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„Es ist Zeit. Ich will hier raus“Wie ein Rheinländer jetzt aus Russland fliehen will

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Jürgen lebt seit 17 Jahren mit seiner Frau Galina in Moskau. Jetzt will er gehen.

Leverkusen. – Wie es ihm geht? Schlecht, sagt er. Dann eine Pause. Nur ein Wort. Mehr ist nicht nötig derzeit. Erst recht nicht, wenn man im Osten Europas lebt. So wie Jürgen.

In der Ukraine tobt der Krieg. Er sitzt in einer Wohnung in Moskau vor seinem Rechner und spricht via Skype. Moskau, Russland: Das ist aus Sicht der Ukraine nicht nur der Nachbar. Das ist auch der Aggressor von nebenan, der am 24. Februar plötzlich mit Truppen vor der Haustüre stand und einen Angriffskrieg startete. Und Jürgen bekommt das alles aus Sicht des Angreifenden mit.

Seit dem 24. Februar will er raus

Geboren und aufgewachsen im Rheinland, lebt er seit 17 Jahren in Moskau. Ist glücklich mit Galina, einer Russin, verheiratet. Arbeitet erfolgreich als Consultant. Sprich: Ist angekommen im Leben. Dachte er jedenfalls. Seit dem 24. Februar denkt er: „Es ist Zeit. Ich will hier raus.“

Natürlich heißt Jürgen nicht Jürgen. Aber seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Zu riskant. Er möchte nicht, dass irgendjemand von seinen Plänen erfährt. Dass irgendetwas von dem, was er sagt, auf ihn zurückfällt. Er sagt zum Beispiel: „Das, was Russland dort in der Ukraine macht, ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg.“

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Jürgen und Galina wollen Russland den Rücken kehren. Sie planen ihre Flucht - heimlich.

Würde er öffentlich äußern, dass „Putin das Land ins Steinzeitalter zurückbombt“, dann „bestünden gute Chancen, dass Sie mich zwei Tage später im Gulag wiederfinden.“ Das Gesetz funktioniere diesbezüglich „recht einfach“. Um das nochmal zu unterstreichen, hält Jürgen ein leeres Blatt Papier über seinen Kopf. Er mimt jetzt einen Demonstranten, zeigt auf das weiße Blatt, sagt: „Stoppt den Krieg!“ Dann wird er zum Polizisten und ruft: „Mitkommen!“ So laufe es.

Proteste in Moskau haben abgenommen

„Sie sind ziemlich rigoros geworden hier.“ Es wird seltener protestiert als noch in den Anfangstagen des Krieges. „Und wir diskutieren hier nur im allerengsten Kreis über das, was wir wirklich denken“, sagt Jürgen. Alles andere ist zu gefährlich. Nicht zuletzt für ihn. Den Deutschen. „Deutschland gehört ja nicht mehr zu den befreundeten Staaten, da es die Ukraine mit Waffen beliefert.“ Ein guter Freund von Jürgen hier stammt aus der DDR. Er sagte jüngst zu ihm, man komme sich ein bisschen vor wie damals mit der Stasi.

Und manchmal, sagt Jürgen, zählt dann nicht einmal mehr die eigene Familie zu diesem allerengsten Kreis: „Das Ukraine-Thema spaltet. Der Riss geht durch Familien“. Er spreche da aus eigener Erfahrung. „Es kann dir gut passieren, dass dein Schwager sagt: „Krieg? Nein! Putin macht genau das Richtige! Die Ukraine muss entnazifiziert werden!“

Angst als medizinisches Personal an die Front zu müssen

Eben deswegen wollen die beiden raus. „Wir haben schon vor zwei Jahren gesagt: Hier entwickelt sich alles in die falsche Richtung. Es geht bergab.“ Politisch. Wirtschaftlich. Gesellschaftlich. „Das haben wir lange toleriert, weil es uns vergleichsweise gut geht. Wir gehören zur stabilen Mittelschicht“, sagt Jürgen. Aber als der Angriffskrieg auf die Ukraine begann, da war es aus. „Da haben wir uns gesagt: Wir hauen ab!“ Was nicht zuletzt für Galina extrem wichtig ist: Sie gehört zum medizinischen Personal im Land und könnte zu einem Fronteinsatz gerufen werden. Jederzeit. „Dem würden wir gerne zuvorkommen.“

Von den Plänen zur Ausreise wissen nur sehr wenige Menschen. Die Familie gehört nicht dazu. Sie wollen nichts riskieren. Auch keine Anfeindungen. Galina gelte für manche ohnehin schon als Verräterin und habe sich in der Vergangenheit auch schonmal anhören müssen: „Warum heiratest du einen Deutschen? Sind dir die russischen Männer nicht gut genug?“

One-Way-Ticket per Flugzeug oder mit dem Auto

Der Plan: Spätestens im Mai rücken Transporter an. Wird die Wohnung leergeräumt. Machen sich Jürgen und Galina derweil mit zwei Reisekoffern auf den Weg in den Westen. Entweder per Flugzeug über Kaliningrad, Baku oder Dubai. One-Way-Ticket. Oder via Finnland mit dem Auto. Die finnische Regierung schottet sich zwar ab zum großen Nachbarn. „Ich habe aber gehört, dass ihre Grenzbeamten Leute mit einem EU-Pass einfach durchwinken“, sagt Jürgen, der ja seinen deutschen Pass besitzt.

In Deutschland will Galina sich dann um ein Visum bemühen. Um einen Job. „Ich kann meinen weitermachen. Das meiste läuft online. Da ist es egal, wo ich sitze.“ Und am Ende hoffen sie dann auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis für Galina, bis sie irgendwann selbst einen Pass beantragen kann.

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Denis sieht die Schuld bei der Ukraine. Er steht hier im Izmailovsky-Park im Nord-Osten Moskaus.

Eine Wohnung im Rheinland ist bereits zugesagt. Da haben Jürgens Freunde in Deutschland mitgewirkt, die er über diverse Messengerdienste um Hilfe bat. „WhatsApp und Signal klappen hier noch. Nur Facebook wurde gesperrt.“ Wer Facebook nutzt, gilt quasi als Extremist.

Denis sieht die Schuld bei der Ukraine

Einer wie Denis würde das Handeln von einem wie Jürgen wohl eher nicht verstehen. Denis ist Russe, arbeitet in der Finanzwirtschaft und sagt über seine Heimat Moskau: „Moskau ist einer der sichersten Orte in Europa.“ Der Kontakt zu ihm, der seinen Nachnamen nicht öffentlich machen will, kam über einen Deutschen zustande, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Trotz Anonymität will Denis jedoch gerne etwas via Zoom aus seinem Büro zur Sache sagen.

Ein smarter, junger und sehr freundlicher Kerl ist er. Und er ist pro Putin. Zwar nennt auch Denis das, was derzeit in der Ukraine passiert, einen Krieg. Aber: „Ich denke, dass der nicht erst vor fünf Wochen angefangen hat.“

Es habe vielmehr vor Jahren schon in der Region Donbass begonnen. Mit der Diskriminierung der dort lebenden Russen durch die Ukrainer. Denis spricht vom Verbot der russischen Sprache. Von Bombardements. Von Toten. Und er ist sich sicher, das beurteilen zu können: Er hat Wurzeln in der Ukraine. Seine beiden Großväter stammen von dort. Seine Frau arbeitet in Luhansk und Donezk. „Dieser Krieg läuft seit Jahren. Bislang hat nur niemand Notiz davon genommen.“ Bis jetzt. Ja: Denis fühlt „sehr“ mit den Menschen in Mariupol und anderswo. Aber man darf seiner Meinung nach nicht vergessen, wer die Verantwortung trägt. Russland werde immer wieder als böser Feind dargestellt – in den westlichen Medien. Entsprechend sieht er auch viele der Fotos von Gräueltaten an Zivilisten als „Fake“ an. Und er kann sich das nur damit erklären, dass etwas verheimlicht und Russland verantwortlich gemacht werden soll.

Das harte Vorgehen des russischen Staates gegen Demonstrierende ist für Denis, so sagt er, normalerweise zwar eine schlechte Sache. „In der aktuellen Situation ist das aber als zeitlich begrenzte Lösung gerechtfertigt. Viele Menschen in der russischen Gesellschaft verhalten sich derzeit nicht korrekt und sollten das nicht auch noch öffentlich tun.“

Yury sieht alles als Kollision nationaler Interessen

Und dann ist da noch Yury. Ebenfalls Russe. Yury ist Ingenieur und lebt in Samara, einer Stadt an der Grenze zu Kasachstan. Und auch er ist bereit, seine Sicht der Dinge zu erzählen. Eine Stunde via Skype.

Wie Denis sieht Yury den Konflikt im Donbass als Auslöser des Krieges. Wobei: Für ihn ist Krieg vor allem ein juristischer Begriff. Er sagt: „Wenn Sie mich auf der Straße treffen, würde ich vielleicht sagen: Das ist ein Krieg. Wenn Sie mich aber als Jurist fragten, würde ich sagen: Das ist kein Krieg. Das ist eine militärische Operation.“ Oder anders: Die Ukraine habe Russland nicht den Krieg erklärt. Russland habe der Ukraine nicht den Krieg erklärt. Und das Gas zwischen beiden Ländern ströme weiter. „Für mich ist das ein sehr seltsamer Krieg.“

Zudem trennt Yury konsequent zwischen Geopolitik als Auslöser für das, was nun in der Ukraine passiert, und Ethik. „Auf dem geopolitischen Level“, sagt er, „erleben wir eine Kollision nationaler Interessen. Und in der Geopolitik ist kein Platz für menschliches Leid.“ Punkt.

Schnell ist Yury dann auch bei Deutschland, den USA, der Nato. Und stellt Gegenfragen. Ob das Eingreifen etwa in Afghanistan oder dem Iran dann nicht auch kriegerische Akte gewesen seien? Zudem zieht er die Vereinigten Staaten und den Fall des geächteten Whistleblowers Julian Assange als Vergleich heran: „Die Freiheit endet dort, wo die Interessen der USA beginnen.“

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Und damit schließt sich der Kreis wieder. Bei Jürgen. Er kennt derlei Gespräche nämlich zu Genüge. Und auch wenn manche davon durchaus sachlich verlaufen und die Diskutierenden intelligent und respektvoll sind – wie Denis und Yury also – sieht Jürgen es doch so: „Du erreichst diese Leute fast gar nicht.“ Keine Chance. „Die stehen zu einhundert Prozent hinter der Sache. Da kannst du argumentieren, wie du willst. Und wenn ich anfange zu moralisieren, habe ich die Diskussion endgültig verloren.“

Schöne Grüße von jenseits der Grenze

Auch Jürgen hat die Bilder der toten Zivilisten aus Butscha gesehen. Oder die aus Mariupol, wo Raketen in ein Krankenhaus einschlugen. Und bei sowas, sagt er, bekommt er dann nicht selten zu hören: „Was sollen die russischen Soldaten denn machen? Die ukrainischen Schweine verstecken sich doch in den Krankenhäusern und nehmen die Patienten als menschliche Schutzschilde.“ So werden Opfer zu Tätern gemacht.

Letztlich ein weiterer, ein guter Grund, für ihn und Galina, um zu gehen. Um am „hoffentlich glücklichen Ende“ ein Foto machen zu können. Hinter der Grenze. „Das schicken wir dann an alle raus.“ Mit schönen Grüßen. Ohne schlechte Gefühle. „Und vor allem keine Sekunde früher.“