28 Städte, Verbot, Durchsuchungen: Der Staat setzt ein Zeichen. Doch ohne langen Atem wird aus dem Zugriff nur Symbolpolitik.
Rocker-Razzia im RheinlandDer Staat im Schlafzimmer


Ein Mitglied der Rockergruppe Hells Angels auf seinem Motorrad.
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Der Zugriff am frühen Morgen ist mehr als Polizei-Handwerk gegen eine Rocker-Bande, er ist politische Zeichensetzung. Wenn in 28 Städten Türen aufgehen, wenn ein Charter verboten und aufgelöst wird, dann soll das nicht nur Beweismittel sichern, sondern eine Ordnung behaupten: Wer sich kriminell vernetzt, soll für Ermittler greifbar, aufklärbar, beweisbar werden. Durch Akten, Durchsuchungen, Verbote, Beschlagnahmen. Der Staat setzt einen vorübergehenden Schlusspunkt hinter eine Entwicklung, die sich sonst gern als Gerücht, Drohung und Mythos fortschreibt.
Man kann das für Symbolpolitik halten. Und ja: Vereinsverbote sind keine Zauberformel. Wer glaubt, man könne mit einem Verbot Loyalitäten, Schulden, Eitelkeiten und kriminelle Geschäftsmodelle ausradieren, unterschätzt das Milieu. Selbst der Innenminister räumt ein, dass solche Verbote das Problem nicht allein lösen. Genau darin liegt aber auch ihre Berechtigung. Der Rechtsstaat darf nicht warten, bis aus Einschüchterung Gewöhnung wird. Er muss zeigen, dass Gewaltökonomien nicht nur geduldet, sondern adressiert werden.
Der Staat muss mehr können, als Türen aufzubrechen
Nur reicht Adressieren nicht. Eine Razzia erzeugt Druck, doch Druck ohne langen Atem verpufft. Was folgt, entscheidet: konsequente Finanzermittlungen, Schutz für Zeugen, Störung von Waffen- und Drogenströmen, Präsenz dort, wo Rekrutierung stattfindet.
An diesem Dienstag stand der Staat also mit einem Durchsuchungsbefehl im Schlafzimmer der Rocker, wie Innenminister Herbert Reul es formuliert. Wenn sich Rückzugsräume aber längst nicht mehr nur in Clubhäusern finden, sondern auch in Erzählungen, Netzwerken und Loyalitäten, dann reicht es nicht, Türen aufzubrechen. Der Staat muss diese Strukturen ebenso gezielt auflösen.
