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Umstrittene UmfrageFindet wirklich jeder dritte Mann Gewalt gegen Frauen in Ordnung?

Lesezeit 7 Minuten
Ein als Silhouette abgebildeter Mann droht einer Frau mit der Faust.

Ein als Silhouette abgebildeter Mann droht einer Frau mit der Faust. Die Umfrage „Spannungsfeld Männlichkeit“ hat bundesweit für Aufregung gesorgt.

Die Umfrage „Spannungsfeld Männlichkeit“ eines Kölner Unternehmens hat bundesweit für Aufregung gesorgt. Es gibt allerdings Zweifel an der Belastbarkeit der Zahlen. 

Die Zahlen sind erschreckend: Jeder dritte Mann in Deutschland wird seiner Partnerin gegenüber schonmal handgreiflich, um ihr Respekt einzuflößen. Rund jeder zweite stört sich daran, wenn Schwule ihre Homosexualität in der Öffentlichkeit zeigen. Und bei der Frage nach Vorbildern nennen viele den Ex-Kampfsportler und Influencer Andrew Tate, der mit misogynen und gewaltverherrlichenden Videos Bekanntheit erlangte. 18-35-jährige Männer aus Deutschland scheinen einem traditionellen Rollenbild zu folgen, das längst überwunden zu sein schien – zumindest legen das die Ergebnisse der Umfrage „Spannungsfeld Männlichkeit“ der Nichtregierungsorganisation Plan International nahe. Zahlreiche Medien berichteten in den vergangenen Tagen über die Ergebnisse. Doch sind die Zahlen belastbar?

Umfrage "Spannungsfeld Männlichkeit": Wie belastbar sind die Ergebnisse?

Eher nicht, erklärt Katharina Schüller, Vorstandsmitglied der Deutschen Statistischen Gesellschaft, in einem Faktencheck der Tagesschau. Ihrer Ansicht nach gibt es einige methodische Kritikpunkte, die die Aussagekraft der Umfrage schmälern.

Für die Umfrage wurden vom 9. bis zum 21. März 2023 1000 Männer und 1000 Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren per Online-Fragebogen über ihre Ansichten zu zehn verschiedenen Aspekten von Männlichkeit befragt. Frauen und Männer erhielten jeweils einen anderen Fragebogen. Homosexuelle Männer bekamen einen angepassten Fragebogen, in dem das Wort Partnerin durch Partner ersetzt wurde. Letztlich ausgewertet wurden insgesamt 1896 Fragebögen.

Nach Angaben von Eckhard Preis vom Kölner Marktforschungsinstitut Transpekte, der die Umfrage für Plan International entworfen hat, handelte es sich bei der Befragung um 44 Aussagen, die die Befragten mit einer vierstufigen Skala bewerten sollten („Trifft auf mich überhaupt nicht zu“, „... eher nicht zu“, „... eher zu“, „... voll und ganz zu“). Im zweiten Schritt sei die Zustimmung oder Ablehnung zusammengefasst worden, ohne die einzelnen Differenzierungen. „Uns interessierte die generelle Zustimmung zu unseren Aussagen, unabhängig von der Intensität“, erklärt Preis auf Nachfrage unserer Redaktion.

In dem Bericht von Plan heißt es zudem, dass „auf Basis der amtlichen Statistiken Quoten-Vorgaben gemacht“ wurden, um die „Repräsentativität der Stichprobe zu sichern“. Dazu seien drei Altersgruppen gebildet und mit ihrem Bildungsgrad in zwei Abstufungen kombiniert worden, sodass es letztlich sechs Gruppen von Teilnehmenden gab. Eine Regionalquote sollte sicherstellen, dass Teilnehmer aus verschiedenen Gebieten befragt wurden. Dafür sei Deutschland in vier Regionen aufgeteilt worden.

Kritik an Umfrage zu Männlichkeit in Deutschland: "Zu kurz gedacht"

Diplom-Statistikerin Schüller bemängelt im Tagesschau-Faktencheck vor allem, dass es an Informationen darüber fehle, wie die Stichprobe für die Umfrage rekrutiert wurde. „Die Quoten-Vorgaben sind zu kurz gedacht“, sagt sie. Wegen der Panels von Onlinebefragungen, also der Menschengruppe, auf die für die Umfrage zurückgegriffen wurde, sei eine grundlegende Verzerrung in den Daten sehr wahrscheinlich. Darauf weisen auch die Autorinnen und Autoren der Plan-Umfrage hin: „Erfahrungsgemäß befinden sich in Online-Panels eher Personen mit etwas höherer Bildung, einer gewissen Computer-Affinität und einer natürlichen Neugierde und Mitteilungsbereitschaft.“ Marktforscher Eckhard Preis erklärt, dass darauf geachtet worden sei, dass „auch Menschen mit geringerer Bildung – entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung – in unserer Stichprobe vertreten sind“. Statistikerin Schüller hält das jedoch für „aus statistischer Sicht einfach falsch“, da sich diese Faktoren nicht über eine Gewichtung nach Schulbildung, Alter oder Religion korrigieren ließe.

Hinzu komme, dass die Befragten des Marktforschungsinstituts nicht nur für die Teilnahme bezahlt werden, sondern auch für das Anwerben neuer Teilnehmer. Schüller zufolge fördere das eher die Homogenität als die Heterogenität im Panel.

Das Portal marktforschung.de bewertet die Umfrage anders: „Insgesamt ein sehr naheliegender Studienansatz“, heißt es dort. Eine repräsentative Gewichtung hätte die Aussagen zwar untermauert, „es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass die Ergebnisse damit deutlich anders ausgefallen wären“.

Das liegt allerdings nur in Teilen daran, dass anscheinend immer noch ein nicht unerheblicher Teil junger Männer ein eher antiquiertes Bild von Männlichkeit hat. „Männer scheinen eher zu einem konservativen Rollenbild zu neigen und Frauen eher zu einem egalitären“, sagt auch Nicole Bögelein vom Institut für Kriminologie der Universität zu Köln im Tagesschau-Faktencheck. Auch heutzutage habe das biologische Geschlecht eine zentrale Einflussgröße darauf, wie die Geschlechterrollen gesehen werden. Und dieses Bild von Männlichkeit mache für Männer möglicherweise Gewalt eher attraktiv als für Frauen.

Frauen sehr viel häufiger von Partnerschaftsgewalt betroffen als Männer

„In den Hellfeldstatistiken sehen wir ganz klar, dass Frauen sehr viel häufiger von Partnerschaftsgewalt betroffen sind als Männer“, sagt Bögelein. Wenn Frauen Opfer von Gewalt werden, dann überwiegend durch den Partner oder Ex-Partner. Das zeigt auch die polizeiliche Kriminalstatistik: Derzufolge gab es 2021 rund 143.000 Fälle von Partnerschaftsgewalt in Deutschland. Die ganz überwiegende Zahl der Opfer – nämlich 80 Prozent – waren Frauen, während die Täter in 79 Prozent der Fälle Männer waren. Bildung oder Herkunft spielen dabei laut Kriminologin Bögelein keine entscheidende Rolle: „Gewalt in Partnerschaften gibt es in allen Bevölkerungsschichten.“

Doch ist wirklich jeder dritte Mann in Deutschland seiner Partnerin gegenüber gewalttätig? Diese Aussage gibt die Umfrage von Plan International nicht her, da danach nicht direkt gefragt wurde. Stattdessen wurden Statements anderer Männer vorgegeben und nach der Zustimmung bzw. Ablehnung gefragt. Auf marktforschung.de erklärt Holger Geißler: Es gab keine Möglichkeit für die Befragten, eine Frage nicht zu beantworten („weiß nicht“ oder „keine Meinung“). Die Statements wurden versehen mit der Formulierung: „Uns interessiert, ob sie auch auf dich zutreffen, wenn du in der jeweiligen Situation bist oder wärst.“

Geißler weiter: „Es ist also nicht danach gefragt worden, ob die Befragten selbst schon einmal handgreiflich gegenüber Frauen geworden sind. Sondern es wurde danach gefragt, ob die Aussagen „Ich finde es okay, wenn mir bei einem Streit mit meiner Partnerin gelegentlich die Hand ausrutscht, das passiert doch jedem mal“ oder „Gegenüber Frauen werde ich schon mal handgreiflich, um ihnen Respekt einzuflößen“ auch auf den Befragten selbst zutreffen könnte, wenn er in der jeweiligen Situation wäre.

Somit sei die Aussage „Mehr als ein Drittel (34 Prozent) der Männer gibt an, dass sie gegenüber Frauen schon mal handgreiflich werden, um ihnen Respekt einzuflößen“, wie sie auch an einigen Stellen der Studie getroffen wird, nicht haltbar.

Misogyner Influencer Andrew Tate als Vorbild für Männlichkeit?

Ähnlich sieht es bei der Frage nach Vorbildern aus: In dem Bericht von Plan heißt es dazu, dass die befragten Männer am häufigsten Fußballspieler Cristiano Ronaldo, Unternehmer Elon Musk sowie Ex-Kampfsportler und Influencer Andrew Tate als prominente Vorbilder genannt hätten. „Letzterer erlangte vor allem aufgrund seiner misogynen und gewaltverherrlichenden TikTok-Videos Berühmtheit“, heißt es im Bericht.

Nach Angaben von Eckhard Preis war die Frage offen gestaltet worden, sodass eine große Bandbreite an Nennungen resultierte. Insgesamt gaben lediglich 23 Prozent der Männer an, überhaupt ein Vorbild zu haben. Die meisten von ihnen – rund jeder Vierte – nannte den eigenen Vater oder ein anderes Familienmitglied. „Ronaldo, Elon Musk und Andrew Tate stachen heraus, da sie häufiger genannt wurden“, erklärt Preis, „allerdings jeweils im niedrigen zweistelligen Bereich“ – bei 947 gültigen ausgefüllten Fragebögen von Männern.

In Teilen überraschend ist auch die feindliche Einstellung vieler junger Männer gegenüber Homosexuellen. In einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2017 stimmten abwertenden Aussagen gegenüber Homosexuellen rund 29 Prozent der Männer zu. Zum Vergleich: Bei der Umfrage von Plan waren es 48 Prozent.

Konventionelle Männlichkeitsbilder stellen noch immer die Mehrheit

Ein ähnliches Bild zeigt sich mit Blick auf traditionelle Partnerschaften: In der Plan-Umfrage heißt es: „52 Prozent der jungen Männer sehen ihre Rolle darin, im Beruf genug Geld zu verdienen. Für Hausarbeit ist ihrer Meinung nach vor allem die Partnerin zuständig. 49 Prozent finden es wichtig, in der Beziehung oder Ehe das letzte Wort bei Entscheidungen zu haben.“ Die Studie „Männer-Perspektiven“ des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2016 zeichnet ein anderes Bild: Demnach sprachen sich lediglich 23 Prozent der Befragten für eine teiltraditionelle Partnerschaft aus und nur sieben Prozent für eine konsequent traditionelle Partnerschaft. 

Insgesamt sollten die Ergebnisse der Plan-Studie – auch wenn sie möglicherweise nur für eine sehr spezifische Personengruppe in Deutschland aussagekräftig sind beziehungsweise dramatischer präsentiert werden, als sie tatsächlich sind – zu denken geben, denn: „Die überkommenen konventionellen Leitbilder von Männlichkeit stellen noch die Mehrheit (44 %)“, heißt es in der Studie des Bundesfamilienministeriums. Wie vorherrschend solche sozialen Geschlechternormen weltweit sind, zeigt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Vereinten Nationen. Nach aller Kritik an der Methodik seiner Umfrage sagt der Kölner Marktforscher Eckhard Preis daher auch: „Wir sind froh, wenn der Fokus sich jetzt wieder auf die Inhalte richtet.“

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