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Ordnungsamt-MitarbeiterWenn der Alltag eskaliert

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02.12.2025, Köln: Weihnachtsmärkte 2025: Der Weihnachtsmarkt „Markt der Engel“ auf dem Neumarkt. 
Ordnungsamt. Foto: Martina Goyert

Mitarbeiter des Kölner Ordnungsamts bei einer Kontrolle auf dem Weihnachtsmarkt

In Remscheid ermittelt eine Mordkommission, andernorts werden kugelsichere Westen und Notrufknöpfe eingesetzt: Mitarbeitende des Ordnungsamtes erleben zunehmend Bedrohungen und körperliche Übergriffe.

Als der 49-Jährige vor dem Wagen steht, ist es noch ein Gespräch, wie es Tausende Male am Tag in deutschen Städten beginnt: zwei Mitarbeiter des Ordnungsdienstes, ein Autofahrer, ein falsch geparktes Fahrzeug, eine Ordnungswidrigkeitenanzeige. Dann geht alles schnell. Der Mann reagiert nicht auf die Ansprache, steigt ein – und fährt mit Vollgas los. Der städtische Mitarbeiter wird auf die Motorhaube geladen und zur Seite auf die Straße geschleudert, später ins Krankenhaus gebracht. Der Fahrer flieht.

Es ist ein Fall, der in seiner Brutalität hervorsticht – und zugleich in ein Muster passt. Ordnungsämter, kommunale Vollzugsdienste, Verkehrsüberwacher: Wer kontrolliert, mahnt, sanktioniert, greift in den Alltag ein. Und wer das tut, wird immer öfter angefeindet, bedroht oder angegriffen.

Routineeinsätze können schnell kippen

Der Ordnungsdienst ist das Gesicht des Staates im ganz Nahen – nicht abstrakt, sondern an der Windschutzscheibe, an der Kneipentür, am Spielplatz. Die Mitarbeitenden vertreten den Staat im Alltag, sind aber zugleich nah genug, um zur Projektionsfläche zu werden. In der öffentlichen Wahrnehmung werden sie gern auf das reduziert, was am sichtbarsten ist: Strafzettel, Parkkontrollen, „Knöllchen“. Tatsächlich aber umfasst der kommunale Vollzugsdienst ein breites Spektrum: Jugendschutz, Einsätze auf Festen, Kontrollen bei Gewerbe und Veranstaltungen, teils auch Aufgaben in der Bekämpfung von Schwarzarbeit.

Dabei richtet sich der Ärger selten gegen die Vorschrift, aber fast immer gegen den Menschen, der sie durchsetzt. Und die sind „leichte Beute“ für Aggression, die sich oft spontan entlädt. Denn die Mitarbeitenden im Vollzugsdienst sollen Regeln durchsetzen, ohne die Mittel und die Autorität einer Polizei zu besitzen. Sie sind nah dran, aber nicht „Kümmerer“. Hoheitlich, aber im Alltag häufig allein.

Der Angriff in Remscheid zeigt, wie schnell ein Routinekontakt kippen kann. Es gibt keine langen Drohungen, kein Wortgefecht, keine Vorwarnung. Der Vorgang jedoch wirkt wie ein Verkehrsunfall mit Vorsatz. Genau deshalb ermittelt in solchen Fällen häufig nicht nur eine Streife, sondern eine Mordkommission: Wer ein Auto als Waffe einsetzt, nimmt schwere Verletzungen bis hin zum Tod in Kauf.

Remscheid ist kein Einzelfall

Übergriffe auf Ordnungsamtsmitarbeiter sind in Deutschland ein zunehmendes Problem. Genauere Zahlen gibt es zwar nicht, weil die Fälle schon von Stadt zu Stadt, geschweige denn bundesweit, vollkommen unterschiedlich erhoben werden. Und Arbeitnehmervertreter wie die Vize-Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Maren Diebel-Ebers, betonen immer wieder, dass es bei dem Thema eine sehr hohe Dunkelziffer gebe. Aber die zunehmend zahlreicher werdenden Einzelfälle, die bekannt werden, zeichnen ein deutliches Bild. 

Ende März 2026 beispielsweise wird in Neunkirchen ein 31‑jähriger Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsdienstes angegriffen, als er aus dem Auto steigt. Mehrere Unbekannte bringen ihn zu Boden, schlagen und treten auf ihn ein, dann fliehen sie. Der Mann wird ambulant im Krankenhaus behandelt.

Den Mitarbeiter des Ordnungsamtes ins Gesicht gebissen

Weitere Beispiele aus den vergangenen Jahren zeichnen eine bedrückende Landkarte: Im nordrhein-westfälischen Rüthen bedrohte ein Mann einen Ordnungsamtsmitarbeiter mit dem Tod und schlug ihm ins Gesicht. Der Mitarbeiter hatte den Mann angesprochen, weil dieser auf einer abgesperrten Wiese saß. In Berlin biss ein 30-jähriger Mann einem Ordnungsamtsmitarbeiter bei einer Kontrolle wegen einer weggeworfenen Zigarettenkippe ins Gesicht. Der Angreifer schlug mehrfach mit der Faust zu, und als der Mitarbeiter Reizstoff einsetzte, umklammerte ihn der Mann und biss ihn. In Hamburg wurden zwei Ordnungsamtsmitarbeiter bei einem Einsatz nach einem Wasserrohrbruch von Hausbewohnern angegriffen. Eine 56-jährige Frau trat einen Mitarbeiter heftig, seine Kollegin erhielt einen Schlag ins Gesicht. Beide mussten im Krankenhaus behandelt werden

Ein Fall in Düsseldorf, der 2023 vor Gericht verhandelt wurde, zeigt, wie glimpflich die Täter meist davonkommen, wenn sie dingfest gemacht werden. Ein 63-jähriger Vater und sein 34-jähriger Sohn wurden angeklagt, nachdem sie eine  24-jährige Ordnungsamtsmitarbeiterin und ihren 29-jährigen Kollegen beleidigt, angegriffen, geschlagen und verletzt haben sollen. Der Sohn hatte den Ermittlungen zufolge sogar damit gedroht, die Ordnungsdienst-Mitarbeiter zu erschießen. Die städtischen Mitarbeiter hatten zuvor versucht, eine Schlägerei vor einer Kneipe zu beenden. Der  63-jährige Busfahrer indes wurde freigesprochen, sein Sohn, ein Heizungsbauer, erhielt eine Geldstrafe von 2400 Euro. Beide Angeklagte hatten behauptet, nach einer feucht-fröhlichen Feier total betrunken gewesen zu sein und sich an den Vorfall nicht erinnern zu können.

Was Kommunen tun: Schleusen, Notrufknöpfe, Security

Die Reaktion vieler Städte ist längst nicht mehr nur der Appell an mehr Respekt. Verwaltungen verändern ihre Gebäude und Abläufe, als müssten sie sich gegen eine diffuse Bedrohung wappnen. Gebäude dürfen nur noch nach vorheriger Terminvereinbarung betreten werden. Dazu kommen technische Lösungen: interne Hilferufe über Computer oder Telefon, Notrufknöpfe in bestimmten Behördenbereichen, Alarmierungssoftware, Schleusen an Anmeldungen, Transponder an Außentüren. 

Wie weit die Logik des Selbstschutzes reicht, zeigt Schwerin: Dort tragen Außendienstkräfte des Ordnungsamtes seit 2022 kugelsichere Westen. Die Stadt begründete das mit zunehmenden Verbalattacken und Gewaltbereitschaft, die man zuletzt auf größeren Veranstaltungen festgestellt habe. Die Westen seien rund 2,2 Kilogramm schwer und sollten vor Schüssen sowie vor Hieb- und Stichattacken schützen.

Der Remscheider Täter wurde ausfindig gemacht

Im Remscheider Fall hat die Polizei inzwischen einen Verdächtigen ermittelt: Ein 28‑Jähriger sei identifiziert worden, ein Zeugenhinweis habe den Durchbruch gebracht, bei einer Durchsuchung seien unter anderem Mobiltelefon und Führerschein sichergestellt worden, in der Vernehmung habe der Mann die Tat eingeräumt. Gegen ihn bestehe nun der dringende Verdacht des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, der gefährlichen Körperverletzung sowie des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte.