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Als Sanitäter im Ukraine-KriegAn der Front manisch, im Alltag depressiv

6 min
Der deutsche Sanitäter Alexander Gertz dient für die ukrainische Armee im Donbass. Jetzt hat er ein Buch über das Leben an der Front geschrieben.

Der deutsche Sanitäter Alexander Gertz dient für die ukrainische Armee im Donbass. Jetzt hat er ein Buch über das Leben an der Front geschrieben.

Der Deutsche Alexander Gertz hat ein schonungsloses Buch über den Krieg in der Ukraine geschrieben. Eine Begegnung.

Alexander Gertz wird an diesem Abend im Kölner Lew-Kopelew-Forum in der Neumarkt-Galerie erzählen, dass „kein Mensch für den Krieg gemacht ist, der Krieg Menschen bricht und nicht stählt“. Ihn selbst hat der Krieg auch traumatisiert, an der Front aber funktioniere er besser als jetzt und hier, bei der PR-Tour für sein Buch. Und das liege auch daran, dass er manisch-depressiv sei.

Für zehn Tage ist der 31-jährige Sohn ukrainisch-russischer Spätaussiedler im Armeeurlaub in Deutschland, um sein Buch „Im Schatten der Drohnen – Als deutscher Sanitäter an der ukrainischen Front“ vorzustellen. Über seine bipolare Persönlichkeitsstörung schreibt und spricht er entwaffnend offen. Er habe „wegen früher traumatischer Erfahrungen ein sehr starkes Helfersyndrom und eine Form von Hyperempathie: Ich möchte Menschen unbedingt helfen, verschont zu bleiben – auch von dem, was ich in meiner Kindheit erlebt habe“, sagt er während des Gesprächs vor Porträts von Heinrich Böll und Angela Merkel in einem Besprechungsraum seines Verlags Kiepenheuer & Witsch am Kölner Bahnhofsvorplatz. „Wenn ich mit traumatisierenden Situationen konfrontiert bin, wenn ein Soldat durch eine Granate ein Bein verloren hat, wenn Menschen lebensgefährlich verletzt sind oder wir mit unserer Einheit in einen Hinterhalt geraten, kann ich sehr gut funktionieren. Dann bin ich sehr resilient.“ Er agiert dann manisch.

Alexander Gertz während des Einsatzes an der Front

Alexander Gertz während des Einsatzes an der Front

Wenn er sich aber durch die Kölner Innenstadt bewege, in ein Hotel einchecke, in den Supermarkt gehe, mit Leuten Smalltalk mache, „dann funktioniere ich eher weniger gut“. Gertz neigt dann zu Depressionen.

Menschen, die vor dem Dom sitzen und in der Sonne Latte macchiato trinken – statt Kameraden, die zittern und stottern, weil der Krieg sie gebrochen hat. Supermarktregale mit 50 Sorten Joghurt und 35 Bieren – statt Eintopf und literweise Kaffee. Unbeschwertes Lachen auf der Parkbank – statt sarkastischer Witze im Schützengraben. „Irgendwie fühlt es sich nicht richtig an, hier zu sein, ziemlich surreal“, sagt der Mann mit dem Militärrucksack und dem schwarzen T-Shirt, auf dem in weißen Lettern der Name der 53. Brigade der ukrainischen Armee steht. „Aber ich freue mich natürlich, dass es ein Interesse an dem gibt, was ich erlebt habe in der Ukraine. So habe ich zumindest das Gefühl, etwas Gutes bewirken zu können. Das lindert meine kognitive Dissonanz.“

Alexander Gertz hat muskulöse Arme mit bunten Tätowierungen, seine Stirn ist glatt, die hellblauen Augen blicken freundlich. Er spricht schnell und leise. Sein Buch, das von seinem Einsatz als Sanitäter in der Ostukraine erzählt, ist ein schonungsloses und schwer erträgliches Dokument, das dem abstrakten Krieg ein Gesicht gibt. Es erzählt von Menschen, die unter Drohnenbeschuss lachen, weinen, verrückt werden, lieben, rauchen, saufen, leben wollen, sterben. Nüchtern und berührend, empathisch und brutal.

Wegen seines Helfersyndroms begibt sich Gertz oft in Lebensgefahr

Wenn die Menschen des Krieges nicht längst überdrüssig wären, wenn sie nicht viel lieber Leichtes, Tröstendes konsumierten: Das Buch hätte wohl das Zeug, ein Bestseller und Klassiker zu werden. Wenn es das auch nicht werden sollte, so ist es trotzdem ein Glück: das Buch, und dass Gertz (noch) lebt. Jetzt, hier. Lächelt. Kraft ausstrahlt. Erzählt. So atemlos, als gäbe es kein Morgen.

Denn seine manischen Phasen führen nicht nur dazu, dass er funktionieren kann, wenn andere Menschen in Panik geraten – sie lassen ihn auch Verwundete dann nicht zurücklassen, wenn sie nicht mehr zu retten sind und der Feind ihn umzingelt; lassen ihn gegen den Befehl des Vorgesetzten Menschen aus brennenden Häusern holen. Auf die Frage, ob er sich wegen seiner mentalen Disposition oft in Lebensgefahr begebe, sagt er, nüchtern wie vor einer OP: „Kurze Antwort: ja.“

Er habe im Herbst 2023 entschieden, sich der ukrainischen Armee anzuschließen, sagt Gertz. Vorher leistete er in der ukrainischen Großstadt Charkiw humanitäre Hilfe. „Das musste ich mit zeitweise vier Nebenjobs finanzieren. Plus Studium nebenher. Das ging irgendwann nicht mehr.“ Gertz gab Deutschnachhilfe für Ukrainer, beriet ukrainische Flüchtlinge in Rechtsfragen, machte Radioprojekte, gründete sogar ein Startup. „Ich habe ein Spiel mitentwickelt für pädagogische Einrichtungen zu den UN‑Entwicklungszielen. Gleichzeitig habe ich noch einen Nationenbildungssimulator als Brettspiel entwickelt. Hört sich für mich selbst inzwischen völlig absurd an, alles.“

Alexander Gertz am Rande des Gesprächs beim Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln

Alexander Gertz am Rande des Gesprächs beim Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln

Sein Gesicht strahlt Ruhe aus. Sobald er redet, hört Gertz sich getrieben an. Der Eindruck sei nicht falsch, sagt er. Der Grund für seinen Drang, am liebsten überall gleichzeitig helfen zu wollen, liege auch in seiner „tiefen Identitätskrise als Spätaussiedler begründet“. Für viele Deutsche in seiner Heimatstadt Dessau war er der Russe, für Russen der Deutsche. „Anders als relativ viele Spätaussiedler, die dann im rechten Nationalismus Zugehörigkeit suchen und sich der AfD anschließen, habe ich mich eher nach links orientiert: Ich wollte Menschen zusammenbringen und kulturelle Grenzen überwinden.“

Nach der Maidan-Revolution in der Ukraine und dem Beginn des Krieges im Donbass 2014 wollte er seinen Frust „in eine gute Richtung leiten“. Gertz machte Straßenmusik und sammelte dabei Spenden, engagierte sich bei Amnesty International und Unicef. Er studierte Internationale Beziehungen, globale politische Wirtschaft und Entwicklung, arbeitete später für die Unesco in Paris und für ein politisches Forschungszentrum in Washington. „Leider hatte ich dort den Eindruck, ich betreibe Papierschieberei, habe keinen Einfluss, verändere nichts. Sektempfang, schöne Reden, aber es passiert nichts.“

Mechanisierte Kriegsführung mit Panzern gibt es nicht mehr, Infanteriestürme auch nicht. Die Kriege der Zukunft werden unvorstellbar brutal
Alexander Gertz, Sanitäter im Ukraine-Krieg

Also wollte er sich der ukrainischen Armee anschließen. Nicht einem internationalen Bataillon, einer ukrainischen Einheit. Bürokratisch sei das schwierig gewesen, eine Zeit lang habe er auf eigenes Risiko gedient, weil er keinen Vertrag hatte. Inzwischen ist Alexander Gertz vielfach militärisch geehrt worden, er hat mehr als 7000 Soldaten in taktischer Medizin ausgebildet, viele schwer verletzte Kameraden gerettet. Er ist jetzt Hauptfeldwebel und bildet Soldaten in taktischer Medizin aus – weil Sanitäter an der Front kaum noch arbeiten könnten. „Der Krieg ist viel brutaler geworden, weil gesteuerte Maschinen fast alles kontrollieren. Und man kann kaum noch Geländegewinne erzielen, wenn der Himmel dich ständig beobachtet. Mechanisierte Kriegsführung mit Panzern gibt es nicht mehr, Infanteriestürme auch nicht. Die Kriege der Zukunft werden unvorstellbar brutal.“

Gefragt, wie er nach drei Jahren Fronterfahrung über die Sicht von Politik und Medien auf den Krieg denke, sagt Gertz, dass er fast keine Nachrichten schaue. „Wenn sich die Berichterstattung zum Beispiel auf die Lieferung eines bestimmten Waffensystems konzentriert, hat das mit unserer Wirklichkeit rein gar nichts zu tun. Null. Ich habe auch keinen Einfluss darauf. Wenn ich aber eine Schussverletzung abbinde und tamponiere und der Kamerad in meinem Arm liegt, dann schon.“

In den nächsten Tagen tingelt der deutsche Kriegssanitäter Alexander Gertz zu Fernsehsendern, spricht mit den großen Zeitungen und Radiosendern. Er wird Latte macchiato trinken und durch Innenstädte voller Läden und Lachen laufen. Dann fliegt er zurück in den Krieg.