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Abitur-Lücke 2026Uni Köln erwartet wegen G9-Wechsel bessere Chancen auf Studienplätze

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Schüler und Schülerinnen sitzen in einer Sporthalle und schreiben eine Abiturprüfung.

Dieses Jahr fehlen in NRW wegen der Umstellung auf G9 tausende Abiturienten. (Archivbild)

2026 gibt es in NRW wegen der Umstellung auf neun Jahre Gymnasialzeit (G9) weniger Abiturienten. Das hat Folgen für Unis, Handwerk und Polizei.

Keine Abi-Klausuren, keine Abi-Streiche und keine Abi-Bälle: An den meisten öffentlichen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen wird es im Frühsommer 2026 ziemlich ruhig bleiben. Denn ein Abiturjahrgang fällt weitgehend aus. Grund ist der Abschluss der Umstellung von acht auf neun Jahre Gymnasialzeit (G9). Der letzte G8-Jahrgang hatte 2025 das Abitur abgelegt. Der nachfolgende Jahrgang ist bereits im G9-Modus und macht erst 2027 Abitur.

Die achtjährige Gymnasialzeit (G8) war in NRW 2005 eingeführt und nach anhaltender Kritik seit dem Schuljahr 2019/20 mit den Jahrgangsstufen 5 und 6 wieder rückabgewickelt worden. Im nächsten Schuljahr wird es daher erstmals wieder neun statt acht Jahrgangsstufen an den Gymnasien geben. Das hat Auswirkungen in vielen Bereichen.

Wie viele Abiturienten gibt es 2026?

Das Schulministerium rechnet 2026 einmalig mit nur rund 30.000 Abiturienten. Aber schon 2027, wenn der erste G9-Jahrgang an den Gymnasien seine Abiturprüfungen ablegt, werde die Zahl wieder auf etwa 70.500 steigen.

Abitur wird 2026 unter anderem an Gesamtschulen, Berufskollegs, Weiterbildungskollegs, Waldorfschulen sowie an einigen Gymnasien abgelegt. Abiturienten gibt es auch an den 95 sogenannten Bündelungsgymnasien. Dort wurde für Wiederholer ein entsprechender Jahrgang eingerichtet.

Warum wird es eng in den Gymnasien?

Ab dem Schuljahr 2026/27 muss ein ganzer neuer Jahrgang zusätzlich in den Schulen untergebracht werden. Der Philologenverband NRW warnt vor Raum- und Personalproblemen. Der Stand der Planungen sei an den Schulen sehr unterschiedlich, sagt die Landesvorsitzende Sabine Mistler. Häufig seien Bedarfsanalysen und Bauplanungen zu spät begonnen worden, sodass Erweiterungen oder Neubauten nicht fertig würden. Die Folge: Schulen müssten unter Umständen übergangsweise Container aufstellen, Modulbauten auf Schulhöfen einrichten oder Fachräume in Klassenräume umwidmen.

Eine Schülerin der Oberstufe streicht an einem Gymnasium den Schriftzug G8 an einer Tafel durch, daneben lässt sie G9 unberührt. (Archivbild)

Eine Schülerin der Oberstufe streicht an einem Gymnasium den Schriftzug G8 an einer Tafel durch, daneben lässt sie G9 unberührt. (Archivbild)

Was tut die Landesregierung?

Der Landesregierung sei bewusst, dass die Rückkehr zu G9 für die Kommunen einen erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand bedeute, heißt es im Schulministerium. Insgesamt belaufe sich der gesetzlich abgesicherte finanzielle Ausgleich für die Schaffung von Schulraum von 2022 bis 2026 auf mehr als 611 Millionen Euro. Der Ausgleich für die jährlich wiederkehrenden Kosten der Schulen beträgt 2025 und 2026 jeweils über 9 Millionen Euro, danach unbefristet über 32 Millionen Euro pro Jahr.

Gibt es genug Lehrkräfte?

Erwartet wird ein Anstieg des Lehrerbedarfs im Umfang von rund 3220 Stellen. Um den Bedarf frühzeitig abzufedern, hat das Land den Gymnasien in den vergangenen Jahren insgesamt 3000 sogenannte Vorgriffsstellen zur Verfügung gestellt. Ein großer Teil dieser Lehrkräfte wurde bis zum Abschluss der G9-Umstellung befristet an andere Schulformen abgeordnet. Zum Schuljahr 2026/27 kehren diese Lehrkräfte an ihre Stammgymnasien zurück. Das Schulministerium teilte allerdings mit, dass eine vollständige Kompensation nicht möglich sein werde.

Wie wirkt sich der schmale Jahrgang auf die Hochschulen aus?

Für 2026 rechnen die Hochschulen mit einem einmaligen Rückgang der Erstsemesterzahlen um etwa 19 Prozent. An der Universität zu Köln, der größten Präsenzhochschule in NRW, sollte es infolgedessen leichter sein, einen Studienplatz zu erhalten, wie eine Sprecherin mitteilt. Insbesondere bei Lehramt erwarte die Uni „eine erkennbare Veränderung“. Allerdings sei bei Fächern mit hohen Ablehnungsquoten trotz eines Abiturschnitts von 1,0 (etwa Psychologie), nur von marginalen Änderungen des Numerus clausus' auszugehen. Dies gelte auch bei Fächern, für die sich viele frühere Abiturienten erneut bewerben, etwa Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften. Ebenso werde beispielsweise in den über ein zentrales Verfahren koordinierten Studiengängen Human- und Zahnmedizin weiterhin „eine enorme ‚Konkurrenz‘“ bestehen.

Studentinnen und Studenten sitzen während einer Vorlesung in einem Hörsaal. (Archivbild)

Studentinnen und Studenten sitzen während einer Vorlesung in einem Hörsaal. (Archivbild)

Schon 2027 ist laut einer Prognose der Kultus-Minister-Konferenz (KMK) wieder ein Sprung bei den Studienanfängerzahlen um 12.600 auf mehr als 83.000 zu erwarten. Die Uni Köln werde die Zahl der Studienplätze deshalb nicht verringern, sagte die Sprecherin. Hinsichtlich der Wohnungslage erwartet das Kölner Studierendenwerk wegen der allgemein hohen Nachfrage nur eine geringfügige Entlastung. „Wir hatten zum Vergleich eine ähnliche Situation während der Corona-Zeit, in der sich die Nachfrage bei uns etwas abschwächte, die Gesamtsituation aber dennoch sehr angespannt blieb“, sagte ein Sprecher.

Mit welchen Folgen rechnen die Handwerksbetriebe?

Das Handwerk befürchtet durch fehlende Abiturienten eine spürbare Lücke auf dem Ausbildungsmarkt. In Köln verfügt rund ein Viertel der Auszubildenden im Handwerk über Abitur oder Fachabitur, wie ein Sprecher der Kölner Handwerkskammer mitteilt. Im aktuellen Ausbildungsjahr seien das rund 370 von den 1476 neuen Auszubildenden. Den höchsten Anteil mit Abitur gebe es in Köln aktuell im Tischler-Handwerk (rund 60 Prozent). Auch im Elektro- und Metallgewerbe (rund 23 Prozent), im Baugewerbe und in den Gesundheitsberufen (jeweils rund 20 Prozent) sei der Anteil an Auszubildenden mit Abitur höher. Dennoch erwarte die Kölner Handwerkskammer keine „gravierenden“ Folgen, „denn viele Schulabgängerinnen und Schulabgänger treten erst später in den Arbeitsmarkt ein, weil sie zuvor etwa ein Freiwilliges Soziales Jahr oder einen Auslandsaufenthalt planen.“ Dadurch verschiebe sich der Druck zeitlich, ohne dass er sofort zu akuten Engpässen führe.

Ulrike Pütz, Abteilungsleiterin für Ausbildungsberatung bei der Handwerkskammer zu Köln, rät den Handwerksbetrieben, die verlängerte Schulzeit aktiv zu nutzen, um Jugendliche auf sich aufmerksam zu machen. Betriebe sollten „verstärkt Praktika, Schnuppertage und Ähnliches anbieten, um die Jugendlichen für ihr Gewerk und im besten Fall für eine Ausbildung in ihrem Betrieb zu begeistern.“

Welche Auswirkungen könnten soziale Dienste spüren?

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Landesverband Nordrhein rechnet mit erheblichen Einbrüchen bei den Bewerberzahlen für die Freiwilligendienste. „Im schlimmsten Fall werden wir 50 bis 60 Prozent der Stellen nicht besetzen werden können“, sagte ein DRK-Sprecher. Damit drohten viele Zusatzangebote in den Einrichtungen auszufallen. „Freiwillige sind das Plus in der Arbeit der Einsatzstellen“, teilte der Sprecher weiter mit. „Weniger von ihnen heißt, dass zum Beispiel Ausflüge wegfallen, weniger Zeit zum Spielen da ist und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker belastet werden.“ Der DRK-Kreisverband Köln rechnet mit einem Rückgang um etwa 30 Prozent. „In einigen Bereichen wird die Unterstützung des festen Personals durch Freiwillige zwar fehlen, es wird aber kein Dienst brachliegen“, sagte ein Sprecher.

Spürt auch die Polizei die Folgen?

Ja, denn Abiturienten stellen die wichtigste Zielgruppe für die Personalwerbung der Polizei NRW dar. „Der Mangel an Abiturientinnen und Abiturienten im Jahr 2026 wird auf dem Arbeitsmarkt für alle Arbeitgeber die Gewinnung von Nachwuchs deutlich erschweren“, sagt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums der dpa. Die Polizei habe aber Vorsorge getroffen. Neben den verbleibenden Abiturienten seien frühzeitig weitere Zielgruppen, wie etwa Zeitsoldatinnen und -soldaten, die aus dem aktiven Bundeswehrdienst ausscheiden, sowie Berufswechsler und Studienzweifler priorisiert angesprochen worden. (mit dpa)