Antisemitische Einstellungen sind auf dem Vormarsch – auch an den NRW-Schulen. Tragen dazu – indirekt – auch die Lehrer bei?
Antisemitismus auf HöchststandHaben die Lehrer in NRW zu wenig Ahnung vom Nahost-Konflikt?

Dutzende nationalsozialistische Symbole, darunter Hakenkreuze und SS-Siegrunen, waren 2025 rund um den Wetterpilz, einem Beton-Unterstand in Pilzform, auf dem sogenannten Pilzberg im Kölner Beethovenpark zu sehen.
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Wer Kippa, Davidstern oder hebräische Schriftzeichen in NRW offen trägt, wird im öffentlichen Raum immer häufiger zum Ziel von Pöbeleien, Spuckattacken oder Bedrohungen. Das geht aus dem Bericht der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS NRW) für das Jahr 2025 hervor. Danach gab es im vergangenen Jahr 1102 antisemitische Vorfälle – das ist ein Anstieg um 17 Prozent im Vergleich zu 2024 und ein neuer Höchststand. Durchschnittlich kam es 21 Mal pro Woche in NRW zu einem antisemitischen Vorfall.
„Jüdinnen und Juden erleben in unserem Land immer häufiger Hass, Bedrohungen und Ausgrenzung“, sagte NRW-Familienministerin Verena Schäffer bei der Vorstellung der Ergebnisse. Antisemitismus beginne nicht erst bei Straftaten, sondern bei diskriminierendem und verletzendem Verhalten, sagte die Politikerin der Grünen. In der Polizeilichen Kriminalstatistik waren 768 antisemitische Straftaten registriert worden. Angezeigt wurden Fälle von Volksverhetzung, Sachbeschädigung, Bedrohung oder von physischer Gewalt. Laut RIAS gab es 2025 rund 78 Prozent mehr versuchte und tatsächliche Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens.
Schmierereien und zerstörte Stolpersteine
Laut RIAS-Bericht zeigten sich 465 antisemitische Vorfälle auf der Straße. Häufig würden Schmierereien an Häuserwänden, zerstörte Stolpersteine oder beschädigte israelische Flaggen an öffentlichen Gebäuden gemeldet. 132 Vorfälle ereigneten sich im Internet, 140 an Schulen. Das Wort „Jude“ wird auf Schulhöfen oft als Schimpfwort benutzt – unabhängig davon, ob jüdische Kinder anwesend sind oder nicht. Oft werden jüdische Schülerinnen und Schüler pauschal für das Handeln des Staates Israel verantwortlich gemacht.

Verena Schäffer (Grüne), Integrationsministerin in Nordrhein-Westfalen, stellt im Landtag den Bericht der Landesregierung zu antisemitischen Vorfällen im Jahr 2025 der Presse vor.
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Jörg Rensmann, der Leiter der Meldestelle RIAS NRW, warnte davor, dass antisemitische Einstellungen längst nicht nur auf einzelne politische Milieus begrenzt seien. Bei Diskussionen über den Nahost-Konflikt an den Schulen vermisse er bei den Lehrern zum Teil die nötige Sensibilität. „Grundkenntnisse über das Konfliktgeschehen fehlen“, kritisierte Rensmann. Er verlangte eine Reform der Lehrerausbildung in NRW, um die Defizite zu beheben.
Auch der Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde, Oren Osterer, kam bei der Vorstellung zu Wort: „Die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in Köln ist für unsere Gemeinde deutlich spürbar, etwa die zahlreichen im Jahresbericht dokumentierten antisemitischen Schmierereien im Rathenauviertel in unmittelbarer Umgebung unserer Synagoge“, sagte Osterer. Besonders besorge ihn die Entwicklung an Schulen. Auch aus Köln würden vermehrt antisemitische Übergriffe und verbale Attacken berichtet.
RIAS NRW wird seit mehr als vier Jahren durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration mit rund 220.000 Euro jährlich gefördert. Kritiker bemängeln, RIAS trage dazu bei, pro-palästinensischen Protest pauschal als antisemitisch zu brandmarken.
Ministerium weist Vorwürfe zurück
Ein Sprecher von NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) wies den Vorwurf, Lehrern in NRW würden geschichtliche Kenntnisse fehlen, zurück: „Die Vermittlung von Demokratiekompetenz, historisch-politischer Bildung und die Bekämpfung von Antisemitismus sind bereits heute feste Bestandteile der Lehrkräfteausbildung in Nordrhein-Westfalen und werden kontinuierlich weiter gestärkt“, hieß es.
Der Schulausschuss des Landtags habe zudem ganz aktuell einer Änderung der Lehramtszugangsverordnung zugestimmt. Danach seien Hochschulen künftig noch stärker dazu verpflichtet, allen Lehramtsstudierenden „grundlegende Kompetenzen“ im Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen „wie Antisemitismus, Extremismus und Diskriminierung“ zu vermitteln.
