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Lehrerin in der Menopause„Ich gehe immer noch mit Engagement in die Schule. Aber ich komme völlig erschüttert zurück“

6 min
Lehrerin sitzt alleine in einem Klassenraum

Kurz durchschnaufen können die meisten Lehrerinnen nicht - auch dann nicht, wenn sie unter Wechseljahrs-Beschwerden leiden (Symbolbild).

Wenn Lehrerinnen unter den Beschwernissen der Menopause leiden, kollidiert das oft mit den hohen Anforderungen eines Schulsystems, das an vielen Stellen prekär ist. Eine Studie zeigt, wo die Herausforderungen liegen und wie Hilfe gelingen könnte.

Die ganze Misere startet noch ehe ein einziges der 29 Kinder die Augen aufgeschlagen hat. Die Jungen und Mädchen, die zum Teil daran scheitern, ihre Hefte aus der Schultasche zu holen, die schlecht stillsitzen können und sich lieber gegenseitig verhauen, schlafen alle noch und sehen dabei wahrscheinlich so aus, wie man sich das als Lehrerin wünscht: unschuldig und engelsgleich. Aber Jessica Römer jedenfalls ist dann oft schon seit Stunden wach. Oder zumindest jede Stunde einmal. Sie hat sich viel im Bett von einer Seite zur anderen gewälzt. Sie hat die Ziffern auf dem Handy fixiert: Vier Uhr. Fünf Uhr. Sie ist endlich kurz weggenickt. „Meistens kurz bevor dann eben der Wecker klingelt“, sagt Römer, die eigentlich anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Schließlich ist diese Geschichte eine Geschichte über ein Tabu. Und doch über eine für viele Frauen komplett alltägliche Angelegenheit: Die Wechseljahre und ihr ungünstiges Kollidieren mit den Erfordernissen der Erwerbstätigkeit. In diesem Fall dem Schuldienst. Was die Sache fast noch komplizierter macht.

Denn wenn Römer ihren unausgeschlafenen Körper aus dem Bett gequält und sich zur Schule geschleppt hat, dann warten an ihrer Brennpunktgrundschule (Sozialindex neun) in NRW um acht Uhr 29 Kinder. Und die sind alle wach. Viele sind noch keine sechs Jahre alt, die meisten können sich die Jacke nicht selbständig ausziehen, einige sprechen schlecht oder gar kein Deutsch. „Manchmal sage ich sogar: Ich habe schlecht geschlafen, ihr müsst bitte etwas ruhiger sein. Das versuchen die dann auch. Aber natürlich sind Kinder in diesem Alter verständlicherweise total bedürfnisorientiert. Und spätestens nach zwei Minuten nennt einer den anderen Blödkopf und dann rasten alle wieder aus“, sagt Römer. „Von null auf hundert“, beschreibt die Lehrerin diesen Tagesstart.

Schlechte Nächte kollidieren mit Alltag, der keine Schwäche zulässt

Römer muss also beruhigen, erklären und nebenbei Unterricht machen. Ganz simpel die Lautstärke ertragen. In den Pausen mit anderen Lehrerinnen Dinge besprechen, Eltern antworten, die fragen, wer denn eigentlich den Badeanzug und die Handtücher für den Schwimmunterricht kaufe und bezahle, raufende Pausenkinder beaufsichtigen. Nach einer schlechten Nacht reicht dafür manchmal die Kraft nicht.

Römers Konflikt ist kein individueller Einzelfall, erst recht kein individuelles Versagen. Das zeigt nun auch eine qualitative Untersuchung im Auftrag der Frauenvertretung des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) NRW, die der Kölner Stadt-Anzeiger vorab lesen durfte: Die Beschwernisse der Wechseljahre kollidieren im Schulberuf mit einem Alltag, der keine Schwäche zulässt. Mit frühem Dienstbeginn, Lärm, großen Klassen, Vertretungsdruck und wenig Gelegenheit, kurz aus dem Geschehen herauszutreten. Die Müdigkeit, die sich nach mehreren durchlöcherten Nächten angesammelt hat, plötzliche Schweißausbrüche, Dünnhäutigkeit und innere Unruhe kommen mit ins Klassenzimmer. Dort wird aber eine Lehrkraft gebraucht, die jederzeit wach ist, aufmerksam und funktionstüchtig.

Das System Schule steht selbst unter Druck

Als Römer für die Studie des VBE gefragt wurde, wie man sie entlasten könne, habe sie erstmal gelacht und gesagt: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das möglich wäre.“ Wie solle man ihr helfen, wenn sie mitten im Unterricht Hitzewallungen bekomme und sofort auf die Toilette verschwinden müsse? Wer soll da sein, wenn sie nach einer durchwachten Nacht morgens erst um neun beginnen wollte? „Gleitzeit und eine Doppelbesetzung in der Klasse wäre eine Hilfe, aber dafür gibt es natürlich kein Personal.“

Das Problem ist verzwickt, denn schließlich treffen die erschöpften Lehrerinnen in der Menopause auf ein System, das selbst unter Druck steht. Die Klassen sind zu groß, die Schülerschaft heterogen, die Kompetenzen der Eingeschulten verschlechtern sich tendenziell, Personal gibt es dagegen zu wenig und die Gebäude sind zudem marode und schlecht bis gar nicht klimatisiert. Dennoch erwachsen aus der jahrelangen Erfahrung aber immerhin kleine Kniffe, mit denen sich betroffene Lehrerinnen heute irgendwie selbst helfen. In den Interviews der VBE-Frauenvertretung, die dem Kölner Stadt-Anzeiger vorliegen, berichtet eine Lehrerin, sie müsse nach einer schlechten Nacht die erste Stunde so planen, dass die Kinder zunächst selbstständig arbeiten.

Auch Kristina Hebing, Landessprecherin der VBE-Frauenvertretung rät zu so einem gleitenden Einstieg. „Manche Kolleginnen lassen die Kinder zu Unterrichtsbeginn beispielsweise selbständig lesen. Das bringt ein bisschen Ruhe rein und nützt ja auch der Lesekompetenz.“ Manchmal könne es auch helfen, die Schulleitung zu sensibilisieren, „die dann für Vertretung sorgen kann, wenn Personal vorhanden ist“. In den Interviews berichtet eine Befragte, sie könne manchmal bei akuter Überlastung eine Kollegin ansprechen, die dann zehn Minuten die Aufsicht übernähme, während sie einmal um den Block laufe, um das Nervenkostüm wieder glattzuziehen. Sie sagt: „Zehn Minuten können den Tag retten.“

Ich will auch nicht mehr auf dem Boden rumkriechen. Im Zweifel komme ich auch gar nicht mehr hoch
Jessica Römer, Grundschullehrerin, 57

Hebing weiß, dass die Spielräume klein sind. Ihr Verband hat für die qualitative Studie mit 14 Lehrerinnen und einem Lehrer gesprochen, aus verschiedenen Schulformen und Funktionen in Nordrhein-Westfalen, auch Schulleitungen wurden befragt. Die 15 Tiefeninterviews sind nicht repräsentativ. Sie zeigen aber auf, wo so ein Schulalltag für Frauen in den Wechseljahren zur Belastungsprobe werden kann: Pausen werden zur Arbeitszeit, Vertretungspläne sind die Regel, der Stress endet nicht mit dem Schulschlussläuten, denn Eltern schrieben auch am späten Abend noch Mails. Und jemand wie Römer reagiere darauf dann auch. „Gerade bei uns Grundschulkollegen kenne ich eigentlich niemanden, der den Beruf nicht mit absolutem Herzblut und aus Überzeugung macht. Da schaltet man nicht ab, da fühlt man sich immer verantwortlich.“ Auch dann nicht, wenn der Alltag zuweilen die eigene Gesundheit bedroht.

Früher habe sie „für den Job gebrannt, ich hatte Energie für all die Späßkes der Kinder“, sagt Römer. Heute finde sie Kinder immer noch „toll“, könne aber nicht mehr mit demselben Elan mithalten. „Ich will auch nicht mehr auf dem Boden rumkriechen. Im Zweifel komme ich auch gar nicht mehr hoch.“ Die körperlichen Veränderungen haben ihr den Beruf nicht komplett verleidet. „Ich gehe immer noch mit Engagement in die Schule. Aber ich komme völlig erschüttert zurück.“

Ihre Arbeit reduzieren oder gar vorzeitig in den Ruhestand gehen, möchte sie trotzdem nicht. „Ich habe schon für meine Kinder jeweils zwei Jahre pausiert, dazu lange nur Teilzeit gearbeitet – auch wegen der Kinder. Wenn ich nicht aufstocke, habe ich im Alter wenig Geld.“ Dazu kommt: Auch das System kann auf Frauen wie Römer gar nicht verzichten. „Wir müssen jede Stunde im System halten“, sagt Hebing. Schon heute ist der Unterrichtsausfall immens.

Der VBE will mit der Studie deshalb wenigstens eines erreichen: Wechseljahre sollen kein Tabu mehr sein, sagt Hebing. Niemand solle denken, er dürfe sich nicht outen aus Sorge, dann für weniger belastbar zu gelten. Übrigens seien auch Männer durchaus mitgemeint. „Die bekommen auch den Hormoncocktail ab, wenn auch vielleicht etwas schwächer als Frauen“, sagt Hebing. Wenn man darüber rede, könnten Schulleitungen Lösungen erarbeiten: Ein Ruheraum statt eines lauten Lehrerzimmers wäre hilfreich, ebenso feste Kontaktzeiten für Eltern, damit nicht abends noch E-Mails eintrudeln. Eine wertschätzende Leitung könne kurzfristig freie Fenster schaffen oder eine Kollegin für einige Minuten vertreten. Der VBE will Aufklärung und Unterstützungsangebote im Arbeits- und Gesundheitsschutz verankern. Hebing glaubt, dass auch mehr Wertschätzung für diese besondere Phase im Leben schon Kraft spenden kann. Die Botschaft sei: „Wir sehen euch und wir brauchen euch.“

Wenn Römer nachts nicht schlafen kann, dann immerhin nicht deshalb, weil sie sich von Schulleitung und Kollegium nicht unterstützt oder gar wegen ihrer veränderten Belastbarkeit gemobbt fühlt. Fragt man sie danach, dann lacht sie: „Wir sind hier ausschließlich Frauen. Auch die Chefin. Die jungen werden bemitleidet, wenn die Kinder nachts nicht schlafen. Wir älteren, wenn wir wegen der Wechseljahre selbst kein Auge zubekommen.“