Wochenlang hielt Trump mit Drohungen um Grönland Europa in Atem. Dann war es wohl Nato-Chef Rutte, der den Präsidenten zum Einlenken bewegte.
„Trump-Flüsterer“Wie Rutte die Europäer vor Zöllen und einer Grönland-Annexion rettete

Vertrauliche Gespräche: US-Präsident Donald Trump (rechts) trifft Nato-Generalsekretär Mark Rutte in Davos.
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Der finnische Präsident Alexander Stubb bewies beim Weltwirtschaftsforum in Davos ein feines Gespür. In einer gemeinsamen Podiumsdiskussion mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte wurde er gefragt: „Wer oder was kann die Spannungen um Grönland entschärfen?“ Stubbs Antwort kam ohne Zögern: „Oh, Mark Rutte natürlich.“ Gelächter im Saal. „Danke, Alex“, erwiderte Rutte grinsend – und der Finne sollte Recht behalten.
Nach vertraulichen Gesprächen zwischen Donald Trump und Rutte verkündete der US-Präsident, man habe „den Rahmen für ein künftiges Abkommen in Bezug auf Grönland geschaffen“. Die angedrohten Zusatzzölle gegen Deutschland und andere Staaten, die sich an die Seite Dänemarks und Grönlands gestellt hatten und eigentlich am 1. Februar in Kraft treten sollten, nahm Trump zurück. Nun sollen Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio die Details mit ihren dänischen und grönländischen Amtskollegen verhandeln. „Diese Lösung wird, wenn sie umgesetzt wird, für die USA und alle Nato-Staaten von großem Nutzen sein“, so Trump.
Rutte hat es wieder geschafft. Hinter den Kulissen verhandelte er immer wieder mit Trump, um eine militärische Übernahme Grönlands durch US-Streitkräfte zu verhindern. Das hätte wohl das Ende der Nato bedeutet, die transatlantischen Beziehungen für lange Zeit schwer beschädigt und nach Gegenmaßnahmen der Europäer wohl letztlich auch das Ende der US-Waffenlieferungen an die Ukraine zur Folge gehabt. Es hätte alles zerstört, was für Rutte seit Beginn seiner Amtszeit vor anderthalb Jahren oberste Priorität hat: die Einheit der Allianz und das Überleben der Ukraine.
„Trump-Flüsterer” Rutte oft kritisiert
Schon bei seiner Wahl zum Nato-Generalsekretär spielte Ruttes Ruf als „Trump-Flüsterer“ eine zentrale Rolle. Die erste Bewährungsprobe glückte, als er im Sommer beim Nato-Gipfel einen Eklat verhinderte, indem er mit einer ausgeklügelten Berechnung der Verteidigungsausgaben einen Kompromiss fand, der sowohl für Trump als auch für die übrigen Bündnispartner tragfähig war. Mit den Besitzansprüchen auf Grönland jedoch erreichte der Konflikt zwischen den USA und Europa eine neue Dimension. Nun musste der Niederländer beweisen, wie belastbar sein Verhältnis zu Trump tatsächlich ist.
Öffentlich überschüttet der 58-Jährige den unberechenbaren US-Präsidenten bei nahezu jeder Gelegenheit mit Lob – wohl wissend, dass viele dies als peinlich oder unterwürfig empfinden. „Wir sollten Trump dankbar sein“, sagte Rutte vor wenigen Wochen im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Ich bin wirklich froh über die Führungsstärke von Präsident Trump. Ja, ich unterstütze ihn voll und ganz.“ Dass Trump sogar SMS mit Ruttes „Schleimspur“ veröffentlicht, stört den Nato-Chef längst nicht mehr.
Trump ruft Rute häufig an, auch nachts
Doch wie eng das persönliche Verhältnis zwischen Trump und Rutte wirklich ist, wissen nur ein paar wenige aus dem engsten Umfeld – und die schweigen. Trump ruft jedoch Rutte bisweilen aus dem Nichts an, spricht über Gott und die Welt, ganz ohne jeden Nato-Anlass. Nun zeigt sich, dass Ruttes Strategie aufgegangen ist: überschwängliches Lob in der Öffentlichkeit, fieberhafte Diplomatie hinter den Kulissen – auch gemeinsam mit Regierungschefs wie Giorgia Meloni in Italien und Bundeskanzler Friedrich Merz.
Mehr als zehn Jahre als niederländischer Regierungschef, oft mit schwierigen Koalitionspartnern, haben Ruttes Vermittlungskünste geschärft. Heute sieht er sich als Brückenbauer zwischen Europa und Trump. Rutte dürfte einer der wenigen Europäer sein, die tatsächlich Trumps Vertrauen genießen. „Er ist ein guter Mann, er hat mich noch nie angelogen“, sagte Trump in Davos. Vielleicht ist Rutte sogar der einflussreichste Europäer. Dass er immer wieder Partei für Trump ergreift, stößt bei Nato-Diplomaten sogar auf Verständnis. Rutte sei schließlich der Generalsekretär aller Bündnismitglieder, sagen sie, auch der USA.
Details des Deals zwischen Rutte und Trump noch unklar
Was genau zwischen Rutte und Trump vereinbart wurde, ist bislang nicht in allen Details bekannt. Vieles werde jetzt erst ausgehandelt, sagen Nato-Beamte dem RND. „Es gibt noch viel zu tun“, räumte Rutte auch im US-Fernsehen ein. Offenbar konnte er Trump jedoch davon überzeugen, dass die Sicherheit in der Arktis durch eine Ausweitung der Nato-Aktivitäten gewährleistet werden kann.
„Die Gespräche zwischen den Nato-Verbündeten über den vom Präsidenten erwähnten Rahmen werden sich darauf konzentrieren, die Sicherheit in der Arktis durch gemeinsame Anstrengungen der Verbündeten, insbesondere der sieben arktischen Bündnispartner, zu gewährleisten“, sagte Ruttes Sprecherin Allison Hart dem RND. „Die Verhandlungen zwischen Dänemark, Grönland und den Vereinigten Staaten werden fortgesetzt, um sicherzustellen, dass Russland und China niemals – weder wirtschaftlich noch militärisch – in Grönland Fuß fassen können.“
Ob es allein der Einfluss des Niederländers war, der Trump von seinen Annexionsfantasien und Zolldrohungen abbrachte, oder ob die angekündigten europäischen Gegenmaßnahmen, fallende Kurse von US-Anleihen, Kritik aus der eigenen Partei oder schlechte Umfragewerte den Ausschlag gaben, bleibt Spekulation. Trump jedenfalls zeigte sich zufrieden mit dem Deal.
Was der Deal umfasst
Nato-Beamten zufolge soll das Verteidigungsabkommen zwischen den USA und Dänemark von 1951 neu verhandelt werden. Es sichert den USA bereits die militärische Präsenz in Grönland und den Betrieb von Stützpunkten zu. Vor allem der grönländische Weltraumbahnhof Pituffik ist für die US-Raketenabwehr von zentraler Bedeutung. Die USA könnten auch zusätzliche Basen auf der Arktisinsel eröffnen. Trump hatte zudem angekündigt, einen „Golden Dome“ auf Grönland errichten zu wollen.
Dieser Raketenschirm soll die USA gegen Hyperschall- und ballistische Raketen schützen, selbst bei Angriffen aus dem Weltraum. Medienberichte, wonach die USA auch die Souveränität über kleinere Gebiete mit Militärbasen erhalten könnte, ähnlich wie Großbritannien auf Zypern, wiesen Nato-Beamte im Brüsseler Hauptquartier entschieden zurück. Das Wort Zypern sei beim Trump-Rutte-Treffen nicht einmal gefallen.
In Grönland sind die Bedenken jedoch groß. Die grönländische Politikerin Aaja Chemnitz erklärte entrüstet, die Nato habe keinerlei Mandat, ohne die Menschen in Grönland zu verhandeln. Nato-Sprecherin Hart beschwichtigte: Rutte habe Trump in Davos keinerlei Kompromisse hinsichtlich der Souveränität vorgeschlagen.
Dänemark und die USA wollen nun auch Gespräche über ein Investitionsabkommen aufnehmen, das Russland und China von Grönlands Bodenschätzen fernhalten soll. Die US-Regierung soll mitentscheiden dürfen, welche Unternehmen Rohstoffe abbauen. Ein stärkeres Engagement europäischer Nato-Partner in der Arktis ist ebenfalls geplant. Ob dies in Form einer offiziellen Nato-Mission geschieht oder sich die sieben nordischen Bündnispartner selbst zusammenschließen, steht noch nicht fest.
Viele dieser Elemente hatte Dänemark den USA bereits zuvor angeboten. Entsprechend groß ist in Europa die Skepsis, ob Trump seine Besitzansprüche am Ende tatsächlich aufgibt. Sicher scheint nur: Diese Krise zwischen Trump und Europa dürfte nicht die letzte gewesen sein.

