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Prozess in AachenHat der Ex-Pfleger Ulrich S. mehr als 100 Patienten ermordet?

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Der ehemalige Krankenpfleger, der wegen zehnfachen Mordes und 27-fachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktenordner, als er in den Verhandlungssaal am Landgericht Aachen geführt wird.

Der ehemalige Krankenpfleger, der wegen zehnfachen Mordes und 27-fachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, verbirgt sein Gesicht hinter einem Aktenordner, als er in den Verhandlungssaal am Landgericht Aachen geführt wird.

Die Staatsanwaltschaft Aachen hat bisher schon 60 Exhumierungen angeordnet. Auch in Köln wird ermittelt. 

Der Fall wird immer monströser: Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei in Aachen gehen mittlerweile davon aus, dass der Ex-Pfleger Ulrich S. deutlich mehr als 100 Menschen im Rhein-Maas-Klinikum in Würselen ermordet haben könnte. Und zwar zusätzlich zu den zehn Morden, für die er bereits Ende vergangenen Jahres vom Landgericht Aachen zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Etwa 60 „neue“ Exhumierungen sind bisher angeordnet worden, berichtet die „Aachener Zeitung“. 30 davon hätten bereits stattgefunden, rund 30 stünden aktuell noch aus. Die Zahlen könnten in den kommenden Monaten nochmals deutlich steigen, denn die Ermittlungen gehen derzeit erst bis ins Jahr 2022 zurück, sagte die Aachener Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts auf Anfrage. Ulrich S. arbeitete jedoch bereits seit Herbst 2020 in Würselen. Und spätestens ab 2021 sind die Bestellmengen für das Narkosemittel Midazolam auf der Neun-Betten-Station enorm gestiegen, ergab das Gerichtsverfahren.

Ermittlungen in Köln und Aachen laufen weiter

Das in der Palliativversorgung überwiegend in absoluten Notfällen eingesetzte Medikament soll der Pfleger ebenso für seine Machenschaften eingesetzt haben wie das Schmerzmittel Morphin. Die Mordkommission jedenfalls arbeite „intensiv weiter an der Aufklärung“, betonte Schlenkermann-Pitts: „Die Ermittlungen dauern an und der Zeitpunkt für den Abschluss der Ermittlungen ist derzeit ungewiss.“

Anfang November vergangenen Jahres ist der beschuldigte Pfleger vom Landgericht Aachen wegen zehnfachen Mordes und 27-fachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Begangen wurden die in Rede stehenden Taten zwischen Dezember 2023 und Mai 2024 auf der Palliativstation des Rhein-Maas-Klinikums Würselen. Im Nachtdienst des Krankenhauses hat der heute 44-Jährige nach Überzeugung des Gerichts eigenmächtig überhöhte Mengen an Beruhigungsmitteln verabreicht, weil er seine Ruhe haben wollte.

Staatsanwalt: „Das Lebensrecht der Patienten war ihm gleichgültig“

„Schlafen ist die beste Medizin“, hatte Ulrich S. zu seiner Verteidigung gesagt, als er wie jeder Angeklagte das letzte Wort im über sieben Monate laufenden Gerichtsverfahren hatte.  Er hätte seinen Patienten doch „etwas Gutes“ tun wollen, als er ihnen das Narkosemittel Midazolam verabreicht habe. Das Gericht aber glaubte ihm nicht. Es stellte sogar eine besondere Schwere der Schuld fest.

Dies bedeutet, dass auch nach 15 Jahren eine Freilassung in der Regel ausgeschlossen ist. „Er wollte Ruhe vor dem Zustand der Patienten, den er nicht ertragen konnte. Ihr Lebensrecht war ihm gleichgültig“, hatte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer gesagt. Das Aachener Urteil jedoch ist noch nicht rechtskräftig, da die Verteidigung des Beschuldigten Revision beantragt hat. Im Fokus der Strafverfolger sind auch mehrere Beschäftigte des Rhein-Maas-Klinikums. Es wird geprüft, warum der abstrus hohe Narkosemittel-Verbrauch nicht bemerkt wurde. Und warum niemand früher eingeschritten ist, als sich die Todesfälle auf der Station häuften. Konkret geht es dabei um die Straftatbestände der fahrlässigen Tötung,  der fahrlässigen oder aktiven Körperverletzung sowie um Verstöße gegen die Betäubungsmittelvergabeverordnung. Das Klinikum hatte nach internen Untersuchungen Abmahnungen ausgesprochen.

Beschuldigter hat sieben Jahre im städtischen Krankenhaus Köln-Merheim gearbeitet

Ermittlungen gegen den Ex-Pfleger laufen auch in Köln. Vor seiner Beschäftigung in Würselen hat er im städtischen Krankenhaus im Stadtteil Merheim gearbeitet. Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ war er dort etwa sieben Jahre tätig. Dem Vernehmen nach wurde er zunächst auf der Inneren und in der Neurologie eingesetzt, wechselte dann in die Neurochirurgie, arbeitete anschließend in der Neuro-/ Viszeral- und Gefäßchirurgie, um ab November 2019 wieder in der Neurochirurgie zu landen.

In Krankenhaus Merheim sowie in der städtischen Zentralverwaltung der Kölner Kliniken und den Geschäftsräumen eines IT-Dienstleisters in Münster sind bei Durchsuchungen zahlreiche Datenträger und Dokumente sichergestellt worden. Zudem hat die Kölner Staatsanwaltschaft zwei Leichen exhumieren lassen. Eine weitere Exhumierung einer verstorbenen Kölner Patientin ist geplant. Dies bestätigte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer vor einigen Wochen auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“.  Er gehe davon aus, dass es „auch künftig noch weitere Exhumierungen in diesem Verfahrenskomplex geben wird“.

Neuer Mammutprozess gegen den mutmaßlichen Mordpfleger

Wenn sich der Verdacht in Aachen und Köln bestätigen sollte, wird es zumindest einen neuen Mammutprozess geben. Und Ulrich S., sollte er verurteilt werden, könnte dann für eine der größten, wenn nicht für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein. Der Krankenpfleger Niels Högel wurde in einem ähnlich gelagerten Fall im Februar 2015 vom Landgericht Oldenburg wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt.