Viele Exil-Iraner haben Verwandte im Iran. Das Ärzte-Netzwerk Parsimed hilft Verletzten aus Deutschland.
Proteste im IranÄrztinnen helfen mit Online-Sprechstunden aus NRW

Dieses Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen. Seit mehr als zwei Wochen demonstrieren Iraner gegen die autoritäre Führung ihres Landes.
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Vor einem Jahr, am 13. Januar 2025, kam die Kölnerin Nahid Taghavi nach mehr als vier Jahren in iranischer Haft frei. „Wie fast alle Exil-Iraner ist meine Mutter gerade schlaflos im Exil. Bestürzt über die Brutalität, mit der das Regime gegen die Demonstranten vorgeht, und voller Hoffnung, dass die Zeit der Unterdrückung bald vorbei sein könnte“, sagt ihre Tochter Mariam Claren. Frauenrechtlerin Taghavi, die im Evin-Gefängnis die Gemeinschaftszelle mit Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi teilte, äußert sich seit ihrer Rückkehr nach Köln nicht öffentlich zur politischen Lage. „Sie ist aber jeden Morgen meine erste und wichtigste Ansprechpartnerin und ständig mit Menschen im Iran im Kontakt“, sagt Claren.
Menschenrechtsorganisationen sprachen zuletzt von mindestens 3400 Toten im Zuge der Proteste im Iran, die in den letzten Tagen des vergangenen Jahres begannen. „Wahrscheinlich sind es deutlich mehr. Das Exilmedium Iran International hat am Dienstag die Zahl von 12.000 Toten genannt und spricht von verifizierten Quellen“, sagt Claren.
Wir können nicht wissen, wie viele Opfer es tatsächlich gibt, aber es ist sicher, dass es weit mehr sind als bekannt
„Alle verlässlichen Quellen, mit denen wir im Kontakt sind, sprechen von einem beispiellosen Massaker. Es wird gezielt mit scharfer Munition auf Demonstranten geschossen, Leichen werden in Transportern abtransportiert, erzählte uns eine Informantin. Wir können nicht wissen, wie viele Opfer es tatsächlich gibt, aber es ist sicher, dass es weit mehr sind als bekannt.“ Besonders perfide sei es, dass das Regime die Morde damit begründe, dass es sich bei den Demonstranten um „Terroristen“ handele. „Bei der Frauen-Leben-Freiheit-Bewegung hatten sie noch von Spionen gesprochen. Die Wortwahl und die Brutalität zeigen, wie sehr das Regime unter Druck steht“, so Claren.
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Mariam Claren (r.) mit ihrer Mutter Nahid Taghavi nach deren Rückkehr am Köln-Bonner-Flughafen vor genau einem Jahr.
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Bilder und Videos, die unserer Redaktion aus verlässlichen Quellen zugespielt wurden, zeigen schwerstverwundete Menschen mit Kopfverletzungen, die wiederbelebt werden, Menschen in Panik. Die Bilder und Videos von in Straßen aufgereihten Leichen sind bekannt.
Arezu, eine Studentin aus der Stadt Karaj, war im Zuge der Demonstrationen der Frauen-Leben-Freiheit-Bewegung angeschossen worden. Schon vor drei Jahren hatte sie dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ von den Repressionen des Regimes erzählt. Journalist Said Boluri, aktiv für den Kölner Menschenrechtsverein Stimmen der Solidarität, ist regelmäßig mit ihr und anderen Demonstrierenden im Iran in Kontakt. Arezu erzählt von „Zivilkräften des Regimes, die plötzlich mitten aus der Menge jemanden zusammenschlagen und festnehmen“. Sie verwendeten Tränengas und Schrot, schössen willkürlich. „Sie schauen nicht darauf, ob jemand alt ist, jung oder noch minderjährig – ohne Zögern schießen sie einfach. Einer der Schergen hat direkt auf mein Gesicht gezielt. Ich habe mich umgedreht und bin weitergerannt.“ Täglich rechne sie damit, verhaftet oder getötet zu werden, wolle aber weiter demonstrieren, „bis es vorbei ist mit der Unterdrückung“.
Verletzte gehen nicht ins Spital, weil sie Angst haben, verhaftet zu werden
Die Essener HNO-Ärztin Shabnam Fahimi-Weber hat vor wenigen Tagen via Facetime einen jungen Mann mit Schussverletzungen an Bein und Arm beraten. „Wie die meisten nicht lebensgefährlich verletzten Demonstranten ist er nicht in ein Krankenhaus gegangen, weil er Angst hatte, dort verhaftet zu werden“, sagt Fahimi-Weber, die zu den Initiatorinnen des Netzwerks Parsimed gehört, das seit 2022 Verletzten aus dem Iran hilft. Nicht nur, dass das Regime mit scharfer Munition auf Demonstranten schieße: Angeschossene und schwer verletzte Menschen würden vom Regime aus Krankenhäusern abtransportiert und verschwänden.

Shabnam Fahimi-Weber
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Das Netzwerk Parsimed, in dem sich rund 40 Ärztinnen und Apotheker mit iranischen Wurzeln organisiert haben, erhält ständig Hilfsanfragen von Verwundeten im Iran. Neben ihrer Arbeit als HNO-Ärztin und jener als CEO für ein Software-Unternehmen berät Fahimi-Weber täglich Menschen, die zusammengeschlagen wurden, Knochenbrüche oder Schussverletzungen haben. „Die Online-Sprechstunden sind anstrengend und sehr aufwühlend. Die Bilder und Gespräche bekomme ich nachts nicht mehr aus dem Kopf“, sagt sie.
Noch belastender als die Bilder und Gespräche sei die Funkstille gewesen: Donnerstag vor einer Woche war fast der ganze Iran plötzlich vom Internet abgeschnitten, das Regime hatte den Zugang gesperrt. Zwei Tage später gab es über Satellitenverbindungen wieder Kontakt.
Die Fachleute von Parsimed vermitteln private Kontakte zu Fachärzten und Zugänge zu Medikamenten, veranlassen Spenden, schätzen die Schwere von Verletzungen ein, organisieren Transporte zu Kliniken, die nicht vom Regime überwacht werden. Der Mut der Menschen im Iran, sagt Shabnam Fahimi-Weber, sei bewundernswert. Pfleger und Ärztinnen, die Kontakt zu Regimegegnern im Exil halten und Demonstrierende behandeln, begeben sich selbst in Lebensgefahr. „Für uns in Deutschland ist es leicht, etwas zu tun, wir haben nichts zu befürchten“, sagt Fahimi-Weber.
Die Chancen auf einen Regimewechsel im Iran sind viel größer als bei der Frauenrechtsbewegung, die nach dem Mord an Jina Mahsa Amini im Herbst 2022 begann
Mariam Claren hatte nach der Inhaftierung ihrer Mutter ihren Job im Marketing aufgegeben, um sich ganz der Menschenrechtsarbeit für politische Gefangene widmen zu können. Sie arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Hawar Help, die in engem Austausch mit vielen Menschen im Iran steht. „Auch wenn die Proteste brutal niedergeschlagen werden, gehen sie weiter“, betont Claren. „Die Chancen auf einen Regimewechsel im Iran sind viel größer als bei der Frauenrechtsbewegung, die nach dem Mord an Jina Mahsa Amini im Herbst 2022 begann.“ Hawar Help und Parsimed fordern härteste Sanktionen der Bundesregierung gegen das iranische Regime. Botschaften im Iran müssten geschlossen, der iranische Botschafter in Deutschland ausgewiesen, jeder Handel eingestellt werden. „Es braucht jetzt alle Unterstützung aus dem Westen, um die Zeit des islamischen Terrorregimes im Iran zu beenden“, sagt Claren. „Jetzt ist die Chance dazu da.“
