Es ist eine spektakuläre Lebensgeschichte voller Wendungen: „True Crime Köln“ über einen steckbrieflich gesuchten Staatsfeind, aus dem ein Minister wurde.
Vom Staatsfeind zum MinisterDie unglaubliche Geschichte des Carl Schurz

Kampfgenossen im Bürgerkrieg: Carl Schurz in der Uniform der amerikanischen Unionsarmee mit US-Präsident Abraham Lincoln
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Es war ein filmreifes Husarenstück und eine spektakuläre Blamage für die Sicherheitsbehörden: In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1850 gelang dem Staatsfeind Gottfried Kinkel die Flucht aus dem Zuchthaus in Berlin-Spandau. Seine Frau hatte Geld gesammelt, um Gefängniswärter bestechen zu können. An einem Seil kletterte der 35-Jährige aus dem Dachgeschoss herunter auf die Straße, wo sein Freund Carl Schurz in einer dunklen Türnische auf ihn wartete. Er hatte die Befreiungsaktion organisiert. Obwohl Dachschiefer und Mauerziegel auf das Pflaster prallten, wurde niemand aufmerksam. Eine bestellte Kutsche brachte die beiden in ein Hotel in der Nachbarschaft, wo Kinkel die Kleidung wechselte.
„Der preußische Staat war bis auf die Knochen blamiert, die ganze preußische Obrigkeit, die Polizei bis zum König“, sagt der Historiker und ehemalige Leiter des Kölnischen Stadtmuseums Mario Kramp. Zunächst habe die Obrigkeit gerätselt, wer Kinkel befreit hat. Als sie erfährt, dass Carl Schurz hinter der Aktion steckt, sind die beiden bereits auf hoher See. „Und das erfährt natürlich ganz Europa, weil es durch alle Zeitungen ging.“
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Die Freundschaft zwischen Schurz und Kinkel ist eines der vielen bemerkenswerten Kapitel einer aufregenden Biografie: Gottfried Kinkel war Professor für Kunst- und Literaturgeschichte in Bonn und Carl Schurz war sein Student. Ihr Einsatz für Demokratie und Freiheit hatte sie zu Staatsfeinden gemacht. Schurz war nach der gescheiterten Revolution in Deutschland 1848/49 auf der Flucht, während Kinkel in Berlin eine lebenslange Haftstrafe absitzen sollte.

Der ehemalige Chef des Kölnischen Stadtmuseums, Mario Kramp, ist zu Gast bei „True Crime Köln“. Sein neues Buch beschreibt die Zeit des Revolutionärs Carl Schulz im Pariser Exil.
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Mario Kramp ist zu Gast in der neuen Folge von „True Crime Köln“, der Podcast-Reihe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ über wahre Verbrechen aus Köln und der Region. Die Lebensgeschichte des Carl Schurz illustriert, wie sehr Vorstellungen von Recht und Unrecht, Verbrechen und Gerechtigkeit von den jeweiligen Zeitumständen und der politischen Lage abhängen. Der ehemalige Kölner Abiturient wurde zu einem revolutionären Streiter für die Demokratie, der auch zu Gewalt bereit war. Nachdem die Freiheitsbewegung niedergeschlagen wurde, sah der Staat in ihm einen Schwerverbrecher. Nach der Befreiungsaktion in Berlin verlangte der König einen Schauprozess gegen die „linken und kommunistischen Umtriebe“, so Kramp.
Die Flucht führte Schurz nach Frankreich, England und schließlich in die USA, wo er im amerikanischen Bürgerkrieg für die Union kämpfte und Abraham Lincoln unterstützte. Während er in Deutschland weiterhin steckbrieflich gesucht wurde, machte Schurz in Amerika eine politische Karriere. Er wurde der erste in Deutschland geborene US-Senator und 1877 schließlich Innenminister der Vereinigten Staaten.
Der im kleinen Liblar geborene Demokrat starb vor 120 Jahren in New York. Und noch ein nicht ganz rundes Jubiläum ist mit seiner Lebensgeschichte verbunden: 1856, also vor 170 Jahren, gründete Margarethe Schurz in Watertown in Wisconsin den ersten „Kindergarten“ in den USA. Die deutsche Pädagogin brachte die Ideen des Vordenkers Friedrich Fröbel nach Amerika. Das Haus, in dem sie die ersten Kinder betreute, ist heute ein Museum mit einer interaktiven Ausstellung zur Geschichte des Kindergartens. Carl und Margarethe hatten sich rund fünf Jahre zuvor in London kennengelernt. Dorthin war Carl gezogen, nachdem es für ihn im Pariser Exil zu gefährlich geworden war.
Pariser Nachtleben nicht geheuer
Mario Kramp hat über die Zeit von Schurz im französischen Exil ein aufwendig gestaltetes Buch geschrieben („Paris 1850, der Demokrat Karl Schurz als politischer Flüchtling“, erschienen im Verlag Ralf Liebe). Während das Leben und Wirken des Revolutionärs in Deutschland und Amerika bereits gut erforscht ist, sei über die Zeit im Exil „so gut wie nichts“ bekannt gewesen, so Kramp im Gespräch bei „True Crime Köln“. Paris habe in dieser Zeit eine entscheidende Rolle im „revolutionären europäischen Dreieck Köln, London, Paris“ gespielt. Deshalb habe ihn das Thema gereizt. Die Exilanten in England und Frankreich hätten auf eine neue revolutionäre Bewegung in Deutschland gehofft.
Kramp beschreibt in dem Buch aber nicht nur diesen politischen Kontext. Spannend schildert er auch das Leben eines Geflüchteten in der Fremde: Schurz hatte Verständigungsprobleme, suchte Arbeit und kam in der Fremde nur schwer zurecht. Überraschend: Der fortschrittliche Rheinländer fremdelt sogar mit dem Pariser Nachtleben und dem Karneval, wie er damals noch in Paris gefeiert wurde. Einen direkten Vergleich mit der heutigen Situation von Flüchtlingen gehe vielleicht zu weit, meint Kramp. Allerdings habe Schurz die gleichen „strukturellen Probleme“ gehabt, wie sie auch heute Flüchtlinge erleben, wenn sie aus anderen Kulturen oder anderen Ländern kommen.
Ein Denkmal wackelt
Schurz ist aus heutiger Sicht nicht unumstritten: Hatte er im Bürgerkrieg für die Abschaffung der Sklaverei gekämpft, verbinden sich mit seiner Zeit als US-Minister Zwangsmaßnahmen gegen amerikanische Ureinwohner und Afroamerikaner, die nicht zum Bild eines liberalen Demokraten passen. Mario Kramp nennt Aussagen von Schulz aus dieser Zeit „klar rassistisch“. Sein Buch beginnt mit einem „Prolog“ mit der Überschrift „Ein Denkmal wackelt“. Im Interview bei „True Crime Köln“ sagt er: „Schurz ist nicht die Speerspitze dieses Rassismus und nicht der radikalste Vertreter. Aber er hat sich zu solchen Sachen hinreißen lassen.“
Müssen deshalb nun Denkmäler gestürzt oder Straßen, wie es sie in Köln, Liblar, Brühl und anderen Orten gibt, umbenannt werden? Mario Kramp lehnt das mit deutlichen Worten ab und plädiert stattdessen für eine differenzierte Erinnerung, in der sowohl die Verdienste als auch die problematischen Seiten einer außergewöhnlichen historischen Persönlichkeit betrachtet werden. „Dabei sollen seine rassistischen Einstellungen nicht ausgeblendet oder als überraschende Abirrung interpretiert werden. Auch die problematischen Seiten gehören zur Demokratiegeschichte.“

True Crime Köln
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