Wer hat nach dem Krieg im Iran das Sagen? Eine Analyse zeigt: Die neue Führung besteht aus alten Bekannten und Hardlinern.
Kein Neuanfang im IranDiese Hardliner haben nach dem Krieg das Sagen in Teheran

Seit seiner Ernennung zum obersten Führer hat sich Modschtaba Chamenei nie öffentlich gezeigt. (Archivbild)
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Zeitweilig entstand in Washington der Eindruck, der Krieg im Iran hätte eine politische Neuordnung herbeigeführt. Donald Trump, der US-Präsident, erwähnte „neuen und vernünftigeren“ Kräfte in Teheran, nannte diese aber nicht namentlich. Die amerikanische Regierung zog damit Hohn auf sich, unter anderem von Segmenten der iranischen Protestbewegung. Diese war zu Beginn des Jahres noch gegen die autoritäre Staatsführung demonstrieren gegangen. Eine Analyse der neuen Führungspersönlichkeiten offenbart ein deutliches Muster: Ihre Herkunft liegt in dem Machtgefüge, welches die Islamische Republik seit Dekaden stützt. Es folgt eine Übersicht.
Modschtaba Chamenei: Neuer Revolutionsführer und Staatsoberhaupt
Die Frage der Nachfolge an der Staatsspitze der Islamischen Republik war nach dem Tod des obersten Führers Ali Chamenei am ersten Tag des Krieges vorerst ungeklärt. Modschtaba Chamenei wurde erst etwa eine Woche später vom Expertenrat zum neuen Revolutionsführer bestimmt. Damit trat der 56-Jährige aus dem Hintergrund seines Vaters in den Mittelpunkt eines politischen Gefüges, das eine Erbfolge von Machtpositionen prinzipiell verwirft.
Über seine gesundheitliche Verfassung gibt es seither Spekulationen. In einem Porträt wurde er von iranischen Staatsmedien als „Kriegsversehrter“ beschrieben. Seit seiner Amtseinsetzung hat er sich nicht in der Öffentlichkeit gezeigt. Seine Mitteilungen werden entweder in Schriftform publiziert oder vorgelesen.
Welchen politischen Weg der neue Revolutionsführer verfolgen wird, ist weiterhin offen. Laut Verfassung kommt ihm bei sämtlichen strategischen Entscheidungen die finale Autorität zu. Chamenei bekräftigte in einer Hadsch-Ansprache, die ihm zugeordnet wird, die Gegnerschaft zu Israel sowie die strikte Linie seines Vaters. Gleichzeitig melden Insider aus Teheran, dass er soziale Reformen als eine Option betrachtet, um das politische System zu festigen und künftigen Protesten vorzubeugen.
Mohammed Bagher Ghalibaf: Der oft verkannte Machtpolitiker
Mohammed Bagher Ghalibaf, der Parlamentspräsident des Iran, hat aus seinen Bestrebungen innerhalb des Machtgefüges der Islamischen Republik nie einen Hehl gemacht. Wie einige Beobachter bemerken, wurde er genau aus diesem Grund lange Zeit nicht ernst genommen. Der 64-Jährige wird als konservativer Stratege angesehen, der Unterstützung aus dem technokratischen Flügel der Revolutionsgarden, der Eliteeinheit des Iran, erfährt.
Seine Beförderung zum General erfolgte bereits in jungen Jahren, er verfolgte eine Laufbahn als Befehlshaber der Revolutionsgarden und erhielt um das Jahr 2000 die Ernennung zum Polizeichef. Insbesondere bei Kritikern und gemäßigten Kräften wird ihm seine Beteiligung an der Unterdrückung der Studentenproteste jener Zeit bis heute nachgetragen.
Ghalibaf ging im Jahr 2005 in die Politik, seine Kandidatur für das konservative Lager bei der Präsidentschaftswahl im gleichen Jahr blieb jedoch ohne Erfolg. Anstelle des Präsidentenamtes übernahm er den Posten des Bürgermeisters von Teheran. Sogar einige seiner politischen Gegner gestehen ihm bis heute eine gelungene Amtszeit zu, die allerdings von Anschuldigungen der Korruption überschattet war.
Ghalibaf kandidierte noch drei weitere Male für das Präsidentenamt und unterlag jedes Mal, was ihm Hohn einbrachte. Seine jetzige Funktion bei den Gesprächen mit den Vereinigten Staaten erscheint daher umso erstaunlicher. Infolge des Todes vieler Militärs und Politiker während des Iran-Krieges gehört Ghalibaf nun zu den maßgeblichen Persönlichkeiten in Teheran.
Ahmad Wahidi: Ein Hardliner von den Revolutionsgarden
Nach dem Tod seines Amtsvorgängers im laufenden Krieg hat Ahmad Wahidi die Führung der Revolutionsgarden übernommen. Der 67-Jährige ist Teil der Generation, die während des Iran-Irak-Krieges an Einfluss gewann und nachfolgend die militärischen Strukturen der Islamischen Republik formte. Wahidi repräsentiert als ehemaliger Verteidigungs- sowie Innenminister eine kompromisslose politische Linie. Die gewaltsame Unterdrückung der im September 2022 begonnenen Proteste mit dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ ereignete sich ebenfalls während seiner Amtsperiode als Innenminister.
Wahidi ist auch auf internationaler Ebene vorbelastet. Ermittlungsbehörden aus Argentinien beschuldigen ihn der Mitwirkung an der Planung des Attentats auf ein jüdisches Kulturzentrum in Buenos Aires 1994, bei dem zahlreiche Personen ums Leben kamen. Auf Gesuch Argentiniens gab Interpol 2007 eine sogenannte „Red Notice“ gegen ihn heraus, die über zur Fahndung ausgeschriebene Verdächtige informiert und zur Unterstützung bei deren Ergreifung aufruft. Die iranische Regierung bestreitet diese Anschuldigungen.
Brigadegeneral Solghadr: Neuer Generalsekretär des Sicherheitsrats
Ein bislang unbekannter General übernahm das Amt, nachdem der einflussreiche Politiker Ali Laridschani, dem jüngst eine zentrale Funktion im Sicherheitsrat innerhalb des iranischen Machtgefüges zugesprochen wurde, getötet worden war. An der Spitze dieses wichtigen Gremiums befindet sich nun Mohammed Bagher Solghadr, ein Brigadegeneral a. D. Die Revolutionsgarden bauen dadurch ihre Machtposition in der Innen- und Außenpolitik des Iran weiter aus.
Es gibt nur wenige öffentliche Informationen über Solghadr. Seine Geburt datiert auf die Mitte der 1950er-Jahre; er ist zudem ein Veteran des Krieges zwischen Iran und Irak (1980-1988). Vor seiner jetzigen Position war er ein hochrangiges Mitglied im sogenannten Schlichtungsrat, einem bedeutsamen Schiedsgremium innerhalb des iranischen Machtapparats.
Berichten iranischer Medien nach war Solghadr früher für die Wahlkampagne der erzkonservativen „Volksfront der Kräfte der Islamischen Revolution“ verantwortlich. Zu den Mitgliedern dieser Gruppierung gehören neben Ghalibaf auch der damalige Präsident Ebrahim Raisi, der 2024 bei einem Helikopterabsturz verstarb.
Abbas Araghtschi: Der Karrierediplomat als Außenminister
Außenminister Abbas Araghtschi zählt zu den bekanntesten Persönlichkeiten in der iranischen Regierung. Der 63-jährige Berufsdiplomat wird als konservativer Pragmatiker eingeschätzt, der sich nicht eindeutig einem politischen Flügel zuordnen lässt. Im Jahr 1996 erlangte der studierte Politikwissenschaftler seinen Doktortitel an der Universität Kent in Großbritannien. Araghtschi hat ein Buch über das Thema diplomatischer Verhandlungsführung verfasst.
Seine Verhandlungskompetenz hat ihm mutmaßlich auch den Rückhalt der obersten Führungsebene gesichert. Araghtschi führte schon im Vorjahr die Atomverhandlungen mit den Vereinigten Staaten. Laut Insiderinformationen genießt seine Einschätzung im engsten Machtkreis hohes Ansehen, auch wenn er nicht direkt an Entscheidungen beteiligt ist.
Ali Abdollahi Aliabadi: Befehlshaber der Militärführung
Die Leitung der zentralen iranischen Militärführung obliegt Ali Abdollahi Aliabadi. Als Generalmajor befehligt er das Hauptquartier Chatam al-Anbija, welches im Kriegsfall die operative Leitung der iranischen Streitkräfte übernimmt und die Aktionen von Armee sowie Revolutionsgarden abstimmt. Aliabadi zählt somit zu den bedeutendsten militärischen Repräsentanten des Landes. Aliabadi ist seit Beginn des Krieges nur vereinzelt öffentlich in Erscheinung getreten. Es wird vermutet, dass sein Einfluss sich stattdessen im operativen Zentrum der iranischen Kriegsstrategie entfaltet.
(dpa/red)
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