Ein Kölner will Hendrik Wüst bei der Landtagswahl 2027 schlagen: Jochen Ott wurde zum Spitzenkandidaten der SPD gekürt. Was macht ihn aus?
NRW-SPD kürt Ott zum Spitzenkandidaten„Jetzt hat Jochen den Job an der Backe“

Jochen Ott, künftiger Spitzenkandidat der NRW-SPD, reckt den Daumen hoch.
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Es wird nicht einfach. Aber der Politiker aus der „Abteilung Attacke“ hält die Aufgabe offenbar für lösbar. Jochen Ott, der Chef der SPD-Landtagfraktion aus Köln, soll NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bei der Landtagswahl im Mai nächsten Jahres besiegen. Der SPD-Landesvorstand gab die Weichenstellung am Freitag am Rande ihrer Klausurtagung in Düsseldorf bekannt. „Als ich 1992 in die SPD eingetreten bin, hätte ich mir nicht träumen lassen, irgendwann anzutreten, um Johannes Rau nachzufolgen“, sagte Ott. Das Vertrauen der Partei in seine Person erfülle in „mit Demut und Dankbarkeit“.
Seit Wochen war darüber spekuliert worden, wer für die SPD als Spitzenkandidat gegen Wüst ins Rennen gehen würde. Neben Ott waren auch die Namen von Landeschefin Sarah Philipp und von Garrelt Duin, dem früheren Wirtschaftsminister von NRW, genannt worden. „Der Jochen wollte es von allen am meisten“, sagte ein Mitglied des Landesvorstands dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Und fügte schmunzelnd hinzu: „Jetzt hat er den Job an der Backe.“
SPD liegt in Umfragen weit zurück
In aktuellen Umfragen liegt die SPD in NRW mit rund 20 Prozent derzeit klar hinter der CDU (36 Prozent). Deren Frontmann Hendrik Wüst gehört Umfragen zufolge zu den beliebtesten Politikern in Deutschland. Ein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, sei das aber nicht, heißt es bei den Sozialdemokraten. Dort erinnert man an die Landtagswahl 2010, als dem damaligen Amtsinhaber Jürgen Rüttgers (CDU) innerhalb von wenigen Monaten ein enormer Vorsprung abhandenkam. Am Ende wurde Hannelore Kraft (SPD) neue Regierungschefin. Die Genossen hoffen darauf, einen solchen Coup wiederholen zu können.
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Dabei setzt Ott – wie Kraft – auf eine bürgernahe, selbstbewusste und emotionale Ansprache. Er will die verlorenen Stammwähler auch durch eine hohe persönliche Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Otts Vater arbeitete im Fernmeldeamt, als Kind durfte er am 1. Mai oft die Fahne der Postgewerkschaft tragen. Die Mutter war in der Kirche aktiv. Mit seinem Freund, dem Kölner Armenpfarrer Franz Meurer, engagierte er sich lange in der Jugendarbeit in Kölner Problemvierteln. „Der Kampf um soziale Gerechtigkeit hat Jochen geprägt“, sagt ein Weggefährte. Chancengleichheit, bezahlbares Wohnen, Respekt vor Leistung gehörten zu seiner „politischen DNA".

Jochen Ott (SPD), Vorsitzender der Landtagsfraktion seiner Partei, spricht bei einer Plenarsitzung des Landtags von Nordrhein-Westfalen.
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Bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2022 hatte die SPD mit dem damaligen Spitzenkandidaten Thomas Kutschaty aus Essen ihr historisch schlechtestes Ergebnis (26,7 Prozent) erzielt. Nach der Ablösung von Hannelore Kraft als Ministerpräsidentin im Jahr 2017 hatte die SPD den Neustart verpasst und sich danach durch interne Machtkämpfe zwischen Kutschaty und seinem Widersacher, Ex-Parteichef Sebastian Hartmann, lange selbst geschwächt. Nun soll mit Ott das Comeback gelingen. Die Partei stehe geschlossen hinter ihm, heißt es – auch die Fans von Sarah Philipp und Garrelt Duin würden ihn unterstützen.
Bildungspolitik als Steckenpferd
Jochen Ott ist ein unprätentiöser Politiker. Er schaffte den schwarzen Audi A8 seines Vorgängers als Dienstwagen ab, seitdem fährt er mit einem elektrischen VW-Bully durchs Land. Das Steckenpferd des Gymnasiallehrers war lange Zeit die Bildungspolitik. „Da macht ihm keiner was vor“, heißt es in der SPD. NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) soll erleichtert gewesen sein, als der Kölner die Funktion des Chefanklägers mit seinem Wechsel auf den Sessel des Fraktionschefs abgab.
1985 hatte der damalige Ministerpräsident Johannes Rau das Rekordergebnis von 52,2 Prozent erzielt. NRW galt als die „Herzkammer der Sozialdemokratie in Deutschland“. Ähnlich gefeiert wurde 2012 das Abschneiden von Hannelore Kraft, die stolze 39,1 Prozent bekommen hatte. „Das zeigt, wie groß die Luft nach oben ist“, sagt ein Genosse. Oder sein könnte.
Das Problem: Das klassische Milieu der Industriearbeiter löst sich zunehmend auf. Große Teile der Mittelschicht – Lehrer, Beamte und Angestellte – sehen sich auch von CDU und Grünen repräsentiert. Beim Thema soziale Gerechtigkeit muss die SPD mit der Linkspartei konkurrieren. Und die vielen Unzufriedenen, die sich abgehängt und durch die Migration bedroht fühlen, sind vor allem im Ruhrgebiet in Scharen zur AfD abgewandert. „Jochen muss eine Schubumkehr erzeugen“, sagt ein SPD-Bürgermeister. „Das wird eine Herkulesaufgabe.“
Das weiß auch Jochen Ott. Hinzu kommt, dass Oppositionsparteien in der Regel nur dann eine Chance haben, den Amtsinhaber zu stürzen, wenn es eine Wechselstimmung gibt. Die Wüst-Regierung müsste selbst Fehler machen, die in einen erheblichen Image-Verlust münden würden. 2010 hatte die „Rent-a-Rüttgers“-Affäre und die Enthüllung peinlicher E-Mails aus dem Umfeld der Rüttgers-Vertrauten folgenschweren Schaden angerichtet. Wüst war damals als CDU-Generalsekretär für die Niederlage mitverantwortlich. Wüst, so heißt es bei der CDU, habe aus den Fehlern von damals gelernt, und sei jetzt „übervorsichtig“, sagt ein CDU-Staatssekretär. Solange seine Weste weiß bleibe, werde es Ott schwerfallen, den Ministerpräsidenten in Bedrängnis zu bringen. Umgekehrt berge das Saubermann-Image aber auch Risiken: „Auf einer weißen Weste stechen erste Flecken bekanntlich besonders scharf ins Auge“, so der Unions-Insider.
Gescheiterte OB-Kandidatur in Köln
Ott wäre nicht Ott, wenn er nicht an seine Chance glauben würde. Er weiß, wie sich Rückschläge anfühlen. 2015 scheiterte er in Köln mit seiner OB-Kandidatur, Hannelore Kraft machte ihn nie zum Minister. Erst, als die SPD am Boden lag, trauten ihm die Genossen eine Führungsposition zu – die Landtagsfraktion wählte ihn 2023 zum Vorsitzenden, zog ihn der Mitbewerberin Sarah Philipp vor. Ein Erfolg, der Ott mit dem Selbstvertrauen ausstattete, sich jetzt in das Duell gegen Wüst zu wagen.
Der Einsatz ist hoch. Sollte Ott eine Schlappe erleben, dürfte er als Wahlverlierer wohl auch seinen jetzigen Job als Oppositionsführer los sein. Doch Jochen Ott mag keine Schwarzmalerei, er betont gerne, dass er die Zukunft optimistisch sieht. Dass man auch in einer vermeintlich aussichtslosen Lage punkten kann, bewies er schon als Achtklässler. Bei der Schülersprecherwahl kickte Ott einen klar favorisierten Oberstufenschüler aus dem Rennen. Alle Kleinen hatten ihn gewählt.

