Ob Synthie-Pop, Rock oder Soul-Klassiker: Das Musikjahr 1986 war bunt. Wir erinnern an die 11 größten Hits des Jahres.
Vor 40 JahrenErinnern Sie sich noch an die 11 größten Hits des Jahres 1986?

Das deutsche Pop-Duo Modern Talking mit Thomas Anders (l) und Dieter Bohlen hatte gleich zwei Nummer-eins-Hits im Jahr 1986. „Brother Louie“ war besonders erfolgreich. (Archivbild)
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Das Jahr 1986 war ein Jahr der extremen Kontraste, in dem tiefe Verunsicherung und ausgelassene Lebensfreude in Deutschland unmittelbar aufeinandertrafen. Die Katastrophe von Tschernobyl im April hinterließ eine bleibende Zäsur im kollektiven Bewusstsein; plötzlich waren unsichtbare Gefahren und die Angst vor der Atomkraft das alles beherrschende Thema im Alltag.
Gleichzeitig befand sich die Gesellschaft mitten im wirtschaftlichen Aufschwung der Ära Kohl, was einen starken Drang nach Zerstreuung und Konsum auslöste. Man flüchtete vor den düsteren Nachrichten der Weltpolitik in die bunte, glitzernde Welt des Privatfernsehens, das gerade erst laufen lernte.
Diese Spannung zwischen politischer Schwere und dem Wunsch nach glamouröser Eskapismus bildete den perfekten Nährboden für eine Musiklandschaft, die zwischen skandalösen Texten und perfekt durchgestyltem Pop oszillierte.
Europe – „The Final Countdown“
„The Final Countdown“ von Europe, Schwedens Antwort auf Bon Jovi, zählt zu den prägenden Hits des Jahres 1986 und ist schon am markanten Synthesizer-Intro eindeutig zu erkennen. Ursprünglich standen einige Bandmitglieder dem dominanten Keyboard-Teppich skeptisch gegenüber, da er den eher rockigen AOR-Ansatz der Band überlagert hätte. Frontmann und Songwriter Joey Tempest setzte sich jedoch durch und formte daraus den entscheidenden Hook des Songs.
Das Ergebnis war ein Welthit, der in Deutschland Platz eins erreichte und den Song zu einem der größten internationalen Rockhits der Dekade machte. Der Titel wurde schnell zum festen Bestandteil von Radio, Sportevents und großen Shows, bei denen ein dramatischer musikalischer „Countdown“ gefragt ist. Bis heute gilt er als archetypische 80er-Jahre-Hymne.
Modern Talking – „Brother Louie“
Mit „Brother Louie“ – einer klassischen Dreiecksgeschichte und dem Unterton „lass die Finger von meiner Frau“ – setzte Modern Talking auf das bewährte Erfolgsrezept aus eingängigen Falsett-Refrains und Euro-Disco-Beats. Neben „Atlantis Is Calling (S. O. S. for Love)“ war es ein weiterer Nummer-eins-Hit im Jahr 1986 für das Duo. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Duo auf dem Höhepunkt seiner Popularität und löste eine enorme Welle an Aufmerksamkeit aus, die sich bald in eine Überpräsenz in den Medien und eine zunehmende Abnutzung des Images verwandelte.
Spätestens Ende des darauffolgenden Jahres kippte die Stimmung, getragen von den Schlagzeilen der Boulevardpresse, die vor allem Dieter Bohlen und Thomas Anders samt dessen damaliger Ehefrau Nora immer wieder ins Zentrum rückte. Bohlen und Anders gingen getrennte Wege. Nach der ersten Trennung folgte 1998 das Comeback, das noch einmal an frühere Erfolge anknüpfte, bevor sich das Projekt 2003 endgültig auflöste.
Level 42 – „Lessons in Love“
Die bereits 1979 gegründete Band brachte technisch anspruchsvollen Funk-Pop in die Mainstream-Charts und bestach vor allem durch das virtuose Bassspiel von Mark King. Mit „Lessons in Love“ schaffte es die Band sogar bis auf Platz eins der deutschen Charts – ironischerweise in Großbritannien „nur“ auf Platz drei.
In einer Zeit, die stark von programmierten Synthesizern dominiert war, löste diese handgemachte, aber hochmoderne Produktion große Anerkennung bei Musikern und Fans gleichermaßen aus. Die Band hatte danach nur noch kleinere Hits in Deutschland, dafür in ihrer britischen Heimat sieben Top-10-Alben und sechs Top-10-Singles.
Münchener Freiheit – „Ohne dich (schlaf ich heut Nacht nicht ein)“
Dieses Lied ist bis heute nicht aus den Radios des Landes wegzudenken. Mit ihrem Fokus auf romantische Sehnsucht und harmonischen Satzgesang löste die Münchener Freiheit eine Welle der Begeisterung für melodischen Deutsch-Pop aus, der sich deutlich von der ausklingenden Neuen Deutschen Welle abhob. Dabei schwamm das Debüt der Band, „Umsteiger“ (1982), noch ordentlich auf der NDW-Welle.
Über 600.000 Singles wurden damals von „Ohne dich“ verkauft – Platz zwei in den Single-Charts. In der ZDF-Hitparade erreichten die Jungs sogar Platz eins.
Kaum jemand erinnerte sich zu diesem Zeitpunkt noch daran, dass der damalige Leadsänger Stefan Zauner einst Krautrock spielte und Teil der Band Amon Düül 2 war. Später arbeitete er auch mit Stars wie Brian May von Queen, den Fantastischen Vier oder Nicole zusammen.
Samantha Fox – „Touch Me (I Want Your Body)“
Mit diesem Titel gelang dem ehemaligen Topless-Model der Sprung vom Pin-up-Girl zum internationalen Popstar, wobei sie gezielt als neues Sexsymbol der Musikindustrie vermarktet wurde. Der Song und das freizügige Image lösten kontroverse Diskussionen über die Inszenierung weiblicher Sexualität im Pop aus.
Viele spekulierten schnell über ein mögliches One-Hit-Wonder, doch Samantha Fox legte nach. Es folgten Hits wie „Do Ya Do Ya (Wanna Please Me)“, „Nothing's Gonna Stop Me Now“ oder „I Surrender (To The Spirit Of The Night)“. Bis exakt zum Wechsel ins nächste Jahrzehnt prägte sie das visuelle Zeitalter von MTV entscheidend mit. Danach ging es schlagartig bergab. Warum? Das lesen Sie hier:
Chris Norman – „Midnight Lady“
Der ehemalige Smokie-Sänger verdankte diesen Nummer-eins-Hit einer Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen, der das Lied speziell für den Schimanski-Tatort „Der Tausch“ komponierte. Bohlen erinnerte sich schlicht an einen seiner Lieblingssänger von einst, bei dem zu dieser Zeit – wie er es in seiner Autobiografie mal augenzwinkernd beschrieb – „nichts mehr lief, außer der Nase“.
Für Chris Norman bedeutete das Lied ein fulminantes Comeback und gleichzeitig den Beginn einer mehrjährigen Zusammenarbeit mit Bohlen. Für den Sänger, der sich eigentlich als ernsthafter Rocker und Singer-Songwriter sah, wurde der Erfolg jedoch zur Last, weshalb er die Verbindung schließlich wieder kappte. Die deutsche Version sang übrigens Roland Kaiser.
Bruce & Bongo – „Geil“
Das von zwei in Deutschland stationierten britischen Soldaten (!) aufgenommene Lied thematisierte das damalige Modewort der Jugendkultur. Da der Begriff „geil“ zur damaligen Zeit noch als anstößig galt, löste der Gaga-Song Empörung bei vielen Eltern und Pädagogen aus, was ihn bei Jugendlichen nur noch beliebter machte. Im Text wird auch der damalige Wimbledon-Sieger Boris Becker genannt – was ihm zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffte.
Nach dem „The Geil Album“ auf „Geil Records“ war der Witz verflogen und die nächste Single „Heigh Ho - Whistle While You Work“ erreichte nur noch Platz 29 in Deutschland. In der britischen Heimat des Duos floppten alle Platten gnadenlos. Bruce Hammond Earlam und Douglas „Bongo“ Wilgrove blieben ein One-Hit-Wonder, tingelten aber noch einige Jahre in der Musikwelt weiter im Hintergrund – sowohl als Songwriter für Dance-Acts wie Daisy Dee als auch als Produzenten. Heute leben beide zurückgezogen.
Sam Cooke – „Wonderful World“
Eigentlich ein Soul-Klassiker aus den frühen 60er Jahren, erlebte das Lied 1986 durch einen ikonischen Werbespot für Levi’s-Jeans ein gewaltiges Comeback. Es landete 26 Jahre nach der originalen Veröffentlichung in Deutschland ganz oben in den Charts (Platz zwei). Dieser Erfolg löste einen Trend aus, bei dem alte Klassiker durch die Verwendung in der Werbung wiederentdeckt und zu Hits für eine völlig neue Generation wurden.
So tummelten sich in den darauffolgenden Jahren plötzlich auch die Soul-Legenden Jackie Wilson mit „Reet Petite“, Percy Sledge mit „When A Man Loves A Woman“ oder Nina Simone mit „My Baby Just Cares For Me“ wieder in den Charts. Auch der große Erfolg des „Dirty Dancing“-Soundtracks, der teils Songs aus dieser Zeit beinhaltet, knüpfte daran an. Der große Soulsänger Sam Cooke erlebte sein Comeback übrigens nicht mehr – er war bereits 1964 – angeblich in Notwehr – von einer Motelmanagerin erschossen worden.
Bananarama – „Venus“
Die drei Britinnen nahmen sich diesen Klassiker von Shocking Blue aus dem Jahre 1969 vor und verwandelten ihn mit Hilfe des damals erfolgreichsten Produzenten-Trios Stock-Aitken-Waterman in eine energiegeladene Tanznummer. Der Song schwamm gekonnt auf dem weltweiten Boom des Hi-NRG-Sounds aus und etablierte Bananarama endgültig als eine der erfolgreichsten Girlgroups der Dekade.
In Deutschland landete das Trio auf Platz zwei. In den USA kamen sie damit sogar bis auf Platz eins. Selbst der Songwriter von „Venus“, Robbie van Leeuwen, zeigte sich begeistert: Das Gründungsmitglied von Shocking Blue soll sich bei Bananarama bedankt haben, weil sie ihn mit dem Hit „reich gemacht“ hätten – und laut ihrer Schilderung sogar auf die Knie gegangen sein und ihnen die Füße geküsst haben.
Status Quo – „In the Army Now“
Die britischen Rock-Veteranen Status Quo landeten mit dieser Coverversion einen ihrer größten und ernsthaftesten Erfolge, der sich thematisch kritisch mit dem Soldatenleben auseinandersetzt. Der Song war ein frischer Ansatz für die 1962 gegründeten Band, da er durch den marschähnlichen Rhythmus und die düstere Atmosphäre einen starken Kontrast zum sonst eher partytauglichen Boogie-Rock der Band bildete.
Interessanterweise wurde dieser Hit von den niederländischen Bolland-Brüdern geschrieben, die damit bereits 1981 einen Hit in Teilen Europas hatten. Wussten Sie, dass Status Quo zu den ältesten Rockbands der Welt gehört?
Falco – „Jeanny, Part I“
Dieser Song – ebenfalls aus dem Hause Bolland – war der mit Abstand größte Skandal des Jahres. Wiens Pop-Export Nummer eins Falco gab darin den psychopathischen Entführer und spielte mit der Perspektive eines Täters gegenüber seinem Opfer. Der dazugehörige Videoclip verstärkte den Eindruck, dass es sich bei dem von Falco gespielten Protagonisten um einen psychotischen Mörder handelt.
Trotz massiver Boykottaufrufe von Frauenverbänden und Sendungsverboten – manche Stationen nahmen ihn „aus ethischen Gründen“ konsequent aus dem Programm – stürmte das Lied die Charts. Es löste eine landesweite Debatte über die Grenzen von Kunstfreiheit und Moral aus. Unvergessen bleibt dabei der „Newsflash“ im Lied, gesprochen vom damaligen „Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben.
Falco festigte damit seinen Status als exzentrischer Weltstar „Made in Austria“ und legte später die zahmere Fortsetzung „Coming Home (Jeanny Part 2, ein Jahr danach)“ vor. Eine weitere Nummer eins, die nebulös offen lässt, ob Jeanny nun lebt oder tot ist.



