Köln – Das Jahr war hart, und wir würden es gern mit großem Knallen verabschieden. Andererseits: Ist es angesichts voller Intensivstationen empfehlenswert, beim Abfackeln von Schwarzpulver eine zusätzliche Gefahrenquelle aufzutun? Unser Streit der Woche.
Pro: Es ist ok, seinen Nachbarn beim Böllern auf Abstand zuzuwinken
Es wird ein stiller Jahreswechsel. Die Kneipen sind dicht. Auch Restaurants öffnen vermutlich erst im neuen Jahr wieder – und die Clubs werden ohnehin die letzten Orte sein, an denen man das Licht einer Nach-Corona-Welt erblicken wird. Keine Silvestersause weit und breit in Sicht. Kein Kiosk-Bier, kein Alkoholkonsum im öffentlichen Raum zu später Stunde. Strengste Regeln werden jeden Funken Feierlaune so erfolgreich wie am 11. 11. im Keim ersticken.
Massenansammlungen, bei denen alkoholisierte Spinner mit Böllern um sich werfen, sind also ein äußerst unwahrscheinliches Szenario. Das Böllerverbot in der Kölner Altstadt besiegelt diese generelle Stilllegung. Das ist auch gut so. Gut ist aber auch, dass sich ein generelles Böllerverbot bisher nicht durchsetzen konnte. Nicht zuletzt, weil flächendeckende Kontrollen völlig utopisch wären. Bevor man weitere Verbote plant, sollte man in dieser Zeit des allgemeinen Verzichts dreimal darüber nachdenken, ob weitere Restriktionen wirklich nötig sind und ob sie überhaupt zielführend wären.
Wenn zwei Drittel der Deutschen ein Verbot begrüßen, ist der Konsens ohnehin groß, die Böller dieses Jahr im Supermarkt oder im Keller zu lassen. Es ist daher moralisch absolut vertretbar, wenn im Veedel ein Vater mit seiner Tochter vor die Tür geht und einen Leuchtkörper sachgerecht und verantwortungsvoll in die Luft gehen lässt.
Es ist unter pandemischen Gesichtspunkten nicht verwerflich, sich mit seinen Freunden an die frische Luft zu begeben – ein Wohnzimmer birgt höhere Ansteckungsgefahr –, um ein leuchtendes Ausrufezeichen zu setzen und das schwierige Jahr 2020 endlich mit großem Knall zu verabschieden. Es ist okay, das Bedürfnis nach Gemeinschaft zu stillen, indem man seinen Nachbarn beim Böllern auf Abstand zuwinkt und sich vergewissert, dass auch die anderen nicht auf den Putz hauen – aber immerhin nicht komplett auf die Neujahrssymbolik verzichten. Diese Gewohnheit hat auch etwas Schönes. Gewiss: Sinn oder Unsinn von Feuerwerken sind schon seit Jahren Gegenstand von Kontroversen – zu Recht. Feuerwerke schaden dem Klima; ein stinkiger Nebel ummantelt die Häuser in der Neujahrsnacht.
Diejenigen, denen das Böllern schon immer ein Dorn im Auge war, haben nun die perfekte Gelegenheit gewittert, um dem endlich ein Ende zu setzen: wegen Corona. Doch man sollte die Geduld der Bürger nicht mit unverhältnismäßigen Maßnahmen strapazieren. Die Corona-Einschränkungen genießen in der Bevölkerung umso mehr Rückhalt, je weniger sich das Gefühl einschleicht, dass diese vorgeschoben werden, um andere Zwecke zu verfolgen: wie etwa die Vermeidung klimaschädlicher Substanzen. Die Diskussion sollte also unbedingt weitergeführt werden, nicht aber im Rahmen der Corona-Politik.
Ich bleibe dabei: Die strengen Kontaktregeln gepaart mit dem Alkoholverbot im öffentlichen Raum werden die Verletzungsrate entschieden eindämmen. Damit wäre das Ziel, die Krankenhäuser zu entlasten, bereits erreicht. An Heiligabend genießen wir die komplette Stille. Doch die Aussicht auf ein allzu ruhiges, öffentlich totes Silvester ist einfach zu trist. (Maria Gambino)
Contra: Ärzte haben Wichtigeres zu tun als von Böllern weggesprengte Finger anzunähen

Raketen sind in diesem Jahr nach derzeitigem Stand nicht verboten. Aber sollte man es trotzdem lieber sein lassen?
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Alles wird uns vermiest. Fettiges Essen, Rauchen, anzügliche Witze. Das ist nicht mehr mein Deutschland, in dem ich nicht mal mehr ohne Gewissensbisse mit 240 Sachen über die Autobahn brettern darf. Und jetzt auch noch die Silvesterböller. Wir sollen uns Raketen und Knaller verkneifen. Wegen Corona. Wo bleibt denn da der Spaß? Wer sich diese Frage stellt, dem begegne ich mit einer Gegenfrage: Wo bleibt denn da der Verstand?
Menschen, die an Silvester gegen fünf vor zwölf auf die Straße gehen, den Countdown bis 0 Uhr runterzählen und Raketen und Knaller zünden, machen in der Regel anschließend folgendes: Sie fallen sich um den Hals, umarmen sich und manchmal auch Wildfremde, die ebenfalls aus ihren Wohnungen gekommen sind. Sie prosten sich zu, reichen gern Sektflaschen herum, Küsschen hier, Küsschen da. 2020, dieses verdammte 2020, es ist endlich vorbei. Dummerweise verglimmt die Pandemie nicht wie ein Knallfrosch auf dem Asphalt. Sie bleibt noch eine Weile, so lästig das auch sein mag. Und weil dort, wo geböllert wird, auch oft Menschengruppen zusammenkommen, getrunken und gefeiert wird, ist die Knallerei in diesem Jahr einfach nicht dran.
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Der Jahreswechsel findet unter außergewöhnlichen Umständen statt, weshalb er auch außergewöhnlich begangen werden sollte: still. Nicht nur, weil so Menschenansammlungen vermieden werden, was eines der obersten Gebote der Pandemiebekämpfung ist. Sondern auch, weil Ärzte in Kliniken derzeit Wichtigeres zu tun haben, als unbedachten Menschen ihre von Böllern weggesprengten Finger wieder anzunähen. Das sehen offenbar viele Menschen so. Einer Yougov-Umfrage zufolge befürworten mehr als 60 Prozent der Bundesbürger, ein Verbot von Silvesterfeuerwerk wegen der Corona-Krise.
Und falls jetzt einer sagt, „aber zu Weihnachten werden die Corona-Regelungen doch auch gelockert“: Das ist eine Konzessionsentscheidung, um den Deutschen an diesem hochemotionalisierten Fest eine kurze Verschnaufpause zu gönnen von den vielen Entbehrungen, den Ängsten, der Unsicherheit. Aus epidemiologischer Sicht ist auch diese Lockerung ein Irrsinn.
Bei der Gelegenheit sollte das ganze Konzept der Silvester-Böllerei auf der Straße überdacht werden. Warum können nach der lähmenden Pandemiezeit neue Jahre nicht mit einem großen professionellen Feuerwerk über der Stadt begrüßt werden, umarmen, trinken, tanzen auf der Straße inklusive? Nachbarschaften oder Vereine könnten Geld zusammenlegen und sich von ausgebildeten Pyrotechnikern ein maßgeschneidertes Himmelsspektakel servieren lassen, anstatt mit kalten Fingern und Einmal-Feuerzeugen an Böllerboxen herumzukokeln.
Es würden keine Raketen im Tiefflug aus dann leider doch umgefallenen Sektflaschen in Menschengruppen schießen. Es würden keine Rotzlöffel schon Tage vor Silvester die Leute mit Chinaböllern-D in der U-Bahn nerven. Und ja, auch die Feinstaub-Karte sollte ausgespielt werden, wenn auch nicht als erste. Schon vor Corona haben zum Beispiel einige Baumarkt-Filialen auf den Verkauf von Knallern und Raketen verzichtet.
Wie auch immer: In Köln – in Köln! – haben die Menschen sogar am 11.11. Vernunft walten lassen und sind zu Hause geblieben. Was ist da schon so ein lumpiges Silvester ohne große Feierei – und Böller? (Oliver Görtz)
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