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Im Dienst gestorbene PolizistenTodesschüsse aus Hass auf den Staat

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Ein Polizist mit Handschellen und einer Pistole am Gürtel steht vor einem Streifenwagen.

Ein Polizist mit Handschellen und einer Pistole am Gürtel steht vor einem Streifenwagen. 

Die NRW-Polizei hat ihren gestorbenen Kolleginnen und Kollegen am Montag in einer Schweigeminute gedacht.

In der Wohnungstür klafft ein Spalt, gerade breit genug für Sekunden, die später Akten füllen werden. Draußen steht ein neunköpfiger Trupp des Spezialeinsatzkommandos (SEK) aus Münster, schwere Schutzwesten, Helm, Schild. Drinnen sitzt die Zielperson der Durchsuchung: ein Mann aus dem Drogenmilieu.

Als die Beamten die Dachgeschosswohnung in Gelsenkirchen am 29. April 2020 stürmen, fallen aus kurzer Distanz Schüsse. Von „Polizei“-Rufen  lässt der Täter sich nicht beeindrucken und feuert immer weiter. Simon Gudorf, 28 Jahre alt, der vorne geht, wird seitlich getroffen und bricht zusammen.

Kollegen versuchten, den Getroffenen aus der Schusslinie zu ziehen

Kollegen versuchen, den Schützen mit weiteren Rufen abzulenken und den Schwerverletzte aus der Schusslinie zu ziehen; ein Schild wird nach vorn gebracht, um weitere Treffer abzuwehren. Gudorf überlebt den Einsatz nicht.

Der Tod des SEK-Beamten wird später vor Gericht rekonstruiert. In den Ermittlungen und im Prozess steht der Mann im Mittelpunkt, der als Täter verurteilt wird: Ahmet G.. Nach den Feststellungen des Gerichts gab er insgesamt 17 Schüsse ab; sechs trafen Gudorf. Als Todeszeitpunkt wurde 19.19 Uhr angegeben. Das Landgericht Essen wertet die Tat als Mord aus „Polizistenhass“ und verhängt lebenslange Haft. Der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil.

Polizistenhass als Motiv

Gudorf wollte Polizist werden wie sein Vater. Er investierte Zeit, Kraft, bestand Prüfungen und Auswahlverfahren, bis ihn sein Weg schließlich in eine der gefährlichsten Einheiten führte der Polizei führt: Bei einem Spezialeinsatzkommando. Bei den Frauen und Männern, die gerufen werden, wenn’s brenzlig wird und hart auf hart geht. In seiner Trauerrede wenige Tage nach der Tat beschrieb NRW-Innenminister Herbert Reul diesen Antrieb als „unbedingten Willen“, ohne den kein Staat funktioniere: „Ohne Recht und Ordnung, ohne Gesetze, ohne Menschen wie Simon Gudorf … funktioniert kein Gemeinwesen.“

Weil die Opfer nicht vergessen werden sollen, versammelte sich der Minister am heutigen Montagmittag mit all seinen Mitarbeitenden vor dem Ministerium in Düsseldorf. In einer Schweigeminute wurde den im Dienst getöteten Polzistinnen und Polzisten gedacht. Der CDU-Politiker betonte, dass „Angriffe, Hass und Hetze“ gegen diejenigen, die die Bevölkerung schützen, in einem Rechtsstaat keinen Platz haben dürfen.

Gedenktag 2020 eingeführt

„Wenn Kolleginnen oder Kollegen im Dienst angegangen, verletzt oder gar getötet werden, ist dies ein Angriff auf uns alle – und nicht zuletzt auch auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“, ergänzte Dirk Hulverscheidt, Inspekteur der NRW-Polizei. Seit 2020 findet jährlich im März der von Interpol ins Leben gerufene Gedenktag für im Dienst verstorbene Polizistinnen und Polizisten statt. Zu diesem Anlass hat das Innenministerium für alle Polizeidienststellen des Landes Halbmastbeflaggung angeordnet.

Am 14. Juni 2000 wird der 31-jährige Rechtsextremist Michael Berger bei einer Routinekontrolle in Dortmund mit seinem Auto angehalten, da er nicht angeschnallt ist. Plötzlich eröffnet er das Feuer gegen die zwei Polizeibeamten. Der 35-jährige Polizeikommissar Thomas Goretzky stirbt sofort, seine Kollegin wird am Bein verletzt.

Extra an Ampel angehalten, um Beamte zu töten

Auf der Flucht, an einer Ampel in Waltrop, schießt Berger dann noch auf andere Beamte. Er tötet die 34-jährige Polizistin Yvonne Hachtkemper und einen etwa gleichaltrigen Kollegen. Die beiden hatten nicht einmal den Versuch unternommen, den Flüchtigen zu verhaften. Im Gegenteil: Der Täter hat extra angehalten, um die tödlichen Schüsse abzugeben. Nach Bergers Amokfahrt richtet er sich selbst.

Die Morde richten sich nicht zufällig gegen Menschen in Uniform. Sie trefen den Staat dort, wo er im Alltag sichtbar wird: Bei einer Kontrolle am Straßenrand, in einem Streifenwagen an einer Ampel. Als die Polizei die Wohnung des Täters durchsucht, findet sich ein Waffenarsenal aus Totschlägern, einer Splitter-Handgranate, Jagdgewehren und Revolvern. Auf seinem Auto hat der DVU- und Republikaner-Aktivist einen Aufkleber angebracht: „Töte sie alle… Gott wird seine Wahl treffen“ steht da.

An einer Tankstelle in Völklingen, an der nach einem Überfall ein Polizist getötet wurde, haben Mitarbeiter im August 2025 einen Kranz niedergelegt.

An einer Tankstelle in Völklingen, an der nach einem Überfall ein Polizist getötet wurde, haben Mitarbeiter im August 2025 einen Kranz niedergelegt.

In Nordrhein-Westfalen bleibt Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte ein bitterer Teil des Alltags. 2024 sind 10.443 Gewaltdelikte erfasst worden, 25.385 wurden dabei angegriffen. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutete dies einen Anstieg von 6,25 Prozent. Für 2025 gibt es noch keine endgültige Bilanz. Aus Polizeikreisen wird jedoch damit gerechnet, dass die Zahlen allenfalls leicht sinken oder auf hohem Niveau stagnieren. In vielen Präsidien wird deshalb eher von einer „Verstetigung“ als von einer Trendwende gesprochen.

10.433 Gewaltdelikte gegen NRW-Polizisten

Hinter den Zahlen stehen Einsätze, die plötzlich kippen: eine Kontrolle am Bahnhof, ein Streit vor der Wohnungstür, eine Festnahme nach einer Rangelei. Häufig geht es um Widerstand oder tätliche Angriffe – Tritte, Schläge, Rempeleien, Spucken, Bedrohungen. Polizeiführung und Gewerkschaften verweisen auf Alkohol- und Drogenkonsum, psychische Ausnahmesituationen sowie aufgeheizte Gruppenlagen. Vor allem aber geht es um ein Klima, in dem der Respekt vor Uniform und Recht in manchen Situationen spürbar bröckelt.

„Die Zahl der Widerstände und tätlichen Angriffe gegen Polizistinnen und Polizisten steigt seit Jahren - wir sehen diese Entwicklung mit großer Sorge", sagt Patrick Schlüter, Vorsitzende der „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP) in NRW. Die Entwicklung sei „Ausdruck einer Verrohung der Gesellschaft, die auch andere trifft, die für unseren Staat stehen, für Recht und Ordnung oder die einfach helfen wolle“.  Wer Einsatzkräfte angreift, greife nicht nur Menschen in Uniform an, sondern den Rechtsstaat.

Rettinghaus Erich, Vors. der Deutschen Polizeigewerkschaft in NRW

Erich Rettinghaus, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in NRW

„Wir brauchen deshalb klare politische Rückendeckung, konsequente Strafverfolgung, gute Schutzausstattung und vor allem ein unmissverständliches gesellschaftliches Signal: Gewalt gegen Polizei darf niemals als normal hingenommen werden“, so Schlüter. Die Zahlen seien „mehr als alarmierend“, meint auch Erich Rettinghaus, Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG): „Gewalt wird als probates Mittel zur Lösung von Problemen angesehen - aus den nichtigsten Anlässen, ohne Rücksicht auf Folgen und die Gesundheit des Gegenübers.“

Einen Weg nach erschossenem Polizisten benannt

Der 28. Juli 2002: Es ist ein sonniger Tag, als Gerd Höllige mit einem Kollegen ins Bad Godesberger Zentrum ausrückt. Zu einem mutmaßlichen Einbrecher am Kurpark. Beide Beamten stellen den Mann, sprechen ihn an. Nach einer kurzen Flucht kommt es zu einem Gerangel. Dabei gelingt es dem Tatverdächtigen, einem der Polizisten die Dienstwaffe zu entreißen.

Kurz darauf werden vier Schüsse abgegeben. Höllige wird tödlich verletzt, sein Kollege lebensgefährlich. Der Täter flieht zunächst, wird aber kurze Zeit später gefasst. Wie sich später herausstellt, leidet er unter Verfolgungswahn. Höllige trug an diesem Tag keine Schutzweste, weil seine neue Weste noch nicht richtig passte und zur Änderung abgegeben worden war.

Seit 2003 erinnert ein Gedenkstein nahe dem Tatort an den 40-Jährigen. Am 9. Oktober 2024 wird zusätzlich ein Weg durch den Bad Godesberger Kurpark nach ihm benannt. „Was scheinbar als Routine-Einsatz begann, endete in einer Tragödie", sagte Polizeipräsident Frank Hoever bei der Einweihung. Der damals schwerverletzte Kollege des Getöteten war bei diesem Festtag nicht dabei. „Er konnte das Erlebte schon früh nicht verarbeiten und schied aus dem Dienst aus", berichtete Hoever: „Er hat Bonn verlassen und ist weit weggegangen."