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Tierschützer befürchten MassensterbenWarum 2026 zum Killer-Winter für unsere Igel werden kann

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Viele Igel werden durch milde Temperaturen oft zu früh aus dem Winterschlaf aufgeweckt.

Viele Igel werden durch milde Temperaturen oft zu früh aus dem Winterschlaf aufgeweckt. 

Die Igel-Population in NRW ist durch die Temperaturschwankungen in diesem Winter akut bedroht. Umweltminister Oliver Krischer (Grüne)  spricht von einer „sehr ernsten Lage“.

Susanne Mitlacher leitet die Wildtierstation auf Gut Leidenhausen in Köln-Porz. Dort werden derzeit 25 Igel aufgepäppelt, die ohne Hilfe verendet wären. „Wir haben mehr als doppelt so viele Igel wie sonst um diese Jahreszeit in Pflege“, sagt die Tierärztin im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Vor wenigen Tagen wurde ein Tier abgegeben, dass nur noch 300 Gramm wog“, berichtet Mitlacher. Der Igel war viel zu früh aus dem Winterschlaf erwacht und hatte keine Nahrung gefunden. „Ein Problem, das uns in diesem Jahr besonders zu schaffen macht“, so die Veterinärmedizinerin.

Der Winter 2025/2026 verlangt der heimischen Tierwelt viel ab. „Vor Weihnachten hatten wir im Rheinland untypisch milde Temperaturen für die Jahreszeit“, erklärt Susanne Mitlacher. „Wenn die Werte ein paar Tage hintereinander bei über 10 Grad liegen, wachen viele Igel verfrüht aus dem Winterschlaf auf“, sagt die Tierschützerin. „Aber sie finden keine Nahrung. Laufkäfer sind noch nicht unterwegs. Und die Schnecken, die sie verspeisen, sind oft von gefährlichen Parasiten besetzt.“

Igel können einen harten Winter am besten dann überstehen, wenn sie durchschlafen. Milde Winter könnten sie sogar wach überleben, wenn sie genug Nahrung finden würden. Die Kombination aus „Wachwerden durch Wärme“ und „Nahrungsmangel durch plötzlichen Frost“  kann jedoch zu einem lebensbedrohlichen Kraftakt werden.

Tierschützer befürchten, dass wegen der Achterbahnfahrt der Temperaturen in NRW in diesem Frühjahr mit einer höheren Sterblichkeit bei Jungigeln zu rechnen ist, die mit zu wenig Gewicht in den Winter gegangen sind und nun ihre letzten Reserven durch zu frühes Aufwachen aufgebraucht haben. Eine besorgniserregende Entwicklung, denn die Lage ist ernst. Seit Ende 2024 wird der Westeuropäische Igel auf der Weltnaturschutzliste (IUCN) offiziell als „potenziell gefährdet“ geführt. In NRW steht er auf der Vorwarnliste der Roten Liste, wobei Experten eine Hochstufung in die Kategorie „gefährdet“ befürchten.

Der Winterschlaf ist kein gewöhnlicher Schlaf, sondern ein Zustand extremer Stoffwechselabsenkung. Tiere wie der Igel oder der Siebenschläfer senken ihre Körpertemperatur von etwa 37 Grad Celsius auf bis zu 5 Grad Celsius. Ihr Herzschlag sinkt von 200 auf unter 10 Schläge pro Minute.

Tierärztin Susanne Mitlacher mit einem Igel.

Tierärztin Susanne Mitlacher mit einem Igel.

Das Problem: Steigen die Temperaturen über 10 Grad Celsius, signalisiert der Körper: „Der Frühling ist da.“ Das Aufwachen verbraucht enorm viel Fettreserven, da der Körper „hochgeheizt“ werden muss. Ein plötzlicher Kälteeinbruch kann zur tödlichen Falle werden. Sie schlafen oft geschwächt wieder ein und wachen im schlimmsten Fall im echten Frühling nicht mehr auf, weil die Energiedepots nicht mehr gefüllt sind. Die Igelschützer blicken mit großer Sorge auf die Wetterprognosen: Sollte es im Februar anhaltend kalt bleiben, könnte es zu einem Massensterben bei den zu früh aufgewachten Tieren kommen.

Auch NRW-Umweltminister Oliver Krischer spricht von einer „sehr ersten“ Lage. „Unsere heimische Tierwelt ist eigentlich ein Meister der Anpassung“, sagte der Grüne im Gespräch mit unserer Zeitung. „Doch die Geschwindigkeit und Heftigkeit, mit der sich milde Phasen und extreme Kälteeinbrüche in diesem Winter in Nordrhein-Westfalen abwechseln, bringt selbst Spezialisten wie den Igel oder unsere Amphibien an ihre Grenzen“, so der Politiker aus Düren. „Es ist, als würde man einen Motor im Winter ständig kalt starten und wieder abstellen - das kostet Substanz“, erläutert der Umweltminister. Gartenbesitzer könnten den Tieren helfen, wenn sie ihnen geschützte Ecken einräumen. „Ein einfacher Laubhaufen für Igel oder eine offene Scheunentür für die Schleiereule können in diesen Tagen den Unterschied zwischen Leben und Tod machen“, sagt Krischer.

Nicht nur die Temperaturschwankungen im Winter machen dem Igel zu schaffen. Eine zentrale Ursache für den Zusammenbruch der Populationen sei auch die „zunehmende Zerschneidung und Fragmentierung der Landschaft durch Straßen und andere Versiegelungen“, sagt Holger Sticht,  Chef des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Hinzu kämen „Schwachsinnigkeiten wie Mäh-Roboter“. Da gebe es in Köln zwar inzwischen ein Nachtfahrverbot. „Das verhindert aber leider nicht, dass am Tage Insekten und ihre Stadien, Regenwürmer, Spinnen und andere Igel-Nahrung permanent zerschreddert wird“, so Sticht. Das Insektensterben in Folge der Vergiftung und Eutrophierung der Landschaft könnte eine weitere Ursache sein.

Der ebenfalls nachtaktive heimische Siebenschläfer ist übrigens resilienter, was Temperaturschwankungen im Winter angeht. Er schläft oft sieben Monate am Stück tief unter der Erde oder in gut isolierten Baumhöhlen und reagiert weniger nervös auf kurze Wärmeperioden als der Igel. Dennoch: Wenn er durch anhaltende 12 bis 15 Grad im Dezember wach wird, ist der jetzige Frost ein massives Problem für die Fettreserven der besonders geschützten Tiere.

Der Verein „Kleine Wilde in Not“ kümmert sich im Rhein-Sieg-Kreis um die Igel-Pflege. Die Tierschützer haben eine Hotline eingerichtet, bei der oft mehrfach am Tag Igel in Not gemeldet werden. „Ein Igel, der sich tagsüber zu dieser Jahreszeit zeigt, benötigt auf jeden Fall Hilfe“, sagt Organisator Axel Vey.  Der Naturfreund empfiehlt, die Tiere mit einem alten Handtuch einzufangen und dann in einem Karton zu einer Auffangstation zu bringen. „Das ist eine sehr gute und schonende Methode, um die Igel zu sichern, ohne dass es die Tiere stresst und sich an den Stacheln verletzt“.