- Warum ein Baumarkt das Lebensgefühl der jungen Generation gerade besser trifft als die Corona-Videos der Bundesregierung, erklärt Geschäftsführer Stephan Grünewald des Kölner Rheingold-Instituts in einem Interview.
Herr Grünewald, die Bundesregierung animiert junge Leute in Video-Spots, sie sollten in der Corona-Krise „zu Helden werden“: durch Nichtstun, durch zu Hause bleiben. Viele finden die kleinen Filme gut. Sie auch?Grünewald: Zunächst einmal hat die Botschaft etwas Entlastendes. Jugendliche heute haben sehr hohe Ansprüche an sich. In einer Welt, die schon so vieles bereitstellt, wachsen ihre Wunschträume ins Unermessliche: einen Haufen Geld verdienen wie die Geissens, erfolgreiche Start-ups gründen, zu Youtube-Stars werden. Das führt zu einem ungeheuren Leistungs- und Performance-Druck. Dem steht eine geheime Sehnsucht nach zweckfreiem Chillen gegenüber.Dafür liefern die Corona-Videos ja die perfekte Begründung: „Plötzlich war ich ein Held, ein Idol, ein Musterbürger“, erzählt zum Beispiel der „faule Tobi“ als Rentner im Rückblick auf den Corona-Winter 2020. „Wir waren faul wie die Waschbären“, rühmt sich ein anderer.
Das ist eine durchaus geistreiche, augenzwinkernde Umkehr des Helden-Gedankens. Vor Corona waren die jungen Leute Getriebene. Jetzt heißt es: „Macht mal halblang! Das ist jetzt genau das Richtige.“ Allerdings missachten die Spots völlig die seelische Leistung, die zur Bewältigung des Lockdowns notwendig ist.
Welche Leistung?
Den ersten Lockdown haben die Menschen überstanden, indem sie eher dem Slogan eines Baumarktes gefolgt sind: „Es gibt immer was zu tun.“ Du wirst zum Helden, wenn du Alltagsprojekte meisterst: mit Aufräumen, putzen oder puzzeln, Akten ordnen, wandern. Das ist viel näher dran an der Wirklichkeit als die Botschaft: Heldentum heißt Nichtstun.
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Warum lebensnäher?
Weil die elementarste Erfahrung mit Corona eine Ohnmachtserfahrung ist. Wer unversehens einer unsichtbaren viralen Bedrohung ausgesetzt ist, gegen die es keine rechte Handhabe gibt, will Handlungsfähigkeit demonstrieren.
Aber es gibt ja eine Handhabe: Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln – alles, worauf die Videos anspielen. Und das heißt doch gerade auch und gerade für Jugendliche: Auf euch kommt es jetzt an!
Das stimmt. Aber es ist eine andere Tonalität im Umgang mit der jungen Generation. Vor Corona wurden Idole wie Greta Thunberg oder der Youtuber Rezo allerorten hofiert. Jetzt richten sich die Blicke hoffnungsvoll auf die Söders und Drostens. Jugendliche dagegen gelten unterschwellig allesamt als potenzielle Regelverletzer, Partygänger, Superspreader.
Sie stehen also gerade nicht auf dem Heldenpodest, sondern unter Generalverdacht?
Was junge Leute unter Corona-Bedingungen erleben, ist eine komplette Umwertung ihres bisherigen Lebens. Jung sein bedeutet, reisen, sich sexuell erproben, neue Leute kennenlernen, das Bad in der Menge suchen, in der Disco oder im Stadion steil gehen. Jetzt werden sie weitgehend stillgelegt und in eine Art Winterschlaf versetzt. Am Beginn der ersten Corona-Welle habe ich den Lockdown einmal mit einem kollektiven Vorruhestand verglichen.
Sie wollen sagen: Ältere Semester halten das dementsprechend leichter aus?
Bei den Jüngeren erzeugt das Stillgelegtsein, das die Spots idealisieren, in der Realität eine immense Unruhe bis hin zur Wut, dass man nichts auf die Kette bringt. Nichtstun ist deshalb, psychologisch gesehen, in einer Krisensituation genau die falsche Empfehlung. Nicht von ungefähr haben die Spots zu immensen Aktivitäten geführt – mit einer Reihe sehr lustiger Verballhornungen.
Eine paradoxe Reaktion.
Und dabei infektionssicher.
Das Gespräch führte Joachim Frank



