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Katholische LaienHoffnung auf Rückhalt bei Papst Leo XIV. für Reformen

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Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, sieht die Zeit der Entscheidungen gekommen - mit Blick auf Kirchenreformen ebenso wie auf die Zukunft des Kölner Kardinals Rainer Woelki.

Frau Stetter-Karp, Papst Leo XIV. ist jetzt gut 100 Tage im Amt. Bei Politikern würde man fragen: Hat er geliefert?

Aufs Ganze gesehen, ist es dafür noch zu früh. Aber ich finde es sehr gut, wie eindeutig der Papst sich zur Synodalität der Kirche bekannt und damit auch für den Synodalen Weg der Kirche in Deutschland ein wichtiges Zeichen gesetzt hat.

Hat er? „Synodalität“ als Begriff war schon bei seinem „Erfinder“, Papst Franziskus, schillernd. Was Sie auf dem Synodalen Weg darunter verstehen, stieß bei Franziskus eher auf Skepsis. Wieso sollte das bei seinem Nachfolger anders sein?

Tatsächlich müssen wir wohl etwas Geduld haben, um das herauszufinden. Geduld ist aber etwas anderes als Nichtstun. Ich finde es sehr ernüchternd, wie manche deutschen Bischöfe sich zurzeit verhalten. Wir haben auf dem Synodalen Weg mit großer Mehrheit Beschlüsse gefasst, die längst umgesetzt sein könnten. Bislang hat das ZdK sich hier mit Kritik zurückgehalten – mit dem Gedanken: Wenn in Deutschland zwei sich streiten, freut sich der Dritte in Rom. Aber ich finde, jetzt müssen die Karten vor der sechsten und letzten Synodalversammlung Ende Januar auf den Tisch.

Es gibt Bischöfe, die drehen eine Beratungsschleife nach der anderen - immer mit Schielauge auf Rom.
ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp

Wen meinen Sie mit dem „Dritten in Rom“?

Diejenigen, die ständig versucht haben, Sand ins Getriebe des Synodalen Wegs zu streuen.

Welche Umsetzungen von Beschlüssen vermissen Sie konkret – und von wem?

Ich nehme als Beispiel mal die neue Handreichung zu den Segensfeiern für homosexuelle Paare. Trotz eines klaren Beschlusses der Bischöfe auf dem Synodalen Weg wird die Handreichung nur in etwa der Hälfte der 27 Bistümer angewandt. Die anderen Bischöfe lehnen sie ab oder drehen eine Beratungsschleife nach der anderen – immer mit Schielauge nach Rom.

Könnte es nicht sein, dass die Bischöfe ihre eigenen Gläubigen abspalten, weil sie partout nicht auf sie hören wollen?
ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp

Kann man es ihnen verdenken, dass sie erst mal wissen wollen, woher unter Papst Leo XIV. der Wind weht? So läuft das nun mal in der katholischen Kirche: Am Ende bestimmt Rom.

Wir haben ein absolutistisch-hierarchisches System, richtig. Und wir dürfen natürlich das Moment des klerikalen Gehorsams nicht übersehen. Aber hat die Weltsynode nicht auch ganz klar gesagt, dass der Klerikalismus überwunden werden muss? Und gehört zum Anforderungsprofil eines Bischofs nicht auch, auf das zu hören, was die Gläubigen bewegt? Es gibt unbestreitbar ein so einhelliges Dringen auf Reformen, dass die Bischöfe es eigentlich nicht überhören können. Für wen wollen die Bischöfe Hirten sein, wenn nicht für die Millionen Katholikinnen und Katholiken, die auf Veränderungen hoffen. Manchmal wird dem ZdK vorgehalten, wir gefährdeten die Einheit der Kirche und riskierten eine Spaltung. Aber wer spaltet hier eigentlich? Könnte es nicht sein, dass die Bischöfe ihre eigenen Gläubigen abspalten, weil sie partout nicht auf sie hören wollen?

An welche Bischöfe denken Sie denn konkret?

Dass der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und drei bayerische Bischöfe sich dem Synodalen Weg verweigern, ist ja bekannt. Aber es gibt daneben einige andere, die zuletzt bei Beratungen durch Abwesenheit geglänzt haben. Das ist ein Ärgernis, nicht nur für den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und mich als Co-Vorsitzende des Synodalen Wegs, sondern auch für alle engagierten Laien.

Noch mal: Wen meinen Sie?

Ich nenne keine Namen. Aber die Betreffenden sollen wissen: Wir haben das auf dem Schirm. Und die Laien-Vertretungen in den Bistümern werden sehr leicht herausfinden können, welche Bischöfe bei den – lange feststehenden – Terminen am Ende mehr als einmal etwas anderes, Wichtigeres zu tun haben. Diese wenigen Bischöfe, ich sage es ganz deutlich, schaden mit ihrem Verhalten dem Ruf der Bischofskonferenz insgesamt, an deren Fähigkeit und Bereitschaft zu gemeinsamem, solidarischem Handeln ohnehin Zweifel bestehen.

Leo XIV. ist jemand, der vor seiner Wahl zum Papst in allen Gesprächen deutlich offener, hörbereiter, interessierter war als diejenigen, die vor ihm das Sagen hatten.
ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp

Erkennen Sie eine Absetzbewegung vom Vorsitzenden Georg Bätzing, dessen Wiederwahl 2026 ansteht?

Darüber spekuliere ich nicht. Ich erlebe ihn als hoch engagierten, verlässlichen und zukunftsorientierten Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz auf dem Synodalen Weg. Er hat Solidarität verdient.

Zurück zu Papst Leo XIV. Glauben Sie, dass Sie von ihm Unterstützung für die Reformanliegen des Synodalen Wegs bekommen?

Er ist jemand, der vor seiner Wahl zum Papst in allen Gesprächen deutlich offener, hörbereiter, interessierter war als diejenigen, die vor ihm das Sagen hatten. Im Detail, würde ich sagen, wir müssen weiter schauen. Aber in der Grundlinie bin ich zuversichtlich, dass wir eine Unterstützung aus Rom für die Verstetigung synodaler Gremien bekommen – in Übereinstimmung mit den Beschlüssen der Weltsynode von 2024, zu denen Leo XIV. sich klar bekannt hat.

Wir können dem Papst nur wünschen, dass er es nicht zur allseitigen Besänftigung allen recht machen will.
ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp

Und was ist mit konkreten Schritten wie der Zulassung von Frauen zu den Ämtern oder der Lockerung des Zölibats für die Priester?

Beides halte ich für absolut dringend. Es ist augenfällig, dass Leo XIV. sich als Vermittler zwischen Bewahrern und Reformern versteht. Das ist sicher ein Stück weit notwendig und klug. Trotzdem wird es darum gehen, dass er auch einen Kurs festlegt. Und wir können ihm nur wünschen, dass er es nicht zur allseitigen Besänftigung allen recht machen will. Denn das wird nicht gelingen. Es kommt die Stunde für Richtungsentscheidungen.

Sie diskutieren nächste Woche bei „frank & frei“ mit dem Münsteraner Theologen Michael Seewald, der dem Synodalen Weg vor wenigen Tagen erst eine „geschichtsentwöhnte Theologie“ bescheinigt hat. Sind die Grundlagentexte des Reformprozesses womöglich zu wenig fundiert?

Ich bin gespannt darauf, wie Professor Seewald seine Kritik im Dialog ausführen wird. Mich hat sie überrascht. Vielleicht sind es seinerseits auch überzogene Erwartungen an die Reformer, die alles daran setzen, dass wir Bewegung in die Kirche bekommen.

Wie schon in der Amtszeit von Papst Franziskus, gibt es jetzt erneut Vorstöße, dass der Papst für Bewegung an der Spitze des Erzbistums Köln sorgt. Der Betroffenenbeirat bei der Bischofskonferenz und andere haben ihn aufgefordert, Kardinal Rainer Woelki abzuberufen. Es fehle am Vertrauen in die Arbeit des Erzbischofs. Umfragen bestätigen dieses Urteil. Wie nimmt sich das für die ZdK-Präsidentin im fernen Berlin aus?

Hier haben wir uns bislang mit Bedacht zurückgehalten. Eines kann ich heute sagen: Ich würde mich über eine aktive Entscheidung von Papst Leo XIV. freuen. Ich denke, es ist Zeit.


Diskussion bei „frank&frei“

100 Tage Leo XIV. In der Talkreihe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ diskutiert Irme Stetter-Karp mit der Pastoraltheologin Klara Cziszar (Universität Linz/Österreich) und dem Dogmatiker Michael Seewald (Universität Münster). Moderation: Joachim Frank.
Mittwoch, 3. September, um 19 Uhr in der Karl-Rahner-Akademie, Jabachstraße 4-8, 50676 Köln. Eintritt 14 Euro (ermäßigt 7, KStA-Abocard 9 Euro). Anmeldung: 0221/801078-0

www.karl-rahner-akademie.de

Transparenzhinweis: DuMont-Chefkorrespondent Joachim Frank ist als Vorsitzender des katholischen Journalistenverbands GKP Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.