das 2015er-Diktum der damaligen Kanzlerin „Wir schaffen das“ im Grunde schon lange zuvor in Lieder. Aus dem „Ich schaffe das“ in der schwersten Zeit seines Lebens, nachdem 1998 zuerst sein Bruder und kurz darauf seine Frau starben, erwuchs 2002 mit „Mensch“ nicht nur das meistverkaufte deutsche Album aller Zeiten, sondern auch die Grundlage für sein Schaffen der vergangenen Jahre.
Bewirkten seine leichtfüßig-abgeklärten 80er- und 90er-Jahre-Hits wie „Männer“, „Alkohol“ und „Luxus“, dass man Grönemeyers unvergleichliche Stimme fortan vom Stammtisch bis zur Comedy-Show standardrepertoiremäßig imitierte, waren die letzten fast 25 Jahre anders geprägt: Der ambivalente Leidenschaftsmensch trat stärker hervor und traf sich mit dem experimentierfreudigeren Musikliebhaber zum Pop-Stelldichein. Wie bereits vor dem Schicksalsjahr 1998, doch wesentlich subtiler und unendlich intensiver, erforschte Grönemeyer von „Mensch“ über „12“ und „Schiffsverkehr“ bis „Dauernd jetzt“ und insbesondere zuletzt in „Tumult“ und „Das ist los“ das Wirken des Zeitgeistes, konkreter: des deutschen. Sein oft kritisierter Wohnsitz in London dürfte dem seit langer Zeit wieder in Berlin Lebenden dabei immer geholfen haben.
Generationenübergreifende Ikone
Keiner verknüpft Introspektive und beobachtenden Blick von außen so präzise: Grönemeyers Lieder vertonen das Gefühl der Gegenwart, zugleich finden sie in der lockeren Poesie des Allzumenschlichen immer das Konstante, das Zeitlose. Schnell schwang er sich so zum Mittelstands-Hoffnungsmacher par excellence auf - ohne jedoch die hohlen Durchhalteparolen des üblichen Pop-Geschäfts zu bedienen. Denn Grönemeyer hebt sich nicht nur in Sachen politischer Haltung von den rückgratlosen üblichen Interpreten des Chart-Grundgeblubbers ab. Von dessen plätschernder Langeweile emanzipiert ihn auch seine Fähigkeit, Stimmungen in modernem Popgewand zu verdichten, ohne dabei je den Ereignishorizont des Beliebigen oder Kitschigen zu streifen.
Mit Blick auf den vielfach Ausgezeichneten, der auch als Produzent mit seinem Plattenlabel Grönland sowie als Schauspieler (“Das Boot“) Erfolge feierte und der bislang über 20 Millionen Platten verkaufte, müsste man Begriffe wie „Konsensmusiker“ und „Massentauglichkeit“ im Grunde neu definieren, als etwas Positives, Erstrebenswertes. Viele gibt es nicht, deren Lieder von der Hausfrau am Radio und vom Punk im Jugendklub ebenso mitgesungen werden wie auf der Schlagerparty und in der Studi-WG. Dass er auch mit über 70 eine generationenübergreifende Ikone bleibt, mit allen Ambivalenzen und Konflikten, erscheint wie eine seltene Gewissheit in diesen krisengebeutelten Zeiten. (tsch)
