Unser Autor meint: Wer Retter schützt, schützt am Ende die Möglichkeit, dass Hilfe überhaupt noch ankommt.
Kommentar zur Gewalt gegen die PolizeiWenn der Staat zur Zielscheibe wird, darf niemand schweigen


Die Polizei im Einsatz: Immer häufiger werden die Beamtinnen und Beamten zur Zielscheibe von Gewalt.
Copyright: Uwe Weiser
Gewalt gegen Polizistinnen, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter und Notärzte wird häufiger, roher, selbstverständlicher. Nicht überall, nicht bei jedem Einsatz – aber oft genug, dass sich ein neues Grundgefühl einschleicht: Wer hilft, muss zuerst damit rechnen, angegriffen zu werden. „Verrohung“ als Schlagwort reicht nicht, dies zu beschreiben. Das ist eine Erosion des Gesellschaftsvertrags.
Denn die Angegriffenen sind nicht irgendwer. Sie kommen, wenn andere weggehen oder um Hilfe rufen: bei Messerstechereien, Unfällen, Bränden, im Drogenrausch, bei häuslicher Gewalt oder bei Herzinfarkten. Wenn ausgerechnet sie zur Zielscheibe werden, ist das mehr als Kriminalität.
Routine-Einsätze werden zur Todesfalle
Es ist widerlich. Und ein Signal: Regeln gelten nur noch, solange sie mir nützen – und wenn nicht, setze ich mich mit Gewalt darüber hinweg. Der Rechtsstaat wird nicht abstrakt angegriffen, sondern ganz konkret: am Funkgerät, an der Trage, an der Wohnungstür.
Routine-Einsätze werden zur Todesfalle. Polizistinnen und Polizisten sterben nicht „im Dienst“, sie werden getötet – stellvertretend für uns, die sie beschützen. Ihre Uniformen werden zu Projektionsflächen. Wer schießt, schießt nicht nur auf einen Menschen, sondern auf die Idee, dass Regeln gelten, dass Gewalt begrenzt wird.
Wenn Einsatzkraft angegriffen oder bepöbelt werden, müssen die Konsequenzen schnell und spürbar sein – nicht nach Jahren, sondern zeitnah, sichtbar, verlässlich. Und ja: Schutzwesten, Bodycams, Training, taktische Konzepte, Nachsorge sind keine Luxusdebatten, sondern Arbeitsschutz in Hochrisikoberufen.
Mund aufmachen, um sich gegen den Irrsinn zu stemmen
Schweigeminute, Halbmast, Kranz – auch die Reflexe der Demokratie im Katastrophenfall sind verständlich und gut. Aber wenn wir alle uns nicht gegen diesen Irrsinn stemmen, wird es nicht ausreichen. Mund aufmachen – im Freundeskreis, im Stadion, auf der Straße: Wer „Bullen klatschen“ witzig findet oder Rettungskräfte behindert, muss Widerspruch spüren. Anzeigen, wenn man Zeuge wird. Aussagen, wenn man etwas gesehen hat, statt wegzuschauen. Und vor allem: nicht mitmachen beim täglichen Misstrauens-Bingo, das jeden Behördeneinsatz pauschal verdächtigt.
Wer Retter schützt, schützt am Ende die Möglichkeit, dass Hilfe überhaupt noch ankommt.
