NRW verzeichnet einen dramatischen Anstieg auf 1,387 Millionen Pflegebedürftige – Pflegeplätze und Personal fehlen
NRW-PflegenotstandDie Zahl der Pflegebedürftigen steigt schneller als erwartet – Prognosewert für 2030 schon erreicht

Eine Pflegerin (l) und eine Heimbewohnerin schauen zusammen aus einem Fenster im Wohnbereich des Pflegeheims. Im Vordergrund steht ein Rollator.
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Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Nordrhein-Westfalen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen – so stark, dass der ursprüngliche Prognosewert des Landesbetriebs Information und Technik für das Jahr 2030 bereits 2023 deutlich überschritten wurde. Für 2023 weist die Pflegestatistik rund 1,387 Millionen Pflegebedürftige aus, nach knapp 1,192 Millionen im Jahr 2021 und 769.132 im Jahr 2017. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Landtagsabgeordneten Christina Weng hervor.
Der Anstieg verschärft die Herausforderungen in der Versorgung. Praktisch geht es dabei vor allem um zwei Fragen: Gibt es ausreichend Plätze, wenn die Pflege zu Hause nicht mehr möglich ist? Und wie hoch ist die finanzielle Belastung für Pflegebedürftige und Angehörige?
Auch das Angebot an Heimplätzen wird immer kleiner
Was das Angebot an Heimplätzen betrifft, wird das Problem vermutlich noch größer und die Wartelisten länger. Im vergangenen Jahr sind 23 Anbieter zahlungsunfähig geworden, teilte das NRW-Gesundheitsministerium unlängst mit. Zwar wurden einige der Pflegeeinrichtungen von anderen Betreibern übernommen, aber durch die Schließung weiterer Betriebe aus anderen Gründen seien insgesamt 871 Pflegeplätze weggebrochen. Auch 34 ambulante Dienste hätten geschlossen, allerdings sei nicht bekannt, wie viele Menschen davon betroffen sind.
Durchschnittlich 3582 Euro pro Monat Eigenbeteiligung für einen Heimplatz
Auch finanziell bleibt stationäre Pflege für viele Betroffene eine erhebliche Belastung. Nach Berechnungen des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) lag die durchschnittliche Eigenbeteiligung in NRW zuletzt bei 3582 Euro pro Monat im ersten Aufenthaltsjahr. In dem Betrag enthalten sind neben pflegebedingten Kosten auch Unterkunft und Verpflegung sowie Investitionskosten der Einrichtungen.
Das Land verweist auf Zuschüsse der Einrichtungen über das Pflegewohngeld: Heimbewohner seien 2024 zumindest bei den Investitionskosten in der vollstationären Dauerpflege um rund 602 Millionen Euro entlastet worden. Für teilstationäre Einrichtungen seien zusätzlich rund 47,7 Millionen Euro über einen Aufwendungszuschuss aus öffentlichen Mitteln geflossen. Zudem sollen Kreise und kreisfreie Städte „über die örtliche Pflegeplanung künftige Bedarfslagen früh erkennen und vor Ort passende Lösungen entwickeln“, teilte das Gesundheitsministerium mit.
Branchenvertreter fordern derweil einen Kurswechsel. Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege beispielsweise, warnt schon seit geraumer Zeit: „Deutschland steuert sehenden Auges in den Pflegenotstand – und die Politik schaut seit Jahren zu.“ Der Medizinische Dienst warnt zudem vor Defiziten bei der ambulanten Betreuung. Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Redaktionsnetzwerk Deutschland) sagte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Carola Engler, Pflegebedürftige würden oft allein gelassen. Das betreffe vor allem die rund 60 Prozent derer, die allein wohnten oder von Angehörigen gepflegt würden.


