Es gebe viele Menschen, die daran dächten, auszuwandern, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Abraham Lehrer über Judenhass, AfD und Linke„Am schlimmsten finde ich, dass sich alle wegducken“

Abraham Lehrer ist stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der Kölner Synagogengemeinde
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Herr Lehrer, in Sachsen-Anhalt hat eine als rechtsextrem eingestufte Partei 44 Prozent bekommen, in Mecklenburg-Vorpommern 38, in Berlin eine in Teilen antisemitische linke Partei 25 Prozent. Was hat Sie mehr erschrocken?
Abraham Lehrer: Am meisten erschrocken hat mich, dass die berühmte Mitte der Gesellschaft noch immer nicht verstanden hat, welche Sorgen und Ängste die jüdische Gemeinschaft in Deutschland umtreibt. Wir müssen nicht darüber reden, ob die 44 Prozent der AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt oder die 25 Prozent Linken-Wähler in Berlin alle Antisemiten sind, sondern uns eine ganz andere Frage stellen.
Warum so viele schweigen?
Wo ist der Rest der Gesellschaft, der aufsteht und der jüdischen Gemeinschaft und anderen Minderheiten damit zeigt: Wir stehen an eurer Seite? In Köln haben nach den Landtagswahlen in Mecklenburg und Berlin an Jom Kippur vor der Synagoge drei einsame Menschen ihre Solidarität bekundet. Drei. Am schlimmsten finde ich, dass sich alle wegducken.
Die AfD in Sachsen-Anhalt schreibt in ihrem Wahlprogramm von der Erinnerungskultur als „Schuldkomplex“ und fordert eine „Remigrationsoffensive“, die Gesellschaft wird in Deutsche und Fremde eingeteilt. Die Linke in Berlin lässt Israel-Hasser auf Wahlveranstaltungen zu. Inwiefern nehmen Sie Unterschiede wahr?
Wenn Sie hören, was die Parteiführung der Linken dazu sagt, warum ein Hamas-Vertreter zugegen war und ein Clan-Oberhaupt, dann trifft mich das genauso im Innersten wie 44 Prozent für eine AfD, die geschichtsrevisionistische Positionen vertritt und die Erinnerungskultur abschaffen will. Ich weiß nicht, vor wem ich mehr Angst haben soll.
Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 gab es diese Solidarität für kurze Zeit, das Pendel ist dann aber sehr schnell umgeschwenkt hin zu Kritik an der Kriegsführung Israels in Gaza. Womit erklären Sie sich das Schweigen?
Viele Menschen reagieren nur noch auf sehr extreme Ereignisse. Antisemitismus ist so normal geworden, dass es die Leute nicht mehr dazu bringt, auf die Straße zu gehen. Nach den veröffentlichten Remigrationsplänen der AfD sind die Menschen noch zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen für die Demokratie.
Die Linke argumentiert oft damit, dass es lediglich um eine Kritik an der Politik der israelischen Regierung gehe. Wo ist für Sie die Grenze zum Antisemitismus überschritten?
Sobald Israel als staatliche Einheit verurteilt wird und dem Staat das Existenzrecht direkt oder indirekt abgesprochen wird. Wenn es nicht mehr um die Regierung, den Ministerpräsidenten oder rechtsradikale Minister geht, die natürlich jederzeit kritisiert werden dürfen. Wenn aber pauschal Israel diffamiert wird und ich dann sehe, dass ein Hamas-Vertreter bei der Siegesfeier der Linken in Berlin dabei ist und öffentlich gesagt wird, wir kümmern uns um den Schutz jüdischen Lebens, dann kann ich das nicht ernst nehmen. Wo waren denn jüdische Vertreter? Wen haben sie denn eingeladen? Niemanden.
Viele jüdische Menschen in Deutschland sind in Sorge, ob sie hier noch sicher sind. Wie erleben Sie die Gespräche in der Kölner Gemeinde?
Es gibt viele Menschen, die über Plan B nachdenken, ganz klar. In Zeiten der Brandanschläge von Rostock, Lichtenhagen und Solingen war das Thema nicht gehen wir oder gehen wir nicht, sondern: Wenn wir gehen, wohin gehen wir dann? Israel war der große Rettungsanker. Darüber hinaus fanden viele Großbritannien und die USA sehr attraktiv. Das Thema ist heute wieder an der Tagesordnung. Mit dem Unterschied, dass Großbritannien und die USA nicht mehr als Ziele erster Wahl wahrgenommen werden, weil sie autoritär und rassistisch geführt werden wie die USA oder sehr starke antisemitische Strömungen haben wie Großbritannien.
Es gibt viele Menschen, die über Plan B nachdenken. Mit dem Unterschied, dass Großbritannien und die USA nicht mehr als Ziele erster Wahl wahrgenommen werden, weil sie autoritär und rassistisch geführt werden
Haben auch Menschen aus der jüdischen Gemeinschaft in Köln schon entschieden, Deutschland zu verlassen?
Es gibt keine Auswanderungswelle wie in Frankreich, aber es gibt solche einzelne Familien auch in Köln und NRW.
Welche Sicht haben Sie auf die Brandmauer zur AfD?
Die Brandmauer war sicher eine richtige Idee. Dass sie auch Schwächen hatte und die AfD womöglich auch befördert hat, will ich nicht ausschließen – grundsätzlich halte ich den Gedanken richtig, klar zu sagen: Mit Extremisten machen wir nicht gemeinsame Sache.
Auf Social Media gedeihen Hass und Hetze, Zeitungen und Rundfunk werden weniger wahrgenommen. Wie lässt sich Rassismus und Antisemitismus aus Ihrer Sicht noch wirksam eindämmen?
Wenn ich das wüsste, wären wir bei der Bekämpfung des Antisemitismus ein gutes Stück weiter. Seit dem 7. Oktober habe ich immer wieder gesagt: Wir haben viel Geld und Ideen in Projekte gesteckt. Ich dachte, wir müssen diese Projekte alle auf den Prüfstand stellen. Heute sage ich: Dafür haben wir keine Zeit mehr. Wir müssen viel mehr investieren, um junge Menschen aufzuklären, damit sie den rechten Rattenfängern nicht auf den Leim gehen. Unsere NRW-Ministerin Ina Brandes hat das Projekt Holo-Voices mit Hologrammen von Holocaust-Überlebenden aus den USA nach Deutschland geholt. Eine tolle Idee. Von solchen Ideen brauchen wir sehr viele, um irgendwie gegen die riesige Masse an Propaganda-Müll aus dem Netz anzukommen. Viel Zeit haben wir nicht mehr.
Woran erkennen Sie die Normalisierung am Alltag – auch in Köln?
Wir hatten im Oktober 2025 eine Veranstaltung in der Synagoge an der Roonstraße mit Gottesdienst – zeitgleich fand auf dem Rathenauplatz eine Demonstration von Israel-Kritikern statt. Bisher hatten die Behörden immer dafür gesorgt, dass das nicht möglich war, wenn wir gefeiert oder gebetet haben. Ich dachte: Warum geht das auf einmal? Mir hat das genauso zu denken gegeben wie der vorher schon mit antisemitischen Ressentiments aufgefallene Auftritt von Rapper Chefket bei der Eröffnung der Kölner Oper, der auf der Bühne „Free Palestine“ rief. Solche Ereignisse machen mich sehr traurig.