Karl Lauterbach gerät mit einem Lobbyisten aneinander – die Worte des SPD-Politikers schlagen Wellen. Auch CDU und FDP mischen sich ein.
„Auf die Leute können wir verzichten“Lauterbach liefert sich Wortgefecht – Kölner Politiker erntet Kritik

Der Kölner SPD-Politiker Karl Lauterbach hat sich auf der Plattform X mit INSM-Chef Thorsten Alsleben gestritten. (Archivbild)
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Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat sich gereizt über Debatten zu angeblichen Auswanderungsplänen von Gutverdienern in Deutschland geäußert. Grund für seinen Unmut war ein Beitrag von Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der Lobbyorganisation „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, auf der Plattform X. Der Lobbyist hatte dort berichtet, dass mehrere wohlhabende Familien aus seinem Freundeskreis Deutschland verlassen wollten.
„Es ist dieses permanente Schlechtreden, was uns am stärksten schadet“, schrieb der Kölner Politiker daraufhin. „Diese ewigen Übertreibungen von jungen Talenten, die mit dem hohen Rentenbeitrag (‚schnief‘) nicht klarkommen und deshalb angeblich auswandern“, hieß es weiter. „Auf diese Leute können wir verzichten, falls es sie überhaupt gibt“, fügte Lauterbach in provokantem Tonfall hinzu.
Karl Lauterbach liefert sich Schlagabtausch mit INSM-Chef auf X
„Heute hat uns das fünfte Paar aus dem engeren Freundeskreis erzählt, dass sie auswandern wollen: Alle fünf Familien haben kleine Kinder, alle sind unternehmerisch tätig, alle verdienen sehr viel Geld“, hatte Alsleben zuvor anekdotisch berichtet und damit den Zorn Lauterbachs geweckt. „Drei nach Mallorca, zwei nach Portugal. Es ist Wahnsinn“, hieß es weiter vom INSM-Geschäftsführer. „Am Ende wird Deutschland zum Land der Beamten, Rentner und Grundsicherungsempfänger.“
Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist eine im Jahr 2000 gegründete, arbeitgeberfinanzierte Lobbyorganisation und Denkfabrik mit Sitz in Berlin, die mit Studien, Kampagnen und PR-Arbeit für wirtschaftsliberale Reformen wirbt.
Kölner Politiker bekommt Gegenwind
Für seine Wortmeldung erntete Lauterbach unterdessen schnell deutlichen Gegenwind – nicht nur von Alsleben. Die Menschen, über die Lauterbach gesprochen habe, seien es, die unter anderem Professoren und Politiker bezahlen und „zur Wertschöpfung in diesem Land beitragen“, konterte Alsleben und attackierte Lauterbach.
„Sie, Herr Lauterbach, sind dagegen ein reiner Kostgänger des Systems: Als Professor, als Abgeordneter und Minister aus den Steuern der hart arbeitenden Menschen und von Unternehmen finanziert, zerstören Sie mit Ihren Handlungen und Ihren Reden die wirtschaftlichen Grundlagen unseres Landes und treiben Leistungsträger aus dem Land“, schrieb Alsleben.
Karl Lauterbach: „Zählen für Sie nur Unternehmer?“
Der Konter aus Köln folgte prompt: „Wie kommen Sie dazu, Professoren oder Berufspolitiker als ‚Kostgänger‘ des Systems zu bezeichnen?“, schrieb Lauterbach an Alsleben gerichtet. „Ihnen mag meine Arbeit nicht passen. Aber die meisten meiner Kollegen arbeiten hart und versuchen, das Land nach vorne zu bringen. Zählen für Sie nur Unternehmer?“

Thorsten Alsleben bei einer Pressekonferenz zum Bildungsmonitor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). (Archivbild)
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Der Schlagabtausch zwischen dem Kölner SPD-Politiker und dem Lobbyisten sorgte unterdessen für viel Aufsehen in dem sozialen Netzwerk – und für weitere Wortmeldungen in der Debatte. „Den Menschen, die etwas anpacken wollen und ihre Heimat aus Verzweiflung verlassen, von oben herab einzureden, man könne auf sie verzichten, ist an Arroganz kaum zu übertreffen“, schrieb etwa der Unternehmer Christian Miele.
Kubicki attackiert Lauterbach: „Eignung für politisches Amt fehlt“
Der CDU-Abgeordnete Sepp Müller legte Lauterbach derweil nahe, seine Aktivität in dem sozialen Netzwerk, das früher als Twitter bekannt war, zu überdenken. „Mit Verlaub, Herr Kollege, lassen Sie zukünftig das Twittern. Es schadet“, schrieb Müller mit Blick auf Lauterbachs Wortmeldung.
Mit deutlichen Worten meldete sich unterdessen auch FDP-Chef Wolfgang Kubicki zu Wort. „Karl Lauterbach hat als Gesundheitsminister oft genug bewiesen, dass ihm jedwede Eignung für ein politisches Amt fehlt“, schrieb der Liberale bei X. „Bemerkenswert ist jedoch, dass man in der SPD inzwischen offenbar ohne Konsequenzen die Bevölkerung beschimpfen kann“, fügte Kubicki hinzu.
Lauterbach sei „immerhin Vorsitzender eines Ausschusses des Deutschen Bundestages“, hieß es weiter vom FDP-Chef, der Lauterbach schließlich als „untragbar“ bezeichnete. „Es sei denn, man ist in der SPD“, fügte Kubicki hinzu.
Karl Lauterbach: „Niemand bestreitet, dass wir Reformen brauchen“
Auch Alsleben und Lauterbach brachten sich schließlich erneut in den Streit ein. Der Lobbyist teilte in einem weiteren Beitrag gegen den Kölner Politiker aus. Wer wissen wolle, „woran diese Gesellschaft irgendwann zerbrochen sein wird“ und warum „Leistungsträger, Innovatoren und Investoren“ das Land verlassen, brauche sich nur die Beiträge Lauterbachs anzusehen, befand Alsleben und bezeichnete Lauterbach als „überheblichen“ und „staatlich alimentierten Politiker“.
Der frühere Bundesgesundheitsminister konterte auch diese Worte des INSM-Chefs. Die Debatte sei wichtig, erklärte Lauterbach und erinnerte daran, dass er selbst im Ausland studiert habe. „Niemand bestreitet, dass wir Reformen für junge Menschen brauchen. Insbesondere in unserem Bildungssystem“, hieß es weiter von Lauterbach. Auswanderung sei jedoch „nicht das Problem“, so der SPD-Politiker. „Weniger als ein Promille der Deutschen verlassen jährlich netto das Land.“
Das Statistische Bundesamt beziffert die Nettoauswanderung deutscher Staatsbürger, also die Differenz zwischen Einwanderung und Fortzügen in Deutschland, im Bereich von etwa 80.000 bis 100.000 Staatsbürgern pro Jahr. Laut einem Bericht des „Handelsblatt“ und Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sind in der Gruppe der Auswanderer derweil tatsächlich Menschen im Alter von 20 bis 40 Jahren stark überrepräsentiert. Rund zwei Drittel der Auswanderer sind demnach unter 40 Jahre alt, drei Viertel haben zudem einen Hochschulabschluss; gelten also als hoch qualifiziert.
