- Rainer Rettinger ist seit April 2014 Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins in Essen. Der Verein setzt sich gegen Kindesmisshandlung und sexuelle Gewalt bei Kindern ein.
- In NRW wurden im Jahr 2021 über 40 Prozent mehr Verfahren zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen bearbeitet als 2017.
- Im Interview spricht Rettinger darüber, wieso die Zahlen steigen und was sich angesichts von Missbrauchskomplexen wie Lüdge ändern muss.
Essen – Herr Rettinger, gerade im Vergleich zu 2017 sind die Zahlen der Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung extrem angestiegen. Wie erklären Sie sich das?Zum einen hat sich die Aufmerksamkeit durch Nachbarn und Schulen erhöht, die wiederum Meldungen ans Jugendamt machen. Immer mehr Fälle von Kindesmisshandlung landen in den Nachrichten, wodurch sich auch die Sensibilität und Zivilcourage erhöht. Ich sage immer: Wenn man sowas nicht meldet, ist das unterlassene Hilfeleistung dem Kind gegenüber. Wir sollten niemals sagen: Das geht mich nichts an, da halte ich mich raus, sondern wir sollten Zivilcourage zeigen. Zum Zweiten glauben wir aus den Zahlen eine Nachwirkung aus der Corona-Pandemie herauszulesen – gerade, wenn es um Vernachlässigung geht.
Wodurch ist es in der Corona-Pandemie in Familien vermehrt zu Kindeswohlgefährdung gekommen?

Rainer Rettinger, Geschäftsführer Deutscher Kinderverein
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Im Lockdown entfielen hilfreiche Alltagsroutinen, die Familie saß auf engem Raum zusammen. Der Schul- und Kitabesuch fiel wochenlang aus, der sowohl Eltern als auch Kinder entlastet hätte. Selbst die Spielplatze waren ja zu. Gerade Kinder von suchtkranken Eltern erleben durch Freunde, Lehrerinnen und Lehrer und die Mittagsbetreuung im Hort einen Halt. Nun war so ein Kind lange Zeit allein. Keiner in der Nähe, der die Notlage der Mutter oder des Vaters sah. Keiner, der die Not des Kindes sah. Die Situation war besorgniserregend.
Gerade bei psychischer Misshandlung und sexueller Gewalt verzeichnen die Behörden einen starken Anstieg. Wieso stiegen die Zahlen gerade in diesen Bereichen an?
Das Hellfeld wird größer, die Fälle werden endlich entdeckt. Gerade bei der Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder hat Nordrhein-Westfalen aufgerüstet – dadurch steigen auch die Zahlen an.
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Trotzdem kam es zu Fällen wie dem in Lügde. Was muss sich ändern?
Bei einigen Fällen, die in der Presse auftauchen, muss man sich die Frage stellen: Wo war das Jugendamt? Eine unserer dringendsten Forderungen ist deshalb, das Personal in den Jugendämtern zu verdoppeln. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ja komplett überlastet – wie soll man da noch Kinder schützen? Oftmals richtet sich der Blick auch zu sehr auf die Probleme der Eltern und das Kind gerät aus dem Fokus. Von daher appellieren wir an einen kindzentrierten Kinderschutz, daran, dem Kind glauben zu schenken und zuzuhören. Kinderschutz muss zudem bundesweit ein Pflichtfach werden in der Erzieherausbildung, im Studium Soziale Arbeit, der Lehrerausbildung und im Psychologiestudium.


