Dem Militär der USA und Israels ist im Iran ein „Enthauptungsschlag“ gelungen. Wer hat nun die Macht? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Nach Tod ChameneisUmsturz im Iran ist fern – Wie der Krieg nun weitergeht

Teheran am 1. März: Bild des verstorbenen iranischen Obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei auf einer leeren Straße
Copyright: Vahid Salemi/AP/dpa
Die Tötung von Ali Chamenei durch das israelische Militär ist ein tiefer Einschnitt für den Iran: Der „Oberste Führer“ war seit 1989 die höchste religiöse und politische Autorität des Landes - mit Kontrolle über Regierung, Militär, Sicherheitsapparat, Justiz und Außenpolitik.
Hinzu kommt, dass auch Irans Verteidigungsminister sowie hochrangige Militärs unter den ersten Todesopfern waren, darunter Irans Generalstabschef und der Oberkommandierende der Revolutionsgarden. Allerdings war das Regime – auch aufgrund Chameneis Alters von 86 Jahren – darauf vorbereitet, ihn schnell ersetzen zu müssen. Wie geht es nun weiter in der Region und mit dem Krieg?
Wie groß ist das Vakuum im Iran nach Chameneis Tod?
Der Iran ist formal eine Republik mit einem Präsidenten, Parlament und Ministerien. Präsident ist seit 2024 Massud Peseschkian, 71 und innenpolitisch eher dem Reformer-Lager zugeordnet, das bessere Beziehungen zum Westen angestrebt hatte – wobei auch er Israel stets mit Vernichtung drohte. Seine Stellung wird nun vorübergehend aufgewertet.
Alles zum Thema Nahostkonflikt
- Nato geht von iranischem Beschuss auf die Türkei aus
- Konflikte Anbieter: Viele wollen mit Privatjet aus Dubai ausfliegen
- „Lage ist wirklich fürchterlich“ Kölner Schriftsteller Kermani wirft Trump „Fehlkalkulation“ im Iran vor
- Streit über Krieg gegen Iran Spanien wirft Merz mangelnden Beistand nach Trump-Kritik vor
- Keine Rede an die Nation Bei Trumps Krieg bleiben zentrale Fragen offen
- Fußball Tritt Irans Team bei der WM an? Trump: „Mir wirklich egal“
- Reisechaos durch Krieg Wie kann man Flüge bei Emirates stornieren oder umbuchen?
Die wahre Macht hatten aber stets die religiösen Kräfte: Ihr „Oberster Führer“ wird nicht vom Volk gewählt, sondern ist ein Ajatollah – ein hochrangiger Rechtsgelehrter im schiitischen Islam –, der die Macht über Streitkräfte, Geheimdienste und alle Schlüsselinstitutionen hat. Chamenei hatte in dieser Position stets Annäherungen an den Westen verhindert, etwa in den jüngsten Atomverhandlungen.
Zudem waren ihm die Islamischen Revolutionsgarden unterstellt – die 1979 gegründete Elite-Militärorganisation mit Land-, Luft- und Seestreitkräften sowie großem politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Ihre Auslandseinheiten, die Al-Quds-Brigaden, kämpften für iranische Interessen in der ganzen Region.
Wer hat nun die Macht im Iran?
Vorübergehend führt ein Dreier-Gremium das Land: Präsident Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Jurist des „Wächterrats“, wie das mächtige Verfassungsgremium heißt, das das islamische Recht durchsetzt und über das politische Personal bestimmt.
Chamenei soll nach dem 12-Tage-Krieg gegen USA und Israel vom vorigen Sommer die Erstellung komplexer Nachfolgepläne für den erneuten Kriegsfall angeordnet haben. Wer ihm nachfolgen soll, ist aber offen. Spekuliert wird über seinen Sohn Modschtaba, der jedoch öffentlich kaum bekannt ist. Klar ist, dass ein Nachfolger deutlich weniger Autorität hätte.
Könnte das Regime kippen?
Noch dauern die Luftangriffe Israels und der USA an, zu deren Zielen ein Regimewechsel zählt. Am Sonntag erklärte Israels Premier Netanjahu, Israel werde in den kommenden Tagen „Tausende Ziele des terroristischen Regimes“ angreifen, um Irans Volk einen Umsturz zu ermöglichen.
Einen schnellen Kollaps halten viele Beobachter aber für unwahrscheinlich: Das Herrschaftssystem hat sich in den knapp 50 Jahren seit der Islamischen Revolution gefestigt und beherrscht über einen vielschichtigen Sicherheitsapparat brutal über Alltag, Wirtschaft und öffentliches Leben.
Tausende Bürger feierten den Tod Chameneis am Wochenende zwar öffentlich, sie sehen sich nun aber erneut schwer bewaffneten Sicherheitskräften gegenüber. Erst wenn sich Polizei, Militär, Revolutionsgarden und Milizen gegen die Machthaber wenden und etwa einen Oppositionspolitiker stützten, wäre ein Regimewechsel denkbar. Eine solche Figur gibt es im Land bislang nicht.
Was heißt das für die Region insgesamt?
Auf die Tötung Chameneis reagierten die Revolutionsgarden mit vielfachen Angriffsserien: Es seien 27 US-Stützpunkte in der Region sowie Israels Armeehauptquartier und ein Rüstungskomplex in Tel Aviv beschossen worden. Trump drohte dem Iran daraufhin mit verstärkten US-Angriffen.
Zudem hat der Iran in den letzten Jahrzehnten mit verbündeten Milizen im Irak, Jemen, Syrien, Libanon und in den palästinensischen Gebieten eine „Widerstandsachse“ aufgebaut, die gegen den Erzfeind Israel kämpft. Es wird erwartet, dass sie den Krieg weiter eskaliert, vor allem mit Raketenbeschuss auf Israel.
Wie geht der Krieg weiter?
Die israelischen Streitkräfte (IDF) konzentrieren sich derzeit auf die Abwehr der iranischen Gegenschläge sowie auf die Ausschaltung der Rüstungsproduktion, von Trägerraketen und von anderen militärischen Zielen, von denen aus Israel beschossen wird. Das sagte IDF-Sprecher Nadav Schoschani am Sonntag vor Journalisten.
Demnach gab es vor Kriegsbeginn rund 2500 Raketen im iranischen Arsenal. Einige der Raketen, die Iran gegen Israel einsetzt, seien auch in der Lage, Europa zu erreichen. Ziel sei zudem die Lufthoheit über dem Iran, die bislang erst in einigen Regionen erreicht sei, so Schoschani.
Zudem werden auch außerhalb der Region Vergeltungsakte befürchtet. Irans Präsident Peseschkian nannte die Tötung Chameneis eine „offene Kriegserklärung“ gegen alle Muslime, insbesondere die „Schiiten weltweit“: „Vergeltung und Blutrache an den Tätern und Drahtziehern“ seien nun Pflicht. Auch der einflussreiche iranische Großajatollah Makarem Schirasi rief zur Rache an den USA und Israel auf. Deutsche Sicherheitsbehörden fürchten deshalb eine erhöhte Gefahrenlage in Deutschland und Europa und sind entsprechend vorgewarnt.

