Abo

Friedenspreisträgerin und Autorin Anna Woltz im Interview„Hoffnung und Toleranz. Das brauchen wir im Moment ganz dringend“

Lesezeit 5 Minuten
Eine Mutter tröstet ihr Kind während Menschen an Silvester Schutz in einer U-Bahn-Station suchen. Kurz vor und auch nach dem Jahreswechsel haben russische Drohnen erneut das Land angegriffen. Im Süden und Osten der Ukraine, sowie in Kiew wurde Luftalarm ausgelöst. +++ dpa-Bildfunk +++

Eine Mutter tröstet ihr Kind. Sie haben in einer U-Bahn-Station in der ukrainischen Hauptstadt Schutz vor russischen Drohnen gesucht.

Anna Woltz erhält für „Nächte im Tunnel“ den Gustav-Heinemann-Friedenspreis des Landes NRW. Sie spricht über Krieg und die Aktualität ihres Romans.

Frau Woltz, in Ihrem Buch „Nächte im Tunnel“ geht es um Kinder, die im Zweiten Weltkrieg monatelang in U-Bahn-Tunneln Schutz vor den Bomben Nazideutschlands suchen. Das Thema wurde Anfang 2022 furchtbar aktuell. Was hat das für das Buch bedeutet?

Anna Woltz: Es war herzzerreißende Ähnlichkeit. Während des zweijährigen Schreibprozesses habe ich mir intensiv vorgestellt, wie es sein muss, mit einer Decke auf einer kalten Bahnsteigplatte zu liegen, während über deinem Kopf eine Stadt zerbombt wird. Es war sehr seltsam, wirklich erschreckend, die Bilder aus Kiew zu sehen, wo Menschen wieder in den Tunneln Schutz gesucht haben. Und natürlich erinnerte es mich sehr an „Nächte im Tunnel“, wo die Protagonisten genau das machen. Was es noch heftiger machte, war, dass es auch mein erstes Buch war, das ins Ukrainische übersetzt wurde, und das während der Kriegszeit.


Anna Woltz wurde 1981 in London geboren und wuchs in Den Haag auf. Sie studierte Geschichte und arbeitet als Autorin. Sie hat 28 Bücher veröffentlicht, die in 28 Sprachen übersetzt wurden. In den Niederlanden wurde sie schon häufig mit Preisen für ihr Werk ausgezeichnet. In Deutschland gewann sie unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis.

Der Gustav-Heinemann-Friedenspreis wurde in Erinnerung an den früheren Bundespräsidenten Gustav W. Heinemann gestiftet. Mit ihm werden Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet, die zur Verbreitung des Friedensgedankens beitragen. Er wird von der Landesregierung Nordrhein-Westfalens verliehen und ist mit 10.000 Euro dotiert. Autorin Anna Woltz teilt sich den Preis mit ihrer Übersetzerin Andrea Kluitmann.


Hat das auch die Art und Weise verändert, wie das Buch aufgenommen wurde?

In den Niederlanden wurde es als eine Art Abenteuerroman angesehen. Wir haben eine ganze Tradition von Büchern über den Zweiten Weltkrieg, auch für Kinder. Sie lesen gerne diese Kriegsbücher, und viele Autoren machen sich das zunutze. Weil es mittlerweile so lange her ist, fällt es leichter, die abenteuerliche Seite zu sehen. „Nächte im Tunnel“ wurde in dieser Tradition geschrieben. Aber in den Ländern, in denen das Buch später veröffentlicht wurde, wurde es plötzlich als äußerst aktuell empfunden. Anfangs war ich besorgt, dass es seinen Wert verlieren könnte, weil ich etwas Merkwürdiges geschrieben haben könnte, wenn man es mit einer aktuellen Perspektive liest. Zum Beispiel, dass es nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Aber das ist nicht der Fall, es hat sogar mehr mit der Realität zu tun. Das hat den Wert dieses Buches verstärkt.

In dem Buch gibt es eine Menge großer Themen. Es ist ein Coming-of-Age-Buch, in dem es um Krieg, Krankheit, Zweifel, Vorurteile, Klassen und Sexualität geht. Welche Botschaft wollten Sie vermitteln?

Ich weiß, dass junge Leute den Protagonisten Jay am Anfang wirklich schrecklich finden, und das habe ich natürlich mit Absicht gemacht. Und ich war mir auch nicht sicher, ob die Leser ihm verzeihen würden. Ich würde es großartig finden, wenn junge Leute ihre Wahrnehmung anpassen könnten. Dass sie merken, dass jemand, der wirklich furchtbar erscheint, sich auch als anders erweisen kann. Dass ein Urteil nicht feststeht und dass es sich lohnt, jemanden besser kennenzulernen. Was macht jemanden so böse, kann es mildernde Umstände geben? Und für mich ging es auch sehr stark um die Frage: Wie kann man in Zeiten des Krieges herausfinden, wer man ist, wenn man nur noch am Überleben ist? Damit ist auch das Thema der Machtlosigkeit angesprochen. Die Hauptfiguren wollen alle etwas tun: Krankenschwester werden oder zur Armee gehen. Aber das dürfen sie noch nicht, denn vor allem zu Beginn des Krieges waren die Regeln sehr streng. Dadurch fühlen sie sich sehr machtlos, und ich denke, das ist etwas, was junge Menschen heute erkennen, wenn es zum Beispiel um das Klima geht. Was haben wir unseren Kindern aufgebürdet?

Ein durchschnittlicher Jugendlicher liest ein Buch wie dieses mit dem Handy in der Hand – und es piept und vibriert ununterbrochen.
Anna Woltz

Sie haben so viele große Aspekte kombiniert. Viele hätten auch Stoff für ein eigenes Buch geboten.

Ich denke, das sind alles Themen, die sehr gut zu einer solchen Coming-of-Age-Geschichte passen. Jugendliche versuchen zu entdecken, wer sie sind, und dabei spielen solche Themen eine große Rolle. Ellas Unsicherheit wegen ihres Hinkebeins, die Art und Weise, wie sie annimmt, dass Jay sie deshalb nicht will. Das alles greift ineinander. Und das tue ich auch ganz bewusst. Heutzutage ist das Lesen eines Buches das Langweiligste, was man tun kann, ein durchschnittlicher Jugendlicher liest ein Buch wie dieses mit dem Handy in der Hand – und es piept und vibriert ununterbrochen. Ich finde also, dass ich mir als Autorin wirklich etwas Gutes ausdenken muss, viele Spannungen, Probleme und Themen, und deshalb packe ich meine Bücher auch ziemlich voll.

Es geht nicht nur um ein Buch, das jungen Menschen bewusst macht, wie schrecklich Krieg ist, sondern auch um Hoffnung und Toleranz.
Anna Woltz.

Das Buch ist in viele Sprachen übersetzt worden, vergangenes Jahr ist es auch auf Deutsch erschienen. Berücksichtigen Sie bei den Übersetzungen kulturelle Unterschiede, wird das Buch dadurch anders?

Nein, in Deutschland muss ich nicht wirklich etwas anpassen. Aber ich habe eine sehr bewusste Entscheidung getroffen, auch in der niederländischen Ausgabe des Buches. In „Nächte im Tunnel“ handelt es sich um den Zweiten Weltkrieg. In den Niederlanden sprechen wir dann sehr schnell von „den Deutschen“, wenn wir die Nazis und Hitler meinen. Ich finde es sehr bewundernswert, wie die Deutschen mit ihrer Vergangenheit umgehen, und deshalb habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, das zu trennen. Für ein deutsches Kind muss es doch sehr befremdlich sein, jedes Mal „die Deutschen“ in diesem Zusammenhang zu lesen. Aus diesem Grund kommt es in meinem Buch nicht vor.

Was bedeutet es für Sie, den Gustav-Heinemann-Friedenspreis zu gewinnen?

Ich freue mich riesig darüber. Oft wird mit Buchpreisen anerkannt, dass es ein gutes Buch ist, mit einer tollen Geschichte und dass es schön geschrieben ist. Aber dieser Preis hat wirklich etwas Besonderes. Die Jury prüft, ob das Buch jungen Menschen auch etwas über Toleranz, einen netten Umgang miteinander und das friedliche Lösen von Konflikten beibringen kann. Ich glaube, es ist ein sehr hoffnungsvoller Preis. Es geht nicht nur um ein Buch, das jungen Menschen bewusst macht, wie schrecklich Krieg ist, sondern auch um Hoffnung und Toleranz. Das brauchen wir im Moment dringend.

KStA abonnieren