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Langzeit-Arbeitsloser prahlt in ZDF-Doku„Es hätte in keinem anderen Land der Welt so funktioniert“

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Ein Bürgergeldempfänger gesteht gegenüber Sarah Tacke, dass er den Staat seit Jahrzehnten mit Schwarzarbeit betrügt.
 (Bild: ZDF/Sebastian Wagner)

Ein Bürgergeldempfänger gesteht gegenüber Sarah Tacke, dass er den Staat seit Jahrzehnten mit Schwarzarbeit betrügt. (Bild: ZDF/Sebastian Wagner)

Wie einfach ist es, das „System Bürgergeld“ auszunutzen? Glaubt man der neuen „Am Puls“-Dokumentation im ZDF, ist die Zweckentfremdung staatlicher Unterstützung für Betrüger ein Leichtes.

„Der finanzielle Schaden durch Steuerhinterziehung, durch Cum-Ex-Geschäfte der Reichen, ist um ein Vielfaches höher als der durch Bürgergeldbetrüger“, weiß Sarah Tacke. Dennoch widmet sich die ZDF-Reporterin in ihrer neuen „Am Puls“-Doku zum wiederholten Male denjenigen, die vom - so der Titel der Sendung - „System Bürgergeld“ profitieren.

So trifft sie einen Mann, der unerkannt bleiben will. Immerhin mache er sich „mutmaßlich strafbar“, wie die Journalistin anmerkt. Seit etwa 40 Jahren nutze er das System aus, erzählt der Anonyme stolz: „Nach der Lehre wurde ich mal kurz arbeitslos und stellte fest: Ups, du kriegst ja ohne zu arbeiten doch eine ganze Menge Geld. So schlecht ist das ja gar nicht.“

Aktuell erhalte er monatlich 1.750 Euro vom Staat. Durch zwischenzeitliche Festanstellungen und Krankschreibungen sei es ihm gelungen, sich - wie es im Film heißt - „fast ununterbrochen den Anspruch auf das deutlich lukrativere Arbeitslosengeld zu sichern“. Der Mann erklärt: „Die Krankenkassen zahlen 76, 78 Wochen Krankengeld, das sind 70, 80 Prozent vom Nettolohn. Und die habe ich dann gerne mitgenommen. Und Anfang nächsten Jahres gehe ich in die Altersrente.“

Bürgergeld und Schwarzarbeit: „Verstehe, dass dasauch asozial ist“

Sarah Tacke widmet sich in ihrer neuen Doku dem „System Bürgegeld“ - und damit einem überaus brisanten und heiß diskutierten Thema. (Bild: ZDF)

Sarah Tacke widmet sich in ihrer neuen Doku dem „System Bürgegeld“ - und damit einem überaus brisanten und heiß diskutierten Thema. (Bild: ZDF)

Weiter prahlt er: „Es hätte in keinem anderen Land der Welt so funktioniert - weder in Holland, Schweiz, Dänemark, wo auch immer. Kompliment und Dankeschön an den deutschen Staat!“ Schuldgefühle habe er nicht, wohl aber das Bewusstsein, dass sein Lebensstil anecken könnte: „Ich passe auf, dass ich nicht jedem alles erzähle“, verrät er, „denn ich bin sonst sozial ganz schnell geächtet.“

Vor gesellschaftlicher Ausgrenzung fürchtet sich Sarah Tackes nächster Gesprächspartner nicht. Dennoch wünscht auch er, anonym zu bleiben. Er habe im vergangenen Jahr als Handwerker fast „60.000 Euro Umsatz“ gemacht, berichtet der Mann - und zwar schwarz. Damit könne er „natürlich sehr gut leben“, zumal er zusätzlich Bürgergeld beziehe. „Die Miete ist bezahlt, die Heizung ist bezahlt, man ist krankenversichert. Also die Basics sind okay, und jeder Euro, den ich schwarz verdiene, ist dann Taschengeld.“

Das Jobcenter ahnt davon nichts. Dort ließ sich der Befragte lange Zeit kaum blicken: „Ich habe anderthalb Jahre lang jeden Termin kommentarlos versäumt und war für die nicht existent. Und das Geld kam trotzdem.“ Als ihn Sarah Tacke fragt, ob er ein schlechtes Gewissen habe, antwortet er: „Jein. Dem Staat gegenüber natürlich schon.“ Er „verstehe, dass das auch asozial ist in gewisser Weise“, erklärt er: „Das ist unsolidarisch.“

In seinem beruflichen Kontext gehe er dennoch offen mit dem Betrug um. „Viele meiner Kunden wissen das auch und die sind völlig fein damit.“ Denn: „Die machen einen Unterschied, ob ein Bürgergeldempfänger den Vormittag schläft und bis nachts um zwei Computer spielt - oder ob ein Bürgergeldempfänger morgens um sechs aufsteht und eine vernünftige Arbeit macht zum fairen Preis.“

„Ein Sozialstaat, der sich ausnehmen lässt, wird auch ausgenommen“

Wie derart blinde Flecken im System überhaupt entstehen können, weiß Silke Pusakowski vom Jobcenter Berlin Tempelhof-Schöneberg. „Wir haben so viele Kunden zu betreuen, dass man sich gerne auf die Leute stützt, die meine Hilfe auch wollen“, sagt sie. „Und dann fällt der andere, der zu den Terminen nicht kommt, halt schnell mal runter.“

Eine mögliche Lösung hierfür hat man in Dänemark gefunden. Dort müssen sich Leistungsberechtigte selbst um Termine bemühen, wie der Leiter des Warendorfer Jobcenters Kai John erklärt: „Dann brauchen wir nicht mehr über Meldeversäumnisse und Sanktionen diskutieren.“ Das Prinzip ist denkbar simpel: „Wenn der Bürger sich selber keinen Termin holt, bekommt er keine Leistungen mehr.“ Das hält auch Sarah Tacke für sinnvoll - schließlich haben ihre Recherchen der ZDF-Journalistin vor allem eines gezeigt: „Ein Sozialstaat, der sich ausnehmen lässt, wird auch ausgenommen.“

Zu sehen gibt es die Dokumentation „Am Puls mit Sarah Tacke - System Bürgergeld: Leben ohne Leistung?“ am Donnerstag, 14. Mai, um 22.15 Uhr im ZDF und bereits am Mittwoch, 13. Mai, im Streamingportal des Senders. (tsch)