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NRW-Schulministerin im Interview„Der Lehrermangel ist die größte Herausforderung“

Lesezeit 4 Minuten
Schulministerin Dorothee Feller (CDU) vor einem Mikrofon.

Schulministerin Dorothee Feller hat Verständnis für die Proteste von Eltern, Lehrern und Bildungsverbänden geäußert.

Am Freitag wird bundesweit für eine Bildungswende protestiert. Dorothee Feller erklärt, wie sie die Probleme an NRW-Schulen lösen will.

Samstag gehen Vertreter von 150 Bildungsorganisationen in ganz Deutschland für eine Bildungswende auf die Straße. Ist der Druck der Straße notwendig, um an den Schulen wirklich etwas grundlegend zu verändern?

Ich begrüße, dass das Thema so im Fokus steht. Bildung ist das Wichtigste, weil es um unsere Kinder und unsere Zukunft geht. Ich kann nachvollziehen, dass Eltern, Lehrkräfte und Verbände auf die Straße gehen, weil im Schulsystem vieles nicht rundläuft. Aber ich kann versichern: Ich bin viel in Schulen unterwegs und die Forderungen sind mir bekannt. Wir sind da mit Hochdruck dran, dass es Schritt für Schritt besser wird.

Ein Viertel der Kinder in NRW kann nicht mehr richtig lesen. Eine alternde Gesellschaft, in der jedes einzelne dieser Kinder gebraucht wird, kann sich nicht leisten,  jedes Jahr 25 Prozent der Kinder zu verlieren. Wie ist Ihre Antwort darauf?

Dass in NRW ein Viertel der Kinder die Mindestanforderungen im Lesen, Schreiben und Rechnen nicht erfüllt, darf nicht so stehen bleiben. Deswegen konzentrieren wir uns jetzt auf die Förderung der Basiskompetenzen und fangen mit dem Lesen an. Die Kurzformel ist 3x20 Minuten Lesen pro Woche an den Grundschulen. Dahinter steht ein umfassendes Konzept. Außerdem stellen wir Material zur Verfügung und erstellen Arbeitspläne, um die Grundschulen zu entlasten.

Für Brennpunktschulen ist das ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie brauchen multiprofessionelle Teams und viel mehr Menschen, die individuell fördern können. Warum kommt die Politik mit der Größe der Maßnahmen nicht auf die Höhe des Problems?

Zum neuen Schuljahr haben wir Alltagshelfer eingeführt. Die können an Grund- und Förderschulen eingesetzt werden, an denen Stellen unbesetzt sind. Zu Schulbeginn konnten wir bereits 400 Alltagshelfer einstellen. Das werden wir weiter ausbauen. Jetzt müssen wir schauen, wie wir mehr Personal an die Schulen bekommen. Dazu werden wir unser Handlungskonzept zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung evaluieren und fortschreiben.

Inklusion, individuelle Förderung, multiprofessionelle Teams – das ist teuer. Am Ende geht es um Prioritäten und eine Entscheidung, wie viel dem Staat seine Kinder und Jugendlichen wert sind. Wann gibt es in NRW mutige finanzielle Prioritäten in Sachen Bildung?

NRW setzt bereits klare Prioritäten. Das hat man bei der Einbringung des Haushalts gesehen: Alle Ressorts müssen angesichts der wirtschaftlichen Krise sparen - nur das Schulministerium nicht. Außerdem haben wir bereits im vergangenen Jahr unmittelbar nach Regierungsantritt beschlossen, dass die Lehrkräfte in der Primar- und Sekundarstufe 1 stufenweise bis 2026 mit A 13 besoldet werden. Die Anpassung der Lehrergehälter ist vielleicht die größte finanzielle Einzelleistung in dieser Legislatur. Das ist ein wichtiges Signal.

Für die Eltern in NRW ist der Lehrermangel das größte Problem. Wie wollen Sie das lösen?

Lehrermangel ist in der Tat die größte Herausforderung. Mehr Studienplätze sind schon geschaffen, aber es dauert sieben Jahre bis die Lehrkräfte fertig sind. Ende des Jahres wird es ein Gutachten zur Lehrkräfteausbildung geben, das wir sorgfältig auswerten werden. Aber wir betrachten auch kurzfristig wirkende Maßnahmen. Wir haben zum Beispiel den Seiteneinstieg an der Grundschule erweitert. Wichtig ist dabei, dass Seiteneinsteiger auch gut qualifiziert werden und das machen wir.

Gymnasien und Gesamtschulen laufen am Limit. Es gibt immer mehr Vorgaben und eng getaktete Lehrpläne, die nie entschlackt werden, obwohl sich alle so danach sehnen. Warum ist das so schwierig, wo es doch gar kein Geld kostet, sondern nur Mut?

Das Bedürfnis nach Entlastung nehme ich sehr wohl wahr und daran arbeiten wir. Die Reduzierung der Klassenarbeiten in den Klassen 7 und 8 waren ein erster Schritt. Wir sind auch dabei, andere Lehrmethoden und alternative Prüfungsmodelle zu erarbeiten. Auch am Thema Lehrpläne arbeiten wir. Aber es ist nicht einfach zu definieren, was man weglassen kann, weil jeder sein Fach und seine Lerninhalte wichtig findet.

Bildung ist ein Feld mit vielen konservativen Beharrungskräften. Ist es da nicht Ihre Aufgabe als Ministerin, bei endlosen Debatten einfach zu definieren, was gestrichen wird?

Ich will die Menschen einbinden. Ich spreche viel mit Eltern, Lehrkräften und Schülern, weil sie die Experten sind. Aber es stimmt: Irgendwann muss auch entschieden werden. Meine Schritte auf dem Weg dahin sind analysieren, beteiligen, abwägen, entscheiden. Wenn ich alle Aspekte berücksichtigt habe, treffe ich eine Entscheidung. Und das kann sehr schnell gehen.

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