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Bestand auf RekordhochDas Schaf in NRW vermehrt sich stark – und trotzt den Wolfsangriffen

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ARCHIV - 05.01.2024, Nordrhein-Westfalen, Frille: Schafe laufen im dunstigen Tageslicht über einen Acker in Frille in Ostwestfalen. Foto: Boris Roessler/dpa

In NRW wurden zuletzt mehr als 150.000 Schafe gezählt – ein Rekordhoch.

Der Schafbestand in NRW hat einen neuen Höchststand erreicht. Woran das liegt und was Schäfern neben dem Wolf Sorgen bereitet.

Schafe leben nicht ganz ungefährlich. Sind sie doch diejenigen Nutztiere, die mit Abstand am häufigsten von Wölfen angegriffen werden. Im Jahr 2022 wurden in Deutschland insgesamt 3778 Schafe durch Wölfe getötet oder verletzt. Die Zahlen steigen seit dem Jahr 2000 kontinuierlich an, wie eine Statistik der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf zeigt. Besonders angesichts dieser Bedrohungslage überraschen die Daten, die das Statistische Landesamt IT.NRW jetzt vorlegte. Denn das Schaf ist nicht gefährdet, es vermehrt sich.

Der Schafbestand in Nordrhein-Westfalen ist auf einen neuen Höchststand gestiegen,  melden die Statistiker. Im vergangenen Jahr wurden in 1290 nordrhein-westfälischen Betrieben mehr als 150.000 Schafe gehalten. Seit dem Jahr 2013 entspricht das einem Plus von 15,9 Prozent. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Steigende Beliebtheit der Schafzucht: Was die Schafhaltung in NRW fördert

„Es gibt immer mehr Menschen, die neu in die Schafhaltung einsteigen und Schafe im kleinen Rahmen halten, sei es als Haustier oder Nebenerwerb“, sagt Michel Blechmann, Referent für kleine Wiederkäuer und Weiterbildung bei der Landwirtschaftskammer NRW und selbst Schafhalter. Diese Gruppe würde allerdings nur einen kleinen Teil des Zuwachses ausmachen. Wahrscheinlicher sei, dass die bereits bestehenden Herden in NRW gewachsen sind, durch Nachwuchs und Zukauf.

Die verbesserte Prämiensituation habe den Zukauf von Tieren angekurbelt, sagt Blechmann. Im vergangenen Jahr erhielten Schafhalter erstmalig eine Mutterschafprämie. Die Summe in Höhe von 34 Euro kann für jedes weibliche Schaf beantragt werden, das mindestens 10 Monate alt ist und am Stichtag des 1. Januar eines Jahres gehalten wird. 

„Die Prämie motiviert dazu, mehr Lämmer oder weibliche Schafe zu halten, da sie mit anderen Schafprämien kombiniert werden kann“, sagt Blechmann. So gebe es auch eine Prämie zur Erhaltung gefährdeter Schafsrassen, sie betrage 30 Euro pro Tier. „Das fördert natürlich die Schafhaltung“, so der Schafexperte.

Wie werden Schafe in NRW gehalten?

In NRW gibt es unterschiedliche Haltungsformen, die gängigste ist die Koppelschafhaltung. Dabei werden meist zwischen fünf und 150 Schafe auf einer fest eingezäunten Koppel oder Wiese gehalten, sagt Markus Barkhausen, Fachberater für Schafhaltung beim Schafzuchtverband Nordrhein-Westfalen.

Manche Halter entschieden sich für den Netzbetrieb. Bei dieser Methode werden die Tiere auf einer Weide gehalten, die mit flexiblen, möglicherweise elektrischen Netzen eingezäunt ist. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Schäfer bei dieser Form für bis zu 23 Stunden abwesend ist“, sagt Barkhausen. Dennoch sei der Schäfer dafür verantwortlich, die Herde zur nächsten Weidefläche zu führen und die Netze dort entsprechend aufzustellen.

Der Hütebetrieb, bei dem der Wanderschäfer seine Tiere etwa an Rheindeichen weiden lässt, wie es zum Beispiel im Kölner Grüngürtel mehrmals im Jahr zu beobachten ist, stellt eine dritte Haltungsform dar. Die Schafe kommen abends in einem nahegelegenen kleinen Pferch unter, und beweiden am nächsten Tag die nächste Fläche.

Große Stallanlagen, wie es sie etwa für Rinder gibt, seien für Schafe selten notwendig. „Einige wenige Schäfereien verfügen über große Stallhallen. Insbesondere in Gebieten mit langen kalten Wintern ist das zum Schutz der Tiere sinnvoll“, sagt Barkhausen. Die meisten Schafe würden aber nur die drei bis vier Wochen der Lammzeit im Stall gehalten. Ansonsten fühlten sich die Tiere draußen am wohlsten.

Der Wolf: Eine wachsende Bedrohung für die Schafhaltung in NRW

Dort lauert allerdings auch der Wolf. Er gilt als größte Gefahr für die Schafe. „Schutzmaßnahmen vor Wolfsrissen wie Elektrozäune oder Herdenschutzhunde sind kostspielig und arbeitsintensiv und könnten in den kommenden Jahren insbesondere kleinere Schafhalter ruinieren“, sagt Blechmann.

Und: Zäune seien keine Schutzgarantie gegen Wölfe. „Im Weseler Raum, wo das Schermbecker Wolfsrudel unterwegs ist, haben die Schäfer hohe und gut gebaute Zäune errichtet. Die Wölfe haben es trotzdem geschafft, Schafe zu reißen.“

Auch Wölfe müsse man schützen, dennoch sind sich laut Blechmann die Schafhalter weitgehend einig: Wölfe, die wiederholt Schafe oder andere Weide- und Nutztiere angreifen, müssen reguliert werden. „Das kann nur durch politische Mittel erreicht werden“, so der Schafexperte.

Nachwuchssorgen: immer weniger Schäfer könnten zum Problem werden

Trotz der steigenden Anzahl der Tiere sind Schafhalter in NRW eher Mangelware. Nachwuchs sei aber nötig. „Stellen wir uns vor, es gäbe keine Schäfer mehr. Das hätte weitreichende Folgen“, sagt Blechmann. Alles Lammfleisch müsste aus dem Ausland importiert werden.

Zudem hätte man beim Thema Landschaftspflege und Naturschutz eine Sorge mehr. „Schafe beweiden viele Flächen, die sonst nur mit hohem Aufwand maschinell gepflegt werden könnten. Dies betrifft nasse Standorte, Moorstandorte, extreme Steil- oder Schräglagen in den bergischen Gebieten oder der Eifel, sowie Deiche in NRW“, sagt Blechmann. Ohne Schäfer würden die Kosten dafür also deutlich steigen.

Zudem gelten Schafe auch als Bewahrer von Biodiversität, als Naturschützer auf vier Beinen. Schließlich tragen sie durch das Abgrasen der Wiesen zum Erhalt von Kulturlandschaften bei.  Mit ihren Hufen sorgen die Tiere außerdem dafür, dass die Erosion der Böden verhindert wird.

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