NRW ist SpitzenreiterLandtag streitet über die größten Schulklassen Deutschlands

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Erstklässler der 1A melden sich am 20.08.2014 während ihrer ersten Unterrichtsstunde in der Henri-Dunant-Schule in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen). Vorne steht ihre Klassenlehrerin Melanie Beaucamp.

Erstklässler während ihrer ersten Unterrichtsstunde an einer Düsseldorfer Schule. (Archivbild)

Mit 23,5 Kindern pro Klasse hat NRW die größten bundesweit. Versagt die Landesregierung?

Dritte Stunde in der Gertrudis-Grundschule in Wattenscheid. Im Deutschunterricht geht es darum, Sätze zu bilden. Keine leichte Aufgabe für die Schüler  – auch die Lehrerin steht vor einer Herausforderung. 80 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. In der Klasse sind 30 Kinder. „Viel zu viel“, sagt Franziska Müller-Rech, schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion.

In der Schuldebatte im Düsseldorfer Landtag zu den Klassengrößen in NRW schilderte Müller-Rech ihre Eindrücke vom Besuch in der Brennpunktschule. „Mit durchschnittlich 23,5 Kindern pro Klasse ist NRW Spitzenreiter“, kritisierte die Liberale.  Der Bundesdurchschnitt liege bei 20,9. Diese Zahlen veröffentlichte das Statistische Landesamt in der vergangenen Woche.

Klassen werden in Zukunft noch größer

Ein weiteres Problem: Aus den bisherigen Statistiken geht hervor, dass die Schülerzahlen in NRW deutlich stärker ansteigen als die Lehrerstellen. „Die Klassen werden in Zukunft also noch größer. Diese Entwicklung gefährdet die Bildungsqualität der Schülerinnen und Schüler in NRW. Denn auf individuelle Stärken und Schwächen kann nicht mehr eingegangen werden“, so Müller-Rech. 

Eine der Ursachen für die „proppenvollen“ Klassen ist nach Ansicht der FDP der Lehrermangel. In ihrem Antrag fordern die Liberalen bis zum Ende dieser Legislaturperiode nicht wie geplant 10.000, sondern bis zu 16.674 Lehrkräfte zusätzlich. Die schwarz-grüne Landesregierung habe seit Amtsantritt kaum Erfolge eingefahren zu haben – Vorschläge wie die Einschränkung der Teilzeitarbeit für Lehrer würden im realen Schulalltag nur wenig Wirkung zeigen. 

Schulministerin Dorothee Feller weist Vorwürfe zurück

Die Landesregierung wies die Vorwürfe der FDP zurück. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) sagte, es sei „wenig sinnvoll, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen“, die heutige Situation der Schulen in NRW sei das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung, „die man nicht auf Knopfdruck umkehren kann.“ Eine Verbesserung könne also nicht von heute auf morgen eintreten. Außerdem habe die Regierung bereits wirksame Maßnahmen umgesetzt, wie die Einstufung von Grundschullehrerinnen und -lehrern in die Besoldungsstufe A13.

Auch der SPD-Abgeordnete Frank Müller berichtete von seinen Erfahrungen bei einem Schulbesuch im Essener Osten. Eine Pädagogin sei bei einem Gespräch in großer Runde in Tränen ausgebrochen. „Nicht etwa, weil sie an ihre eigenen Grenzen gestoßen sei. Sondern weil sie es nicht mehr schaffe, auf die Bedürfnisse ihrer Schüler einzugehen.“ Es dürfe nicht sein, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer für die Fehler der Politik verantwortlich fühlen. Die Landesregierung sei auch für die mentale Gesundheit ihrer Lehrkräfte verantwortlich.

Die CDU-Abgeordnete Claudia Schlottmann verteidigte die Ministerin und verwies darauf, dass die Lehrerausbildung sieben Jahre dauere. Die Studierenden, die 2018 angefangen haben, würden also erst 2025 in den Beruf einsteigen. „Diese Zeit müssen wir jetzt noch überbrücken“, sagte Schlottmann. Es sei gelungen, 100.000 Kinder aus Flüchtlingsfamilien zu integrieren, hieß bei der CDU. 

Prognosen aus dem Jahr 2012 waren davon ausgegangen, dass die Schülerzahlen in NRW zurückgehen würden. Lena Zingsheim-Zobel, schulpolitische Sprecherin der Grünen, forderte die Opposition auf, „die Ärmel hochkrempeln“, statt  „immer nur auf Missstände hinzuweisen“. 

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