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Kölner LesebühneDer mürrische Herr Bullrich, das Rucksack-Mädchen und Esoterik am Bahndamm

8 min
Alizah Anders hat aufgeschrieben, wie sie als kleines Mädchen mit einem Seil die Menschheit retten wollte.

Alizah Anders hat aufgeschrieben, wie sie als kleines Mädchen mit einem Seil die Menschheit retten wollte.

Gedichte, Kurzgeschichten oder Romane: Immer mehr Deutsche schreiben. Oft nur für sich selbst: Aus Spaß an der Freude.

Bullrich war ein schlechtgelaunter Kerl. Zwar war ihm bewusst, in der besten aller Welten zu leben - er war trotzdem grundunzufrieden mit seiner Existenz. Jaja, dachte er gerne kurz nach dem Aufstehen. Unser kleiner blauer Ball hat es sich in einer ruhigen Ecke der Milchstraße gemütlich gemacht. Einem lauschigen Nebenarm der Spiralgalaxie. Weit weg vom gruseligen schwarzen Loch, das alles zerreißt. Und schön nah an einer gelben, mittelgroßen Sonne.

Nicht zu nah, damit es ihm nicht unerträglich heiß wurde. Und nah genug, damit er nicht als Eisklotz konserviert würde. Mit einer nach feinstem Sauerstoff duftenden Atmosphäre. Menschen konnte Bullrich nur im Ausnahmefall etwas Positives abgewinnen. Er störte sich an Leuten, die ihm zu nah auf die Pelle rückten, vermisste gleichzeitig aber Berührungen. Sein Verständnis von Pünktlichkeit war manisch. Fünf-Minuten-Eier waren ihm zu flüssig, Sechs-Minuten-Eier zu fest.

Bullrich, der offenbar keinen Vornamen hat, ist eine Erfindung. Und der Mann, der ihn erschaffen hat, liest seine Geschichte. Die etwa 40 Zuhörer, die vor ihm sitzen, lachen laut, wenn Volker Schmitz seinen Bullrich beschreibt. Mit Pausen, an den richtigen Stellen, einer hörbaren Albern- und Ernsthaftigkeit in der Stimme, die das Zuhören spannend macht.

Schmitz, der ein Buch schreibt, in dem er sich der unlösbar scheinenden Aufgabe stellt, zu ergründen, wie jemand wie Bullrich mit der Liebe umgeht, hat eine Medienkarriere hinter sich. Als TV-Moderator, als Kabarettist, am Theater, als Sprecher von TV-Dokumentationen oder Werbefilmen, als Comedian etwa bei den RTL „Freitagnacht-News“ und als Producer der Vox-Show „Kochduell“.

Der 64-jährige Kölner hat erst drei Kapitel seines Buches geschrieben. Heute, wo er im Kölner Stadtteil Sülz mal ausprobieren will, wie sein Bullrich ankommt, ist er einer von Fünfen, die eigene Texte vortragen. Ob (Halb-)Profi oder Amateur, ob Gedichte, Kurzgeschichten oder einfach nur Gedanken, Träume und Erinnerungen - egal. Zehn Minuten darf jeder ran, den der Veranstalter eingeladen hat.

Volker Schmitz liest seinen Text vom schlechtgelaunten Herrn Bullrich in der Kölner Kneipe „Wundertüte“.

Volker Schmitz liest seinen Text vom schlechtgelaunten Herrn Bullrich in der Kölner Kneipe „Wundertüte“.

Und die Geschichten sind so, wie die Kneipe heißt, in der die „Lesebühne“ gastiert: „Wundertüte“. Rührende Beiträge über den Selbstmord eines Freundes, Köln Krimis oder Komisches. Und manchmal auch Belangloses.

Für die Zuhörer, die gekommen sind, ist dieser Abend wie eine Abenteuerreise. Ein Blick in unbekannte Welten. Kurze zehn Minuten, erhellt wie von einem Scheinwerfer mit gleißendem Licht, der dann plötzlich wieder die Position wechselt und was Neues zeigt. Oft unterbrochen von lautem Gelächter. 

„Die Freude an der Kreativität“

Es gibt ein Phänomen in Deutschland. Während gefühlt immer mehr Menschen eigene Texte schreiben, wird die Zahl der geschätzten Leser zunehmend kleiner. Kaufte vor zehn Jahren noch jeder zweite Deutsche Bücher, ist es mittlerweile nur noch jeder dritte. Und während die Zahl der Titel im (über)satten professionellen deutschen Buchmarkt deshalb im vergangenen Jahrzehnt von knapp 90.000 auf 65.000 neue Titel pro Jahr gesunken ist, „versuchen zunehmend mehr Leute im Alleingang zu veröffentlichen oder Schreiben just for fun“, sagt Franz Westner.

„Eine wunderbare Sache, ich liebe es, und kann jedem, der es versucht, nur gratulieren“, ergänzt der Vorsitzende des „Freien Deutschen Autorenverbandes“, der für die letzten Jahre von „deutlichen, teils prozentual zweistelligen Mittgliederzuwächsen“ in seiner Interessensvertretung spricht. „Die Freude an der Kreativität, etwas zu schaffen, von dem man hofft, dass einen überdauert“, beschreibt Westner die Motivation zahlreicher Autoren.

Ich war noch klein. Und als ich auf den Hof gehen wollte, packte ich in meinen Rucksack, wie immer, eine Flasche Wasser, mein Blutzuckermessgerät, eine Packung Traubenzucker und ein zwei Meter langes Seil. Dieses Seil war mit Abstand das Wichtigste in meinem Rucksack. Denn zu dieser Zeit hielt ich es für möglich, die Erde könne sich plötzlich spalten.

Ich würde vor diesem riesigen tiefen Spalt stehen, in dem so viele um mich herum gefallen waren und würde ein Seil brauchen, mit dem ich sie herausholen konnte. Das Problem war, dass keiner dieser Menschen, die ich herausholen würde, es für möglich hielt, dass die Erde sich plötzlich spalten könnte. So stieß ich auf großes Unverständnis, sobald das Seil nicht aufzufinden war und ich unter Tränen bat, nicht nach draußen zu müssen. Meine Mutter sagte immer: „Du bist doch total bescheuert.“

Herr Born, unser ältester Nachbar, lutschte auf dem Geländer vor unserer Wohnung seine Chupachups. Dieses Verhalten erklärte sich mir viele Jahre später, als ich lernte, was ein Nikotinentzug ist. An einem Vormittag bot er mir einen Lolli an und bevor ich ihn essen konnte, musste ich erst Zucker messen. Ich hatte 97.

Ich hatte 200 eben, sagte er und gab mir einem Lolli. Wir sprachen nie viel darüber, aber wir wussten beide genau, wie es ist. Diabetes war etwas, das ich an Herrn Born sehr schätzte.

Dann fragte ich ihn, wieso lutschst du eigentlich immer Lollis und nie Bonbons? Und er sagte, weißt du, der Lutscher hier, der hat da den Stil. Und dann verschlucke ich den nicht. Wenn das ein Bonbon ist, passte einmal nicht auf, ab damit. Er nickte selbstzufrieden, doch dann fiel mir auf, dass man ja auch den Lolli verschlucken könnte.

Warum sie Geschichten schreibt? „Keine Ahnung, es ist einfach so“, sagt Alizah Anders: „Schon als Kind habe ich geschrieben. Gedichte, weil es da meist auch um den besonderen Klang des Textes geht, die Sprachmelodie beispielsweise oder den Rhythmus.“

Um neue Themen zu finden, notiert die 26-Jähige gestoppte sieben Minuten lang alles, was ihr in den Sinn kommt. Wenn sie die Sätze dann noch einmal liest, schaut sie, was sie besonders anspricht. „Ob die Worte eine besondere Tonalität haben“, beschreibt die Kölnerin ihre Suche nach dem Besonderen.

Wer möchte, der darf: Einmal im Monat lesen sechs Hobby-Autoren ihre Texte im Kölner Stadtteil Sülz.

Wer möchte, der darf: Einmal im Monat lesen sechs Hobby-Autoren ihre Texte im Kölner Stadtteil Sülz.

Falls es bei ihr klingelt, entstehen aus den Passagen eigene Erzählungen. Wie etwa bei den heute vorgelesenen Erinnerungsfetzen aus der Kindheit, die für Anders „ein bisschen umarmend und gemütlich klingen“. Anekdoten, „die sehr lieb zu sich selbst sind“, ergänzt sie. Die Erzählungen, die später vermutlich „zu einem größeren Projekt zusammengefasst“ werden sollen, seien „ eine Art Skizzen, die später noch zusammengepuzzelt werden müssen“.

Ein Puzzle, das zu einem autobiografischen Roman werden soll, erklärt Anders, die eine Ausbildung zur Werbetexterin gemacht hat und an der Universität Köln Linguistik studiert. Klar, es wäre toll, wenn sie von der Schreiberei leben könnte, sagt sie. „Vor allem tue ich es aber, weil es großen Spaß macht.“

Zunehmend mehr junge Menschen schreiben

Ob Menschen, die aus ihrem Berufsfeld berichten, Gedichte verfassen, sich an einem autobiographischen Roman versuchen oder Oma und Opa, die für ihre Angehörigen die Familiengeschichte aufschreiben: „Es ist schon immens, was da passiert“, sagt Edward Poniewaz, stellvertretender Vorsitzender des deutschen Selfpublisher-Verbandes. Auch zunehmend mehr junge Leute würden schreiben, sagt der Kölner: „Viele davon versuchen sich in speziellen Nischen, mit Science-Fiction und Fantasy-Romanen beispielsweise.“

Einen Beleg dafür, etwa eine wissenschaftlich fundierte Erhebung oder Schätzungen, gibt es allerdings nicht, bestätigt Professor Guido Graf vom Literaturinstitut der Universität Hildesheim: „Man kann deutlich sehen, dass viel mehr veröffentlicht wird. Aber nicht, wer jenseits der Publikation noch alles schreibt.“ Selfpublisher Poniewaz kann das bestätigen. Die Mitgliederschaft seines Verbandes, in dem Menschen organisiert sind, die ihre Texte ohne einen Verlag veröffentlichen, sei alleine im vergangenen Jahr um ein Drittel gewachsen

Da kamen drei Dinge glücklich zusammen. Ich hatte gerade meine neue Wohnung am Bahndamm bezogen, meine finanzielle Lage war wie immer klamm, und dann fiel mir in einer Kneipe so eine alternative Stadt-Illustrierte in die Hände. Über Seiten Anzeigen von illustren Esoterik-Workshop-Anbietern, von „Achtsamkeitsmeditation“ über „Das Innere Leuchten“ bis zu ganzen Armeen von Tibetern, die die Menschen retten wollten, so dass ich dachte: Der Mensch will partout erleuchtet oder verarscht werden, egal, er zahlt.

Da kam mir eine meiner wenigen zündenden Ideen und schon in der nächsten Ausgabe jener alternativen Stadt-Illustrierten hatte ich meine Anzeige platziert: DIE KRAFT DER ZÜGE. Aufnehmen. Verinnerlichen. Weitergeben. Die vorbeifahrenden Energien aufspüren, ertasten erleben erfahren und gleichzeitig innehalten, durchatmen, weiterfahren, mit dir und anderen.

Die Resonanz war gewaltig. Selbst wenn ich mein Zimmer zum Bahndamm gänzlich ausräumte, war Platz für maximal 20 Teilnehmer. Um die Kosten für Stühle zu sparen, deklarierte ich die Sitzungen zu „Legungen“ und kaufte 20 Fleecedecken beim Esoterikausstatter kik. Auf dem Boden war man schließlich näher am Puls des Bahndamms.

Ulrich Horn, der gelegentlich auch ein Mitmach-Quiz in Kölner Kneipen und in einer Seniorengemeinschaft organsiert und moderiert, ist Veranstalter der seit September vergangenen Jahres einmal im Monat stattfindenden Sülzer „Lesebühne". Etwa drei ähnliche Formate, eines davon wöchentlich, gibt es in Köln. Er sei selbst immer wieder davon überrascht, was in Sülz gelesen wird, sagt Horn. Die Texte kenne er vorher nicht. „Ab und zu“ gebe er „auch was Eigenes zum Besten, das müsst ihr halt ertragen“, sagt der 69-Jährige an diesem Abend zum Publikum, bevor er loslegt.

Ulrich Horn veranstaltet die „Lesebühne“.

Ulrich Horn veranstaltet die „Lesebühne“.

Immer wieder unterbrochen durch das Lachen der Zuhörer führt er in provozierend nüchternem Ton durch das Panoptikum seiner „Eso-Legungen“. Ob es eine Möglichkeit gäbe, chinesischen Tee aufzukochen, ob vegetarische Knabbereien gereicht werden dürften oder ob es ayurvedische Übernachtungsmöglichkeiten im „Bahn-Zimmer“ gebe, sei er von den Kursteilnehmern gefragt worden. Aber egal, denn immerhin: „19 Mal 200 Euro, nicht schlecht für den Anfang“, liest Horn.

Für ihn sei es immer wieder „eine Qual“, mit dem Schreiben erst einmal loszulegen, sagt er hinterher. „Aber wenn ich dann endlich in mein Notebook tippe, läuft es meistens ganz gut.“ Gut gelaufen ist auch sein Ausflug in die Welt der Selbstfindung und Deutschen Bahn. „Nach drei Jahren habe ich die Wohnung gekauft. Meine Seminare halte ich jetzt in einer alten Werkstatthalle am Westbahnhof ab. Da sind wir den Zügen noch näher – und in die Halle passen gut fünfzig Personen“, heißt es am  Ende seiner Geschichte.