1976 war ein Meilenstein für die Musikwelt. Von epischem Stadion-Rock bis zum rohen Punk – diese elf Hymnen prägten eine ganze Generation.
Hits vor 50 JahrenErinnern Sie sich noch an die 11 größten Rockklassiker von 1976?

Die US-amerikanische Hard-Rock-Band Kiss feierte 1976 einen ihrer größten Hits. Doch die Rockstationen spielten einen ganz anderen Song. (Archivbild)
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Vor 50 Jahren befand sich die Rockmusik im Umbruch: Während etablierte Größen ihre größten Hymnen veröffentlichten, kündigten neue Bands bereits die nächste Generation an. 1976 entstanden Songs, die bis heute aus den Radioprogrammen nicht wegzudenken sind – mit markanten Gitarrenriffs, großen Melodien und einer gehörigen Portion Rebellion. Es war ein Jahr zwischen Classic Rock, Hard Rock und den ersten lauten Vorboten des Punk. Welche Titel aus dieser Zeit haben sich bis heute ins Gedächtnis eingebrannt?
Eine Anmerkung zur Auswahl: Eine einheitliche Rockhitparade, wie man sie heute aus Streaming- und Genrecharts kennt, gab es 1976 noch nicht. Die Zusammenstellung orientiert sich deshalb nicht ausschließlich an Chartplatzierungen, sondern an der Bedeutung der Songs, ihrem Einfluss auf die Rockmusik und daran, welche Titel sich bis heute als Klassiker gehalten haben. Als Orientierung dienten unter anderem zeitgenössische Quellen wie die US-Musikcharts von Billboard sowie die Berichterstattung und Jahresrückblicke von Musikmagazinen wie „New Musical Express“ und „Rolling Stone“.
Boston – „More Than a Feeling“
Tom Scholz schrieb diesen Meilenstein für das millionenfach verkaufte Debütalbum der Band. Bei der Komposition ließ er sich maßgeblich von dem Stück „Walk Away Renée“ von The Left Banke inspirieren. Der hochenergetische Song verarbeitet die bittersüße Sehnsucht nach einer alten Jugendliebe namens Marianne, deren Erinnerung durch ein Lied im Radio wieder geweckt wird.
Musikalisch besticht das Stück neben dem weltbekannten Gitarrenriff und Brad Delps facettenreichem Gesang durch ein ungewöhnliches, von barocker Musik beeinflusstes Gitarrensolo. Der Song erreichte im September 1976 Platz fünf der US-Billboard-Charts und wurde vom „Rolling Stone“ in die Liste der besten Songs aller Zeiten aufgenommen. Bis heute gehört „More Than a Feeling“ zu den unverzichtbaren Klassikern im Classic-Rock-Radio und läuft weltweit regelmäßig über den Äther.
Thin Lizzy – „The Boys Are Back in Town“
Mit den ersten Takten von „The Boys Are Back in Town“ ist klar, dass hier jemand zurückkehrt. Thin Lizzy erzählen keinen großen Handlungsbogen, sondern zeichnen das Bild einer Gruppe, über die bereits gesprochen wird: Die Jungs sind wieder da, und die Stadt weiß, was das bedeutet. Phil Lynotts rauer, erzählerischer Gesang macht aus dem Song eine kleine Rock’n’Roll-Geschichte über Freundschaft, Ruf und die Unruhe, die eine vertraute Clique mit sich bringt.
Musikalisch lebt der Titel vor allem vom charakteristischen Zusammenspiel der Gitarren von Scott Gorham und Brian Robertson, das zu dieser Zeit bereits zum unverwechselbaren Sound von Thin Lizzy gehörte. Der Song wurde neben „Whiskey in the Jar“ zum größten internationalen Erfolg von Thin Lizzy, erreichte Spitzenplätze in den Charts und fand schließlich auch Eingang in die Liste der 500 besten Songs des Musikmagazins „Rolling Stone“.
Blue Öyster Cult – „(Don't Fear) The Reaper“
Kaum ein Gitarrenriff der 70er klingt so geheimnisvoll wie das von „(Don’t Fear) The Reaper“. Der Song verbindet die Härte des Rock mit einer fast schwebenden Atmosphäre und einer eingängigen Melodie. Inhaltlich setzt sich das Stück mit Liebe, Tod und der Frage auseinander, was nach dem Leben kommt.
Die Zeile „Don’t Fear the Reaper“ führte allerdings auch zu Diskussionen, weil einige Hörer darin eine Aufforderung sahen, den Tod oder sogar den Suizid nicht zu fürchten – eine Deutung, die die Band zurückwies. Songwriter Buck Dharma erklärte, dass es vielmehr um die Akzeptanz des Todes und die Vorstellung einer Liebe über den Tod hinaus gehe. Ein ungewöhnliches Detail der Aufnahme ist der Einsatz einer Kuhglocke, die dem Song seinen markanten Rhythmus verleiht.
Electric Light Orchestra – „Livin’ Thing“
„Livin’ Thing“ aus dem Meisterwerk „A New World Record“ beginnt wie ein kleines Drama: Ein schwelender Streicherauftakt setzt sofort einen Akzent, bevor Electric Light Orchestra den Song in einen Mix aus Rock, Pop und orchestraler Pracht überführt. Jeff Lynne spielt mit ungewöhnlichen Akkordfolgen, die der Melodie eine überraschende Spannung geben.
Der Wechsel zwischen den Streichern, dem Falsett-Gesang und dem großen, fast schwebenden Refrain macht den Titel zu einem Musterbeispiel für den opulenten ELO-Sound der 70er Jahre. In Großbritannien erschien die Single 1976 und erreichte Platz vier der Charts. In Deutschland gelang Electric Light Orchestra mit „Livin’ Thing“ 1977 der große Durchbruch; der Song erreichte Platz fünf.
The Runaways – „Cherry Bomb“
„Cherry Bomb“ beginnt mit einem Gitarrenriff, das sofort deutlich macht, worum es bei The Runaways geht: um eine rein weiblich besetzte Band, die sich in einer von Männern dominierten Rockwelt ihren eigenen Platz nimmt. Der Song verbindet den direkten Druck des Hard Rock mit der Haltung des aufkommenden Punk. Cherie Curries Gesang verleiht dem Stück Kompromisslosigkeit, während Joan Jetts Gitarrenspiel den rauen Charakter der Aufnahme prägt.
Geschrieben von Joan Jett und Kim Fowley, wurde „Cherry Bomb“ auch wegen des sexuell aufgeladenen Images der noch sehr jungen Band – alle Mitglieder waren damals noch Teenager – in der westlichen Welt kontrovers diskutiert; kaum ein Radiosender spielte den Titel. In Japan stieß die Band dagegen auf größere Aufmerksamkeit und feierte dort ihre ersten großen Erfolge. Erst mit den Jahren entwickelte sich der Song auch darüber hinaus zu einem einflussreichen Kultsong.
Peter Frampton – „Show Me the Way“ (Live)
„Show Me the Way“ ist ein Song, der erst auf der Bühne seine ganze Wirkung entfaltet. Peter Frampton hatte den Titel bereits 1975 veröffentlicht, doch die Live-Aufnahme auf „Frampton Comes Alive!“ machte daraus 1976 einen weltweiten Erfolg. Der Song verbindet Framptons Gesang mit dem Einsatz der Talkbox, durch die der Gitarrenklang eine zusätzliche Stimme im Arrangement erhält.
Was zunächst wie ein technischer Effekt erscheint, wird zum entscheidenden Teil der Aufnahme: Die Gitarre antwortet auf den Gesang. Während der Song in den USA und Großbritannien ein großer Charthit wurde, griffen die deutschen Fans direkt zum Album, das im Folgejahr Platz vier der Charts erreichte. Bis heute zählt „Frampton Comes Alive!“ zu den erfolgreichsten Live-Alben aller Zeiten.
Kiss – „Detroit Rock City“
Mit „Destroyer“ veröffentlichten Kiss 1976 ein Album, das ihren aufwendigen Rocksound weiter ausformulierte. Die Single „Detroit Rock City“ schien dabei die naheliegende Wahl zu sein: ein Song, der mit den Geräuschen eines Autoradios und eines Unfalls beginnt, bevor das Gitarrenriff einsetzt und die Band ihre ganze Energie entfaltet.
Doch auf der B-Seite des Rockers verbarg sich ausgerechnet ein Song, der kaum zum Bild der maskierten Hard-Rock-Band passte: „Beth“, eine zurückgenommene Ballade. Die Überraschung kam, als Radiosender die Single umdrehten und nicht den erwarteten Rocksong spielten, sondern die zarte Ballade. „Beth“ wurde zum Hit und erreichte in den USA Platz sieben der Single-Charts. „Detroit Rock City“ blieb jedoch einer der Songs, der das Selbstverständnis von Kiss auf der Bühne verkörperte – und wurde später zu einem ihrer bekanntesten Titel.
Queen – „Somebody to Love“
„Somebody to Love“ beginnt mit einer Frage, die den gesamten Song bestimmt: die Suche nach einem Menschen, der Halt und Nähe geben kann. Freddie Mercury schrieb den Titel am Klavier und verband darin die Ausdruckskraft des Gospel mit dem Klang einer Rockband. Die mehrstimmigen Gesangsaufnahmen von Mercury, Brian May und Roger Taylor erzeugen den Eindruck eines großen Chors, obwohl nur drei Stimmen beteiligt sind.
Anders als bei „Bohemian Rhapsody“, wo Queen mit den Formen der Oper spielte, orientierte sich die Band hier an der Gospeltradition und an der Musik von Aretha Franklin. Der Wechsel zwischen den vielschichtigen Gesangsarrangements, Mercurys Gesang und Brian Mays Gitarrenspiel macht den Song zu einer Aufnahme, in der jede einzelne Ebene auf die Suche nach dieser einen Antwort hinausläuft.
Heart – „Magic Man“
Frauen waren 1976 in der Rockmusik noch immer deutlich unterrepräsentiert. Heart, angeführt von den Schwestern Ann und Nancy Wilson, gehörten zu den Bands, die diese Grenzen verschoben. „Magic Man“ erzählt keine einfache Liebesgeschichte, sondern den Moment, in dem Faszination und Abhängigkeit ineinander übergehen: Aus der Perspektive einer jungen Frau beschreibt der Song die Begegnung mit einem älteren Mann, während ihre Mutter versucht, sie vor dessen Einfluss zu bewahren.
Ann Wilson schrieb den Titel nach eigener Aussage über ihre Beziehung zu Michael Fisher, dem damaligen Manager der Band. Aus dieser persönlichen Erfahrung entstand ein Song über Anziehung, Verlockung und die Macht, die ein Mensch über einen anderen gewinnen kann. Mit „Magic Man“ erreichte Heart 1976 erstmals die Top 10 der US-Charts. Auch in den Benelux-Ländern war der Titel erfolgreich. In Deutschland folgte der Durchbruch erst im Folgejahr mit „Barracuda“, der erste und einzige Top-10-Hit der Band in den deutschen Single-Charts.
Steve Miller Band – „Rock’n Me“
Nicht jeder Rocksong braucht eine große Geschichte. „Rock’n Me“ beginnt mit einer alltäglichen Situation: einem Menschen, der versucht, seinen Platz zu finden, Arbeit zu bekommen und für die Beziehung zu kämpfen. Steve Miller macht daraus keinen nachdenklichen Song, sondern eine Fahrt nach vorn – getragen von einem einfachen Gitarrenriff und einem Refrain, der wie ein Versprechen klingt.
Die genannten Orte von Phoenix bis San Francisco geben dem Song das Bild einer Reise durch Amerika. Doch hinter der Bewegung steckt weniger Flucht als der Versuch, weiterzumachen und an etwas festzuhalten. Genau diese Mischung aus Alltag und Rock’n’Roll-Gefühl machte „Rock’n Me“ 1976 erfolgreich. Der Titel wurde zum zweiten Nummer-eins-Hit der Steve Miller Band in den USA und war zugleich der erste Charterfolg der Gruppe in Deutschland.
Ramones – „Blitzkrieg Bop“
Ein „Hey, ho, let’s go“ – mehr brauchten die Ramones nicht, um eine neue Vorstellung von Rock zu formulieren. „Blitzkrieg Bop“ eröffnete 1976 ihr Debütalbum „Ramones“ und stand für eine Richtung, die sich deutlich vom aufwendigen Rock der frühen 70er Jahre unterschied.
Die Band setzte auf ein schnelles Gitarrenriff, wenige Akkorde und einen Refrain, der eher wie ein gemeinsamer Ruf aus dem Publikum klingt. Der Titel „Blitzkrieg Bop“ spielte dabei mit der Vorstellung eines musikalischen Überfalls: kurz, schnell und mit voller Energie.
Der Song wurde kein klassischer Charterfolg, aber er zeigte, wohin sich ein Teil der Rockmusik entwickeln sollte. Mit ihrer kompromisslosen Einfachheit wurden die Ramones zu einer der prägenden Bands des Punkrock und beeinflussten zahlreiche Gitarrenbands der folgenden Jahrzehnte.
