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Kommentar

Eskalation in Gießen
Die AfD lebt vom Hass, füttern wir sie nicht damit

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3 min
Parteichefin Alice Weidel bei der Gründung der AfD-Jugendorganisation in den Hessenhallen in Gießen. /

Parteichefin Alice Weidel bei der Gründung der AfD-Jugendorganisation in den Hessenhallen in Gießen. /

Gewalt, Wasserwerfer und Jagdszenen: In Gießen eskalierten die Blockaden der AfD-Jugendversammlung. Doch vom Hass profitiert nur die AfD.

In Gießen wurde an diesem Wochenende ein gut abgehangenes Theaterstück aufgeführt, das bei jeder Neuinszenierung fader und zugleich erschreckender wirkt. Egal, ob in Essen, in Riesa oder jetzt in Mittelhessen: Immer, wenn die AfD zusammenkommt, bricht in der gastgebenden Stadt der Ausnahmezustand aus. Und jedes Mal nutzt die Rechtspartei diesen Ausnahmezustand, um sich als bürgerlich zurückhaltend, eben als „Rechtsstaatspartei“ darzustellen.

So massiv wie an diesem ersten Adventswochenende in Gießen aber war es noch nie. Das öffentliche Leben in der 90.000-Einwohner-Stadt lag seit Freitag weitgehend brach, die Stadt war faktisch geteilt.

Das erwartete Chaos brach aus

Am Samstag brach dann das erwartete Chaos aus: Seit den frühen Morgenstunden blockierten Protestierende die Zufahrten zur Hessenhalle. Die Polizei setzte bei Temperaturen um sechs Grad Wasserwerfer ein, es gab zum Glück nur Leichtverletzte auf beiden Seiten.

Das Aktionsbündnis „Widersetzen“ wollte die Versammlung verhindern. Erst dann sei der Protest erfolgreich, sagte sie vorab. Damit sind sie gescheitert. Zweieinhalb Stunden Verzögerung haben sie geschafft. Es gab einzelne Jagdszenen: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Julian Schmidt wurde von Protestlern verfolgt und körperlich attackiert, er schlug zurück. Andere versuchten hinter einem Rettungswagen rücksichtslos durch eine Blockade zu fahren, ihnen wurden die Fenster eingeschlagen.

AfD-Chefin Alice Weidel nutzte den Angriff auf Schmidt in ihrer Rede, um den Gegnern der AfD - auch den friedlich demonstrierenden Gewerkschaftern und den „Omas gegen rechts“ zuzurufen: „Rüsten Sie ab!“ Ausgerechnet Weidel.

Das Problem dabei: Das Blockadetheater hilft immer stärker der AfD. Die Frage, ob Demonstrations- oder Versammlungsfreiheit gilt, kann nur eine Antwort haben: sowohl als auch.

Hass nährt Hass, das schmeckt nur der AfD

Die AfD verbreitet Hass. Ihre neue Jugendorganisation verbreitet Hass. Der Tag in den Hessenhallen bot dafür Dutzende Beispiele. Wenn die Redner „das Eigene“ betonen, sich auf „das Land unserer Vorfahren“ beziehen, wenn sie „Remigration bis die Startbahnen glühen“ fordern, wenn sie die „Speerspitze der jungen Rechten in Deutschland sein“ wollen, wenn sie sagen: „Ein Angriff auf einen von uns ist ein Angriff auf uns alle“ und dazu aufrufen, sich „zu stärken“ – dann ist das eindeutig: Hier entsteht eine aggressive, eine ausgrenzende, eine gefährliche Jugend in Zeiten der politischen Polarisierung.

Gefährlich vor allem deshalb, weil diese jungen Männer (es waren fast nur Männer) von den Parteichefs als Kadernachwuchs dringend gebraucht werden. „Wir brauchen eine starke zweite und dritte Reihe“, forderte Weidel. Künftig sind nicht nur Mandate und Mitarbeiterposten zu besetzen, hofft die AfD, sondern auch Ministerbüros und Staatssekretärsämter in den Ländern. Die junge Generation AfD arbeitet sich nicht mehr an den „Altparteien“ ab, sie bildet ihre eigene Parallelgesellschaft.

Dagegen muss sich die Mehrheit der Bevölkerung wehren. Sie muss aufklären, Flagge zeigen, sich ihrer Werte vergewissern. So wie es Zehntausende in Gießen getan haben. Ebenso legitim ist es, den Protest direkt vor die Halle zu tragen. Und der AfD zu zeigen, dass sie in der Stadt nicht willkommen ist.

Doch wer Hass mit Hass begegnet, wer das Grundgesetz verteidigen will, indem er es bricht, bietet nur Material für Weidels nächste Selbstverharmlosung. Die AfD lebt vom Hass. Füttern wir sie nicht damit.