Die Debatte ist hochemotional: Sollen Fische sterben, um an Stauwehren Energie durch Wasserkraft gewinnen zu können? Eine Frage, bei der die Grünen in NRW gespalten sind. Ein Ortstermin an der Agger wirft ein Schlaglicht auf die Kontroverse.
Kraftwerksturbinen schreddern LachseBUND fordert Abriss von Stauwehren an Flüssen in NRW

Das Aggerwehr bei Ehreshoven - hier ist die Reise der Fische zu ihren Laichgebieten beendet.
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Die Wanderung aus dem Nordatlantik nach NRW ist bis zu 3000 Kilometer lang. Über den Rhein und die Sieg erreichen die Lachse auf dem Weg zu ihren Laichgebieten die Agger. Doch rund 35 Kilometer flussaufwärts ist die Reise beendet. Dort ragt das Stauwehr Ehreshoven 1 sechs Meter in die Höhe – und versperrt den Lachsen den Weg. „Ein klarer Verstoß gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie“, ärgert sich Friedrich Meyer, der der Regionalgruppe Köln des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) angehört. „Die Fischdurchgängigkeit wird dem Wunschdenken geopfert, mit kleinen Wasserkraftwerken große Strommengen erzeugen zu können“.
Meyer ist an diesem Tag mit seinem Mitstreiter Paul Kröfges, dem früheren Landesvorsitzenden des BUND, an das Wehr gekommen, um auf einen Zielkonflikt hinzuweisen, an dem sich bei den Grünen in NRW die Geister scheiden. Das Lager der Ökologen trifft auf die Lobby derer, die den Ausbau der erneuerbaren Energien um jeden Preis vorantreiben wollen. „Ich bin auch für den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien – bei Wind und Solar“, sagt Meyer. Bei der so genannten „Kleinen Wasserkraft“ mit ihren Stauanlagen sei der Schaden für die Gewässer größer als jeglicher Nutzen. Paul Kröfges nickt: „Wasserkraftnutzung an Talsperren ist sinnvoll, aber zahlreiche kleine Wasserkraftanlagen in NRW sind für die Flüsse ökologisch eine Katastrophe.“

Viel zu wenig Wasser im Fluss: BUND-Aktivisten Friedrich Meyer und Paul Kröfges am Wasserkraftwerk Ohl-Grünscheid an der Agger.
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In NRW gibt es 427 Wasserkraftanlagen. Sie funktionieren durch Stauanlagen, deren Querbauwerke die ökologische Durchgängigkeit der Fließgewässer behindert. Viele Anlagen – wie auch das Wehr Ehreshoven – stammen aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und stehen mittlerweile teilweise unter Denkmalschutz. Ihr Beitrag zur Energieerzeugung ist allerdings – anders, als oft propagiert – gering. „Ein oder zwei moderne Windkraftanlage mit drei Megawatt Leistung würden selbst unter ungünstigen Bedingungen problemlos mehr Strom erzeugen, als alle sechs Wasserkraftwerke an der Agger zusammen“, sagt Friedrich Meyer. Das müssten auch die Anhänger der Wasserkraft im NRW- Energieministerium zur Kenntnis nehmen. Das Haus wird von der Grünen Mona Neubaur angeführt.
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Aus dem Energieatlas des Landes geht hervor, dass der Anteil der Wasserkraft an der Energieerzeugung in NRW bei 0,41 Prozent liegt. 70 Prozent der Wasserkraft werden von 41 größeren Anlagen, die sich zum Teil an Talsperren befinden, ins Netz eingespeist. „Kleine Anlagen wie an der Agger sind aus der Zeit gefallen, richten aber massiven Schaden an. Der grüne Umweltminister Oliver Krischer blickt von Düsseldorf aus tatenlos zu“, kritisiert Kröfges. „Statt darauf zu drängen, die Flüsse von massiven Hindernissen zu befreien, bringt er fragwürdige Querungshilfen ins Spiel.“ Damit wolle Krischer offenbar einem Konflikt mit seiner Parteifreundin Neubaur aus dem Weg gehen, vermutet Kröfges.
Krischer hatte im vergangenen Jahr im Kreis Kleve eine innovative Fischaufstiegsanlage besichtigt. Der „Vishlifts“ eines niederländischen Herstellers ermöglicht den Tieren, Höhenunterschiede in einer Art Wendeltreppe überwinden zu können. „Wir müssen neue Wege gehen, um alte Wege wieder freizumachen“, sagte der Grüne damals. Sollte der Test erfolgreich sein, könnten „die Anlagen auch an Agger, Sieg und Wupper installiert werden", so Krischer.
Der BUND bezweifelt, dass sich mit Hilfe eines „Vishlifts“ ein Höhenunterschied von sechs Metern bewältigen lassen würde. Die Tiere seien nach dem Aufstieg über die Wendeltreppe womöglich „jeck im Kopp“, heißt es in einer Mitteilung. Dass der Betreiber der Wasserkraftwerke permanent zu wenig Wasser aus den Stauanlagen abfließen lasse, erschwere es den Lachsen, mögliche Querungshilfen überhaupt zu erreichen.
Eine Studie im Auftrag der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) warnt davor, dass die Lachspopulation auch durch die Turbinen in den Kraftwerken dezimiert wird. „Am Rhein sind die Lachs-Rückkehrerzahlen und auch die Aalbestände trotz eines hohen Besatzaufwands seit 2014 stark rückläufig“, sagt Kröfges, der seit mehr als zwanzig Jahren in der „Expertengruppe Fisch“ des IKSR aktiv ist. „Dazu trägt auch bei, dass die Fische in großer Zahl geschreddert und an ihrer Wanderung im Gewässer gehindert werden.“ Zudem würden vor den Querbauwerken in den Staubereichen die Wassertemperatur erhöht und der Sauerstoffgehalt verringert.
Im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen aus dem Jahr 2022 heißt es, „insbesondere kleine Wasserkraftanlagen“ müssten „unter ökologischen Aspekten weiterentwickelt“ werden. „Fisch- und fließgewässerfreundliche“ Wasserkraftwerke sollten „bevorzugt werden“ und könnten „gleichzeitig“ einen Beitrag zur Verbesserung von Fließgewässern und zur Stromerzeugung leisten. „Das ist eine Kompromissformel, die niemandem weiterhilft“, sagt Friedrich Meyer. Bei der Aufstellung des Landtagswahlprogramm für die Landtagswahl 2027 müssten die Grünen „jetzt Farbe bekennen“ – und sich für einen zügigen Rückbau der Stauanlagen aussprechen, fordert Meyer. Es bringe nichts, am Mythos vom Nutzen der Wasserkraft festzuhalten.
An der Agger hatte die Zentralstelle für die Verfolgung von Umweltkriminalität bei einem Wasserkraftbetreiber zuletzt durchgegriffen und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen eingeleitet. 2025 waren zahlreiche Fische verendet, weil zu wenig Wasser abgelassen worden war. Die Ermitter haben den Verdacht, dass Regeln zum Schutz des Gewässers bewusst ignoriert wurden. Die Bezirksregierung Köln habe als zuständige Behörde die Regeln noch einmal klar festgelegt und werde für ihre Einhaltung sorgen, sagte Umweltminister Krischer: „Es kann nicht sein, dass Einzelne sich durch bewusstes Schädigen der Umwelt wirtschaftliche Vorteile verschaffen."
