Abo

„Erstklassiges Fernsehen“Eskalation und Inszenierung prägen zweite Amtszeit von Donald Trump

8 min
Das Bild zeigt eine Fotomontage von Donald Trump vor dem Weißen Haus. Fotos: Freepik, Andrew Harnik/ Donati/RND (Montage)

Herr im Weißen Haus: Donald Trumps zweite Amtszeit als US-Präsident begann am 20. Januar 2025 mit der Amtseinführung und endet verfassungsgemäß spätestens am 20. Januar 2029.

Donald Trump regiert über Bilder und spektakuläre Momente. An ihnen zeigen sich Brüche einer Regierung, die, die Welt verändert.

Washington, Ende Februar 2025: Donald Trump und sein Vize JD Vance sitzen im Oval Office des Weißen Hauses. Es ist nur Minuten her, dass sie den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor den Augen der Welt gedemütigt haben. In diesem Moment gibt der US-Präsident einen tiefen Einblick in sein Denken: „Das wird erstklassiges Fernsehen!“, frohlockt er.

Der Mann, den die Amerikaner mehr als ein Jahrzehnt lang in einer TV-Show als energischen Unternehmer bestaunten, hält die Welt seit seinem erneuten Amtsantritt in Atem. Und tatsächlich sind es immer wieder spektakuläre Bilder und Momente, die das erste Jahr von Trumps zweiter Amtszeit dominierten – und durch die der 79-Jährige selbst Macht demonstriert. Sie spiegeln ein Land im Umbruch und eine Regierung, die die Welt aus den Angeln hebt. Ein Jahr in acht Szenen.

Tech-Bosse beim Amtseid – Trump und die Wirtschaft

Es ist bitterkalt in Washington, als Donald Trump am 20. Januar 2025 zum zweiten Mal seinen Amtseid als US-Präsident ablegt. Das Weiße Haus verlegt die Zeremonie ins Innere des Kapitols, es gerät zum Politikum, wer einen der knappen Plätze rund um den Präsidenten ergattert. In vorderster Reihe versammeln sich – statt altgedienter Parteigrößen der Republikaner – Tech-Vorstandschefs. Mark Zuckerberg, Herr über Meta, und dessen Marken Facebook, Instagram und WhatsApp, steht neben Amazon-Boss Jeff Bezos, Sundar Pichai von Google- und Youtube-Mutterkonzern Alphabet sowie Elon Musk. Der Chef von Tesla, X und SpaceX hatte Trumps Wahlkampf mit mehr als einer Viertelmilliarde Dollar unterstützt.

Trump bleibt den oft hundertfachen Milliardären aus dem Silicon Valley auch in den Folgemonaten nahe. Er steigt, getrieben von seinen Söhnen, selbst in den Handel mit Krypto-Währungen ein und verdient laut Recherchen von US-Medien Milliarden. Dass die US-Wirtschaft in den vergangenen zwölf Monaten wächst, ist vor allem auf den Kursboom von Firmen aus der KI-Branche zurückzuführen – die im Wahlkampf versprochenen Industriejobs ist Trump bisher schuldig geblieben.

Die Kettensäge – Kürzungen mit tödlichen Folgen

Dass die US-Regierung nicht nur mit der Axt an den US-Staatshaushalt ran will, zeigt sich Mitte Februar auf der konservativen Konferenz CPAC. Dort überreicht der argentinische Präsident und Trump-Verbündete Javier Milei eine rot-silber glänzende Kettensäge an Multimilliardär Elon Musk. „Das ist die Kettensäge für die Bürokratie“, posaunt dieser.

Der bizarre Moment ließ ahnen, wie tief die Einschnitte sein würden, die Musk in den ersten Monaten nach Amtsbeginn in Trumps Auftrag vornimmt. Er stürmt mit einem Team Behörden in Washington, feuert laut Regierung 300.000 Mitarbeiter, kündigt Staatsverträge und stampft die US-Entwicklungshilfe USAID weltweit ein. Trotzdem erreicht er nur einen Bruchteil der versprochenen Einsparungen und hinterlässt Teile der US-Verwaltung in Chaos. Millionen der ärmsten Menschen weltweit verlieren Zugang zu medizinischer Hilfe und Nahrungsmitteln. Forscher der Universität Harvard gehen davon aus, dass seit dem Aus für USAID Hunderttausende Notleidende ihr Leben verloren haben.

Ukrainischer Albtraum im Oval Office

Wolodymyr Selenskyj war vor einer potenziellen feindseligen Atmosphäre gewarnt worden, als er am 28. Februar zu seinem Antrittsbesuch im Weißen Haus eintrifft. Was dann im Oval Office tatsächlich folgt, ist für die Ukraine und ihre Verbündeten noch viel dramatischer – ein Albtraum in Echtzeit. Der Staatschef aus Kiew hat sich mehr Rückendeckung Trumps gegen den russischen Angriffskrieg erhofft, stattdessen wird es hitzig: Vize JD Vance wirft Selenskyj vor, nicht dankbar für die US-Militärhilfe zu sein. Und Trump beschuldigt ihn, „mit einem Dritten Weltkrieg zu spielen”. Das Bild von Trump und Vance, wie sie abwehrend die Hand gegen Selenskyj erheben und er mit verschränkten Armen und grimmigem Gesicht auf seinem Stuhl sitzt, geht um die Welt.

Das Treffen belastet die Beziehungen zwischen der Ukraine und ihrem wichtigsten Verbündeten schwer und wirft Fragen auf, inwieweit Trump Kiew überhaupt gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin verteidigen will. Einige Beobachter glauben sogar, dass die Eskalation im Weißen Haus von US-Seite aus geplant war. Für viele nicht überraschend: Trumps Alaska-Gipfel mit Putin einige Monate später verläuft deutlich harmonischer. Ein Jahr später ist der Krieg noch immer in vollem Gang. Die Ukraine erlebt einige der schlimmsten Angriffe seit dem Beginn der russischen Offensive im Februar 2022.

Der „Tag der Befreiung“ entfesselt ein weltweites Zollchaos

Donald Trump glaubt seit Jahrzehnten, dass die USA im weltweiten Handel über den Tisch gezogen werden. Das Land führt mehr günstige Güter aus anderen Nationen ein, als es exportiert. Die entstehenden Handelsdefizite sind für den Präsidenten ein Zeichen der Schwäche, gegen das er am 2. April den „Befreiungstag“ ausruft. Trump zeigt eine große Tafel mit Ländernamen und Zollsätzen im Rosengarten des Weißen Hauses und kündigt zusätzlich zu den Basis-Zöllen, die er ohnehin weltweit erhöht hat, neue Abgaben für mehrere Dutzende Länder an.

Das Bild zeigt US-Präsident Donald Trump winkend beim Einsteigen in die Air Force One auf der Joint Base Andrews, Maryland. Foto: Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

US-Präsident Donald Trump winkt beim Einsteigen in die Air Force One auf der Joint Base Andrews, Maryland.

Die Berechnung bleibt nebulös, weltweit entsteht bei Regierungen und Konzernen riesige Unsicherheit. Für Trump sind die Zollsätze Verhandlungsmasse, die in der Folge immer wieder angepasst werden. Auch wegen aufgestockter Lagerbestände bleiben befürchtete massive Preiserhöhungen in den USA zunächst aus, aber zu einem von Trump versprochenen Ende der erhöhten Inflation kommt es ebenso nicht.

Eine Frauen-Silhouette als Symbol für Trumps hartnäckigsten Skandal

Anfang September veröffentlichen Demokraten aus einem Ausschuss im Repräsentantenhaus einen Brief, den Trump 22 Jahre zuvor als Geburtstagsgruß an den berüchtigten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein geschrieben haben soll. Zu lesen sind Zeilen aus einem ausgedachten Dialog zwischen „Jeffrey” und „Donald”, umrahmt von der Silhouette eines Frauenkörpers. „Möge jeder Tag ein weiteres wundervolles Geheimnis sein”, lautet der Abschluss.

Der Brief wird zum Symbol für den wohl hartnäckigsten Skandal rund um Trump. Obwohl er im Wahlkampf die Veröffentlichung der Ermittlungsakten um den in Haft gestorbenen Epstein versprochen hatte und es inzwischen sogar ein Gesetz verlangt, sind immer noch nur ein Bruchteil davon öffentlich. Viele Amerikaner vermuten, dass US-Eliten und Prominente von den Verbrechen des in höchste Kreise vernetzten Epstein wussten oder beim Missbrauch von Minderjährigen sogar mitmachten. Beim Besuch einer Ford-Fabrik vor wenigen Tagen ruft ein Arbeiter Trump zu, er sei ein „Pädophilenbeschützer“. Der Präsident zeigt ihm daraufhin den Mittelfinger.

Tod eines Unterstützers und ein weinender Komiker

Am 10. September erschießt ein Attentäter den rechten Aktivisten Charlie Kirk. Durch die offenbar politisch motivierte Tat eskaliert der ohnehin raue Ton der öffentlichen Debatte noch weiter. Online suchen Konservative nach Hasskommentaren zum Tod Kirks und sorgen dafür, dass deren Verfasser ihre Jobs verlieren. Auch der Late-Night-Talker Jimmy Kimmel gerät ins Kreuzfeuer, als er im Auftaktmonolog seiner Show sagt, dass Trump und seine Maga-Bewegung alles täten, um politisch mit dem Tod zu punkten.

Die US-Fernsehaufsicht mit Trump-Anhänger Brendan Carr an der Spitze droht Kabelbetreibern mit schwerwiegenden Folgen, sollten sie Kimmels Sendung weiter ausstrahlen. Tatsächlich wird die Show einige Tage ausgesetzt, doch als mehrere Millionen US-Amerikaner ihre Abos für den Senderverband ABC und andere Angebote des Mutterkonzerns Disney kündigen, gibt es ein Einlenken. Kimmel darf nach einer knappen Woche wieder auf Sendung. Er kritisiert Trumps Druck, aber sagt unter Tränen auch, dass er sich nie über den Tod Kirks habe lustig machen wollen.

Regimesturz in Venezuela – und eine neue Weltordnung?

Am frühen Morgen des 3. Januar erregen verwackelte Videos von Explosionen in der venezolanischen Hauptstadt Caracas die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Einige Stunden später veröffentlicht US-Präsident Trump ein seitdem berühmtes Foto: Es zeigt Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro in einem grauen Trainingsanzug auf einem US-Flugzeugträger im Atlantik – gefesselt, mit Augenbinde und Gehörschutz.

Die dramatische Gefangennahme Maduros, dem in New York der Prozess gemacht werden soll, läutet eine neue außenpolitische Linie der Trump-Regierung ein. Deutlich aggressiver wollen die USA künftig ihre Interessen vertreten – auch entgegen dem Völkerrecht. Viele Experten sehen den Beginn einer Weltordnung, in der Großmächte ihre Einflusssphären mit allen Mitteln kontrollieren.

Nach Venezuela richtet Trump seinen Blick schnell auf weitere Ziele. Er könne sich Angriffe in Mexiko, auf Kuba und im Iran vorstellen, sagt er – und auf Grönland, das er notfalls „auf die harte Tour” zu US-Staatsgebiet machen will. Die Insel gehört zum Nato-Partner Dänemark, ein Ende des Verteidigungsbündnisses droht.

Tötung von Renee Good – Eskalation der Razzien gegen Migranten

Ein SUV steht quer auf einer Straße in einem Wohngebiet, Beamte der US-Migrationsbehörde ICE rütteln an der Tür. Die Fahrerin gibt Gas, einer der ICE-Beamten zückt seine Waffe und schießt durch die Windschutzscheibe. Die mittlerweile millionenfach angeschauten Videos des Vorfalls in Minneapolis im Mittleren Westen der USA zeigen die Tötung der 37-jährigen Amerikanerin Renee Nicole Good, von der sich die Beamten in ihrer Arbeit behindert fühlten.

Obwohl die Bilder vom 7. Januar klar nahelegen, dass Good in ihrem Auto wegfahren will, beschuldigen Trump und andere Regierungsmitglieder sie schnell, das Fahrzeug als Waffe gegen die ICE-Leute eingesetzt zu haben. Viele zweifeln daran, dass ernsthaft gegen den Schützen Jonathan Ross ermittelt werden wird. Mit den Einsatzkräften von ICE setzt Trump seine Anti-Migrationsagenda durch, mit der er Millionen Menschen abschieben will. Viele US-Bürger nehmen die bei ihren Razzien oft maskierten Beamten laut Umfragen zunehmend negativ wahr. Trumps Gegner sehen sie als Truppe, die im Auftrag des Präsidenten die Bevölkerung terrorisiert.

In Minneapolis und zahlreichen weiteren Städten kommt es zu Protesten, die andauern – die radikale Einwanderungsagenda könnte ein bestimmendes Thema in Trumps zweitem Amtsjahr werden, in dem im November die wichtige Zwischenwahl für den Kongress ansteht.