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Kommentar

Nahost
Christen bedroht im Heiligen Land

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Jerusalem's Latin Patriarch Cardinal Pierbattista Pizzaballa (2nd R) and Greek Orthodox Patriarch of Jerusalem Theophilos III (R) meet with children during a visit to the Holy Family Church in Gaza City on June 22, 2026. Pizzaballa pledged on June 22 not to abandon Gaza's Christian community as he visited the territory with his Greek Orthodox counterpart. Pizzaballa and Patriarch Theophilos III arrived for a pastoral visit aimed at supporting both Gaza's small Christian population and its wider community after years of war and hardship. (Photo by Omar AL-QATTAA / AFP)

Der lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa (2.v.r.) und der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilos III. (r.) bei einem gemeinsamen Besuch in Gaza-Stadt im Juni 2026

Die frühere deutsche Botschafterin in Jordanien, Birgitta Siefker, beschreibt Repressalien und Feindseligkeiten gegen die christliche Minderheit in Israel und den Palästinensergebieten.

Häufig haben Vertreter der Kirchen im Heiligen Land in den vergangenen Jahren von Repressionen gegen Christen und Auswanderung berichtet. Wohl deshalb griff Israels Außenminister Gideon Saar auf der Pressekonferenz mit seinem deutschen Kollegen Johann Wadephul (CDU) am 5. Mai das Thema von sich aus auf. Israel sei der einzige Ort im Nahen Osten, an dem Christen in Sicherheit leiben könnten, während sie in vielen Nachbarländern unterdrückt oder vertrieben würden, sagte er. Wer immer seine Hand gegen Israels christliche Mitbürger erhebe, werde hart bestraft. 1950 hätten in Israel 43.000 Christen gelebt, heute seien es mehr als 188.000.

Schwund der christlichen Minderheit

Nikodemus Schnabel, Abt der Benediktiner-Abtei „Dormitio“ auf dem Zionsberg in Jerusalem, kennt diese Zahlen. Oft zählten die israelischen Behörden die nichtjüdischen Familienangehörigen der Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa ab 1989 mit, obwohl diese sich der christlichen Gemeinschaft nicht zugehörig fühlten. Aber selbst wenn man die Zahl von 188.000 zugrundelegt, entspricht sie 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung Israels – ein deutlicher Schwund im Vergleich zu 1950, als sich 3,3 Prozent der Menschen in Israel zum Christentum bekannten.

29.08.2018, Berlin: Birgitta Siefker-Eberle, deutsche Botschafterin in Amman, Jordanien . Foto: Kay Nietfeld/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit

Birgitta Siefker

In Ostjerusalem ist der Anteil christlicher Araber von 15 bis 20 Prozent in den 1950er Jahren auf heute knapp zwei Prozent gesunken. War bislang hauptsächlich wirtschaftliche Perspektivlosigkeit dafür verantwortlich, sind es jetzt auch die Repressalien extremistischer orthodoxer Juden. Im Westjordanland leben noch etwa 45.000 Christen. Auch ihre Zahl nimmt aufgrund der Siedlergewalt stetig ab. Von 1200 Christen in Gaza vor dem Krieg sind nur 300 übrig.

Hassparole: „Falsche Götzen müssen zerschlagen werden“

Das alles deckt sich nicht mit der Darstellung Außenminister Saars. Yoav Shemer-Kunz von der israelischen NGO BTselem wird deutlich: Die Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Arabern sei unter der aktuellen Regierung nur noch Propaganda. In der israelischen Gesellschaft herrsche die Vorstellung einer „Jewish Supremacy“ vor, zu der die Trennung der jüdisch-israelischen von der arabisch-palästinensischen Bevölkerung, angefangen beim getrennten Schulsystem, beigetragen habe. Das „Nation State Law“ von 2018 mit Verfassungsrang, das kollektive jüdische Rechte über individuelle Freiheitsrechte stellt, spiegele dies wider. Die internationale Gemeinschaft sei mit schuld daran, dass es so weit gekommen ist, weil sie die Dinge in Israel habe laufen lassen.

Die Benediktinermönche kennen die Folgen. Im Juni 2015 richtete ein Brandanschlag auf ihr Kloster in Tabgha am See Genezareth Schäden in Höhe von 1,6 Millionen Euro an. Auf die Klosterwand hatten die Täter auf Hebräisch „Falsche Götzen müssen zerschlagen werden“ gesprüht. Die Mönche seien bis heute traumatisiert, sagt Abt Nikodemus. Auch auf den Mauern seines Klosters landen immer wieder solche Graffiti. Im April stieß ein jüdischer Extremist eine französische Nonne, die gerade aus der Dormitio-Abtei kam, brutal nieder, bespuckte sie und trat auf sie ein. Das Video einer Überwachungskamera ging viral und löste allgemeines Entsetzen aus. Die israelische Regierung verurteilte daraufhin den Überfall.

Heilige Stätte dreier Weltreligionen

Woher die Aggressivität, die besonders in Ostjerusalem spürbar ist? Dort befinden sich die meisten heiligen Stätten der drei abrahamitischen Religionen. Von der ältesten, der jüdischen, finden sich nach 2000 bis 3000 Jahren die wenigsten archäologischen Spuren. Die christlichen und islamischen Kulturen errichteten hier in den nachfolgenden Jahrhunderten zahllose Kultstätten. Gerade für nationalistische Israelis ist jedoch der Stein gewordene Nachweis einstigen jüdischen Lebens Beweis für ihren Anspruch auf die Altstadt. Folglich hat sich ein Kampf um historische oder angeblich historische Stätten entwickelt, der die gewachsene Struktur der Altstadt von Jerusalem bedroht.

Der armenisch-orthodoxe Patriarch Nourhan Manougian wirkt resigniert und moniert wie alle Betroffenen, dass der israelische Staat Übergriffe nicht ernsthaft verfolgt. Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir weigert sich, Spuckattacken auf Christen als „Hate Crimes“ zu qualifizieren. Hingegen gibt es Unterstützung für die christlichen Bürger aus der israelischen Zivilgesellschaft. Nach dem Brandanschlag in Tabgha bekundeten Nachbarn ihre Solidarität mit den Mönchen, beim Angriff auf die französische Nonne wurde der Täter von einem Israeli zur Seite gestoßen, berichtet Abt Nikodemus. Die israelische Zivilgesellschaft sei „wunderbar“, bestätigen auch andere Kirchenvertreter.

Vertreter des Vatikans beklagt ambivalente Gesetzeslage

Kardinal Pierbattista Pizzaballa, lateinischer Patriarch von Jerusalem, hat das Ausmaß der Zerstörung im Gazastreifen seit Beginn des israelischen Militäreinsatzes nach den Gräuelmorden der Hamas vom Oktober 2023 wiederholt angeprangert und Gaza auch während der Bombardements regelmäßig besucht. Der katholische Kirchenführer spricht Hebräisch und Arabisch und ist eine weithin geachtete Stimme. Anfang Juni zeichnete Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Kardinal für seinen Einsatz mit dem Orden der Ehrenlegion aus und bekräftigte Frankreichs Bekenntnis zum Status quo der heiligen Stätten.

Nach jüngsten Besuchen in Gaza sieht Pizzaballa dort bislang kaum positive Entwicklungen. Zum Schutz der Christen und christlichen Stätten im Heiligen Land arbeite er eng mit israelischen Organisationen zusammen, betont er, aber die Gesetzeslage sei leider sehr ambivalent.

Deutschland wiederum unterhält über den Deutschen Verein vom Heiligen Land hervorragende Institutionen in der Region. Sie zu unterstützen, ist heute besonders wichtig. Aber auch ein politisches Signal, wie Frankreich es gesetzt hat, wäre angebracht. Die Vision eines offenen Jerusalem und die Erhaltung seines historischen Charakters können auch uns nicht gleichgültig sein. Auch braucht die christliche Bevölkerung Sicherheit und Bleibeperspektiven. Der israelische Staat könnte entschiedener gegen Siedlergewalt und Übergriffe vorgehen. Die Frage ist nur: Wann wird er es tun?


Zur Person

Birgitta Siefker stand von 1982 an im diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amts. Nach Posten unter anderem bei der Nato und den Vereinten Nationen war sie zuletzt Botschafterin in Jordanien, in Mauretanien und in Jordanien.

Siefkers Gastbeitrag beruht auf einer Informationsreise vom 18. bis 25. Juni im Kontext einer von ihr mitgegründeten Initiative ehemaliger Botschafter, die inzwischen europaweit annähernd 500 ehemalige Botschafter und hochrangige EU-Beamte umfasst und für eine ausgewogenere Nahostpolitik eintritt. Die Gruppe kritisiert „eine bedingungslose Unterstützung“ der Regierung Netanjahu. Sie will demgegenüber die Interessen des palästinensischen Volkes besser berücksichtigt sehen und fordert ein stärkeres Gehör für die Stimme der israelischen Zivilgesellschaft. (jf)