Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub verschwand nach einer Skitour – und wurde nach langer Suche für tot erklärt. Sein Nachfolger und Bruder soll bei dieser Feststellung falsche Angaben gemacht haben.
Verdacht der falschen AussageKölner Justiz erhebt Anklage gegen Milliardär Christian Haub

Die drei Tengelmann-Brüder Karl-Erivan Haub (l.), Georg Haub und Christian Haub (r.) 2009 vor einem Tengelmann-Geschäft in Mülheim an der Ruhr (Archivbild)
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Die Geschehnisse taugen zu einem Wirtschaftskrimi: Es geht um Milliarden, um Erbstreitigkeiten rund um den verschollenen Chef der Tengelmann-Handelsgruppe, Karl-Erivan Haub und um eine ominöse Liaison, deren Spur nach Moskau reicht. Jahrelange Ermittlungen der Kölner Justiz führten dieser Tage zu einem Donnerschlag. Im Zusammenhang mit dem ominösen Verschwinden seines Bruders hat die Staatsanwaltschaft den heutigen Konzernchef Christian Haub angeklagt.
Im Kern wirft ihm Oberstaatsanwalt Tim Engel vor, am 11. Mai 2021 eine falsche Versicherung an Eides Statt abgegeben zu haben, um den Bruder für tot erklären zu lassen. Laut Anklage soll der neue Tengelmann-Chef bei einer Aussage im Zuge der Feststellungserklärung am 11. Mai 2021 vermeintlich relevante Informationen zum Verschwinden seines Bruders vorenthalten zu haben. Die Nachricht hat es in sich. Selten musste sich ein Konzern-Boss mit einem geschätzten Privatvermögen von 3,5 Milliarden Euro einer Anklage erwehren. Zuerst hatte das „Manager Magazin“ darüber berichtet
Die Chronik des Falles Tengelmann beginnt 2018: Im April bricht der damalige Konzernlenker Karl-Erivan Haub, intern KEH genannt, alleine zu einer Skitour im schweizerischen Zermatt auf. Seine Fährte verliert sich in den Bergen, entgegen aller Gewohnheiten hat der erfahrene Skifahrer seinen Transponder ausgeschaltet. Seither gilt das Familienoberhaupt der Tengelmanns als verschollen. Trotz monatelanger Suche finden die Bergretter seine Leiche nicht.
Erbitterter Erbstreit um das Unternehmen Tengelmann
Allein dieser Umstand bietet Anlass zu Spekulationen. Recherchen der RTL-Reporterin Liv von Boetticher lassen den Verdacht aufkommen, dass KEH noch leben könnte. Angeblich soll er sein Verschwinden auf der Skitour in den schweizerischen Hochalpen nur vorgetäuscht haben. Als mögliche Gründe für einen inszenierten Tod stehen unter anderem dubiose Geschäfte der Tengelmann-Gruppe in Russland im Raum. Die Journalistin will Haub in Moskau bei seiner Freundin aufgespürt haben. Fotos von ihm sollen dies belegen.
Nach dem Verschwinden des Top-Managers setzt ein erbitterter Erbstreit um die Anteile an der Unternehmensgruppe zwischen dem aufgerückten Firmenlenker Christian Haub und seiner Schwägerin Katrin Haub ein. Lange Zeit wehrt sich die Witwe dagegen, ihren Mann für tot erklären zu lassen. Schließlich drohen Erbschaftssteuer-Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe.

Christian Wilhelm Erich Haub, Unternehmer und Vorstandsvorsitzender der Tengelmann-Gruppe, aufgenommen bei einer Konferenz. (Archivbild)
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Die Parteien streiten, wer diese Summen letztlich bezahlen soll. Vor fünf Jahren haben sich beide Seiten geeinigt, dass die Tengelmann-Gruppe diese Forderungen begleicht. Kurz nach dem Friedensschluss geben die Anwälte Peter Gauweiler (Katrin Haub) und Mark Binz (Christian Haub) auf Anfrage ein gemeinsames Statement ab. Aus ihrer Sicht sind die Spekulationen vom Tisch, dass KEH noch leben und sich nach Russland abgesetzt haben könnte. „Auch wenn die endgültige Entscheidung noch aussteht, hat das Amtsgericht damit schon im Vorfeld allen Spekulationen der letzten Monate eine klare Absage erteilt. Die Familie kann damit endlich ihren dauerhaften Frieden finden, an dem wir zwischen den beiden von uns vertretenen Stämmen mit Hochdruck arbeiten.“
Karl Erivan Haub war ein Kaufmann durch und durch, mit Visionen und einem Riecher für neue Gewinnsparten. So stieß er die defizitäre Supermarkt-Kette ab und investierte früh in das E-Commerce-Geschäft. Neben dem Baumarkt-Multi Obi und dem Textil-Discounter Kik macht gut ein Drittel des Portfolios inzwischen das Online-Geschäft aus.
Familienstreit eskalierte nach dem Verschwinden
KEH, der als Sportler gerne seine Grenzen austestete, wirkte im beruflichen Leben höchst misstrauisch. Das erklärte auch sein hohes Sicherheitsbedürfnis. Aus Angst vor Entführungen täuschte der Ex-Konzernchef vor, in einem Haus im Kölner Südwesten zu leben. Tatsächlich aber wohnte er in derselben Straße nur ein paar Hausnummern weiter.
Den Lebenswandel seines zweiten Bruders Georg soll KEH mit Sorge verfolgt haben. Haub befürchtete offenbar Nachteile für die Unternehmensgruppe, als sich sein Bruder scheiden ließ, um eine neue Frau zu heiraten. In jener Zeit lief die sogenannte Operation „Sissy“. Haub ließ seinen Bruder Georg und dessen neue Frau monatelange durch eine Detektei bespitzeln. Die Nachforschungen sollten angeblich auch in kriminelle Kreise nach Russland führen. Letztlich stellte sich heraus, dass die Detektive offenbar zu viele James-Bond-Filme gesehen hatten. Ein Teil ihrer Erkenntnisse war frei erfunden.

Karl-Erivan Haub, damaliger Geschäftsführender Gesellschafter der Tengelmann-Gruppe, auf einem Bild von 2014. (Archvibild)
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Nach dem Ende des Erbstreits veräußerte Witwe Katrin Haub ihre Anteile an dem Unternehmen an ihren Schwager Christian für 1,1 Milliarden Euro. Kurz darauf gehen beide Parteien zum Amtsgericht und lassen Karl-Erivan Haub für tot erklären. Mit 68,67 Prozent avanciert sein Bruder Christian zum Mehrheitsgesellschafter des Handelskonzerns. Jahrelang hatte der jetzige Unternehmenschef im Schatten seines vier Jahre älteren Bruders gestanden. Insbesondere im US-Geschäft hatte er eine unglückliche Figur abgegeben. Nach dem Verschwinden von Karl-Erivan übernimmt Christian Haub das Ruder in dem milliardenschweren Handelskonzern.
Abseits der familiären Konflikte nehmen die strafrechtlichen Ermittlungen Fahrt auf. Nach einer Strafanzeige der RTL-Reporterin untersuchten die Kölner Strafverfolger, ob der heutige Tengelmann-Konzernchef Christian Haub im Rahmen einer finanziellen Einigung mit der Witwe Katrin im Mai 2021 vor dem Amtsgericht Köln einen Meineid geleistet hat. Bereits 2024 bekundete der Sprecher der Staatsanwaltschaft im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass belastbare Beweise vorlägen, wonach der vermisste Karl-Erivan noch leben könnte. Dabei geht es insbesondere um Aufnahmen des Verschollenen, die aus Moskau stammen sollen.
Vom Skiunfall zum Wirtschaftskrimi: Private Ermittler beauftragt
Laut einem Sprecher des Landgerichts handelt es sich um Bilder aus Überwachungskameras, die Karl-Erivan Haub nach dessen vermeintlichem Skiunfall in Moskau zeigen sollen. Still und heimlich soll Christian Haub über Firmen private Ermittlerteams beauftragt haben, das Verschwinden seines Buders zu untersuchen. Detektive taten in Moskau eine Quelle auf, die ihnen die Aufnahmen angeboten haben soll. Christian Haub soll die Fotos gekannt haben. Insgesamt, so die Anklage, sollen etwa 1,1 Millionen Euro für die Bilder und die Arbeit der Sicherheitsfirmen geflossen sein. Die neuen Erkenntnisse sollen laut Staatsanwaltschaft fortan unter Verschluss gehalten worden sein. In dem Kontext stützen sich die Strafverfolger auf einen Zeugen aus dem Kreis der Privatermittler, der sich offenbart und auch die Überwachungsbilder der Justiz übergeben hatte.
Die privaten Untersuchungen soll Christian Haub bei seiner Aussage verschwiegen haben. Angeblich weil er seinen Bruder darauf nicht erkannt und die Bilder für Fälschungen gehalten habe. Stattdessen hatte Haub vor dem Amtsgericht Köln an Eides Statt versichert, „keine belastbaren Hinweise, geschweige denn Beweise“ dafür zu haben, dass „mein Bruder Charlie noch leben könnte“.
Ob die Schnappschüsse wirklich den vermissten Milliardär zeigen, scheint unklar zu sein. Das Landeskriminalamt NRW kam nach einer Analyse zu dem Schluss, dass man weder bestätigen noch ausschließen könne, dass Karl-Erivan Haub noch lebe. Es gebe entsprechende Merkmale, die auf seine Person schließen ließen, aber auch Abweichungen. Diese Expertise floss in die Anklage der Staatsanwaltschaft ein. Ankläger Engel geht jedoch davon aus, dass KEH nicht für tot erklärt worden wäre, hätte der zuständige Rechtspfleger des Amtsgerichts gewusst, dass diese Aufnahmen existierten.
Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Oberstaatsanwalt eingelegt
Laut Ulrich Bremer, Sprecher der Staatsanwaltschaft, bedeutet die Anklage jedoch nicht, dass man die Todeserklärung des Amtsgerichts Köln anfechten werde. „Da wir bisher nicht definitiv wissen, ob Herr Haub noch lebt oder nicht, schließt sich ein solcher Schritt aus.“ Mark Binz, 76, Anwalt des Angeklagten Konzern-Chefs Christian Haub, weist die Schuldvorwürfe auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zurück. „Uns wurde in der letzten Woche die von Oberstaatsanwalt Engel am 13. April 2026 verfasste Anklage zugestellt.“ Schon das Prozedere werfe Fragen auf: „Wir hatten nämlich schon am 27. März 2026 unter anderem wegen einseitiger Ermittlungen Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Herrn Engel eingelegt mit dem Antrag, ihm das Verfahren zu entziehen. Von Rechts wegen hätte Herr Engel daher gar nicht tätig werden dürfen, bis über unsere Beschwerde entschieden ist, was bis heute nicht der Fall ist. Über die Hintergründe können wir nur spekulieren“, führte Binz aus.
Schon der Bearbeiter-Wechsel Ende 2023 sei fragwürdig gewesen, hieß es weiter. Der Vorgänger habe sich nämlich geweigert, einen Anfangsverdacht zu bejahen und ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen. „Beide für die Eröffnung des Verfahrens entscheidenden Behauptungen, nämlich dass ein finaler Beweis für das Fortleben von Karl-Erivan Haub vorläge, für den mein Mandant ein Erfolgshonorar in Höhe von 1,5 Millionen Euro bezahlt hätte, haben sich als frei erfunden herausgestellt. Das ist unstreitig. Daher werden diese beiden Behauptungen in der Anklage mit keinem Wort mehr erwähnt!“
Deshalb beschränke sich jetzt die Anklage auf den Vorwurf, Christian Haub hätte den Rechtspfleger beim Amtsgericht auf das dubiose Foto aufmerksam machen müssen, „und das obwohl er seinen Bruder darauf nicht erkannt hatte und er diesen Hinweis daher für nicht belastbar, also gerichtsfest angesehen hatte“. Im Übrigen habe der damals zuständige Rechtspfleger als Zeuge erklärt, er hätte auch in Kenntnis des Fotos nicht anders entschieden, also zum selben Zeitpunkt die Todeserklärung verfügt. Binz weiter: „Vor diesem Hintergrund ist für uns selbstverständlich, dass das Landgericht die Anklage nicht zulassen wird. Und wäre es nur wegen des Grundsatzes ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘.“
Die Staatsanwaltschaft Köln ließ wissen, dass man die Dienstaufsichtsbeschwerde derzeit prüfe. „Anlass zu vorläufigen Maßnahmen hat die Beschwerde nicht gegeben“, teilte ein Behördensprecher mit.
