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Nach Tod von ZugbegleiterZugchefin berichtet über ihren Arbeitsalltag – „Wir sind zur Zielscheibe geworden“

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09.01.2026, Niedersachsen, Hannover: Eine Zugbegleiterin schaut aus einem zum Aufenthaltszug umfunktionierten ICE der Deutschen Bahn im Hauptbahnhof. Die Deutsche Bahn stellt wegen des stürmischen Winterwetters den Fernverkehr im Norden Deutschlands bis mindestens zum Mittag ein. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Eine Zugbegleiterin blickt durch die Tür eines ICE. Das Fahrpersonal wird immer häufiger zum Ziel verbaler und körperlicher Angriffe.

Nach  25 Jahren Berufserfahrung zieht Sandra W. (43, Name geändert), Zugchefin im Fernverkehr der Bahn, ein trauriges Fazit: „Uns wird keinerlei Respekt mehr entgegengebracht.“

Der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter bei einer Fahrkartenkontrolle in Rheinland-Pfalz sorgt für Entsetzen und ist auch das Tagesgespräch unter Eisenbahnern. Seit Jahren müssen sie feststellen, dass der Umgangston immer rauer, verbale und körperliche Attacken zum Alltag gehören.

Am Bahnsteig an Gleis 1 im Hauptbahnhof liegen Blumen und stehen Grablichter im Gedenken an den getöteten Zugbegleiter. Zuletzt war Mannheim die Einsatzstelle des getöteten Serkan C.

Am Bahnsteig an Gleis 1 im Hauptbahnhof liegen Blumen und stehen Grablichter im Gedenken an den getöteten Zugbegleiter. Zuletzt war Mannheim die Einsatzstelle des getöteten Serkan C.

Wenn Sandra W. (Name geändert) am Kölner Hauptbahnhof einen ICE nach Hamburg, Berlin, München oder wo auch immer übernimmt, sagt ihr schon die jahrelange Berufserfahrung, ob das heute eine stressige Schicht wird. Je voller der Zug, desto schwieriger wird ihre Arbeit. Doch Stress ist nicht das Problem. Mit Stress kann die 43-jährige Zugchefin umgehen. Da kommen ihr 25 Jahre Berufserfahrung zugute.

Was sie beunruhigt, ist die zunehmende Aggressivität der Reisenden. „Als Zugbegleiter bist Du die Zielscheibe und für alles verantwortlich, was auf einer Fahrt passiert. Verspätungen, verpasste Anschlüsse, kein Kaffee im Bordbistro, fehlende Produkte, Sitzplatzmangel. Völlig egal.“

Wenn das WLAN nicht funktioniert, fliegt auch schon mal eine Kaffeetasse
Zugchefin Sandra W.

Da gebe es auch keinen Unterschied zwischen Fahrgästen in der ersten oder der zweiten Klasse. „Da fliegt in der ersten Klasse auch schon mal eine Flasche oder eine Kaffeetasse, weil das WLAN nicht funktioniert. Gleich nach der Abfahrt. Weil der Fahrgast sich darauf eingestellt hat, in den viereinhalb Stunden bis München arbeiten zu können.“

Natürlich könne sie den Frust der Kunden nachvollziehen, „weil das ganze System unzuverlässig ist. Über die Gründe müssen wir nicht reden. Die sind allgemein bekannt und werden sich so schnell auch nicht abstellen lassen“. Dass jeglicher Respekt vor dem Personal verloren gehe und „ich manchmal hoffen muss, dass der ein oder andere Fahrgast sich einmischt und mich in Schutz nimmt, gibt mir zu denken.“

Das war ganz schlimm mit Fahrgästen, die angedroht haben, mir ins Gesicht zu spucken, bloß weil ich ihr Ticket kontrollieren wollte
Zugchefin Sandra W.

Im Verlauf der Corona-Pandemie habe sich das Verhalten der Bahnnutzer stark verändert. „Das war ganz schlimm mit Fahrgästen, die angedroht haben, mir ins Gesicht zu spucken, bloß weil ich ihr Ticket kontrollieren wollte.“ Einer ihrer Kollegen sei im Zug mit einem Messer bedroht worden. „Der war in dem Moment ganz allein auf sich gestellt.“

Zwei Zugbegleiter für einen ICE mit 13 Wagen

Eines der größten Probleme im Fern- und Regionalverkehr sei der Personalmangel, sagt Sandra W. „Im Fernverkehr sind wir zwar immer zu zweit unterwegs, aber wir haben in der Regel auch 13 Wagen. Da kann ich nicht einschreiten, wenn ich gerade in Wagen 13 bin und am anderen Ende des Zugs prügelt einer auf meinen Kollegen ein.“

Die Kollegen in den Regionalzügen seien in der Regel auf sich allein gestellt. „Die können dann nur noch zum Lokführer flüchten.“ Zu problematischen Situationen komme es auch immer wieder im Bordbistro, „vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. Da braucht nur eine Kleinigkeit zu fehlen und schon droht die Situation zu eskalieren.“

Sandra W. stellt eine klare Forderung an die Bahn. „Wir brauchen mehr Personal zumindest auf den problematischen Strecken.“ Dazu zählen aus ihrer Erfahrung die Nachtzüge von Frankfurt Richtung Hamburg und die Strecke Köln-Koblenz „zu später Stunde“. Und alle Züge mit Fußballfans, weil da in aller Regel viel Alkohol mit Spiel sei. „Da brauchen wir zusätzlich mindestens zwei Sicherheitsleute mit entsprechender Ausrüstung, die darauf trainiert sind, in solchen Situationen richtig zu reagieren.“ Mit dieser Klientel könne man allein nicht fertig werden.

Schwarzfahrer mit Deutschlandticket im ICE zwischen Köln und Düsseldorf

Zu Auseinandersetzungen komme es auch regelmäßig in Fernzügen auf der vielbefahrenen und verspätungsanfälligen Verbindung zwischen Köln, Düsseldorf und Dortmund. „Das ist im Grunde nichts anderes als Nahverkehr. Da steigen immer wieder Menschen mit dem Deutschlandticket in den ICE, obwohl sie den gar nicht nutzen dürfen. Das interessiert die aber nicht.“

Sie habe dann die Wahl, die Bundespolizei zu rufen und zum Zug kommen zu lassen. „Das zieht dann mindestens zehn Minuten Verspätung pro Bahnhof nach sich. Dann komme ich mit einem vollbesetzten Zug mit plus 60 Minuten in Dortmund an und 500 Reisende haben ihre Anschlüsse verpasst. Das muss man sich schon ganz genau überlegen.“

Im Arbeitsalltag macht sich Sandra W. bisher keine Gedanken, auf welcher Linie sie gerade eingesetzt ist. „Das würde mich in meiner Arbeit zu sehr einschränken. Mir ist aber schon bewusst, dass jeden Moment etwas passieren kann und dass ich dann sehr schnell reagieren muss.“

Bahn-Mitarbeiter und Bundespolizisten gedenken des bei nach einem Angriff verstorbenen Zugbegleiters. Der Mann war bei einem Angriff im Zug von einem Fahrgast am Montagabend in Rheinland-Pfalz lebensgefährlich verletzt worden und am Morgen in Folge der Verletzungen verstorben.

Bahn-Mitarbeiter und Bundespolizisten gedenken des bei nach einem Angriff verstorbenen Zugbegleiters. Der Mann war bei einem Angriff im Zug von einem Fahrgast am Montagabend in Rheinland-Pfalz lebensgefährlich verletzt worden und am Morgen in Folge der Verletzungen verstorben.

Ende 2025 hat die Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) eine Umfrage zum Sicherheitsempfinden des Zugpersonals gestartet. „Das war ein sehr ausführlicher Fragenkatalog, der gerade ausgewertet wird.“ Vom 9. bis 11. März wird die EVG die Ergebnisse auf einer Sicherheitskonferenz in Essen vorstellen, zu der auch NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer eingeladen ist.

Die Zahl der „sicherheitsrelevanten Vorfälle“ in Regionalzügen und S-Bahnen ist in NRW im Jahr 2024 um 3,1 Prozent auf rund 32.000 gestiegen. Darunter war in 561 Fällen das Kontroll- und Sicherheitspersonal unter anderem durch Körperverletzungen betroffen.

Bundesweit acht Angriffe auf Bahnpersonal pro Tag

Die NRW-Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor. Bundesweit wurden nach Angaben der Bahn im vergangenen Jahr mehr als 3000 Angriffe auf das Personal der DB registriert. Das sind etwa acht Fälle pro Tag. Die Tendenz gegenüber 2024 ist auf gleichbleibend hohem Niveau. Die Hälfte der Angriffe betrifft das Zugpersonal im Regionalverkehr. Auf Sicherheitskräfte entfällt gut ein Drittel, teilt die Bahn mit. Auch Reinigungskräfte oder Servicekräfte am Bahnhof werden Opfer von Angriffen.

Die Bahn hat nach eigenen Angaben darauf reagiert und rüstet ihre Mitarbeitenden im Regionalverkehr und in S-Bahnen auf freiwilliger Basis mit Bodycams aus. In NRW ist das seit 2024 der Fall. Wie viele Zugbegleiter diese Kameras nutzen, konnte die Bahn am Donnerstag nicht beantworten.

Die Gewerkschaften halten Bodycams allein nicht länger für ausreichend. „Wir brauchen Doppelbesetzung, wir brauchen eine Bodycam, die auch Tonaufzeichnungen wiedergibt“, sagte der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats der DB Regio Schiene und Bus, Ralf Damde, am Donnerstag dem WDR.

Nötig seien neue Sicherheitskonzepte und eine stärkere Zusammenarbeit mit der Bundespolizei. Damde kritisierte zudem die Betreiber der Bahnen. Bei den Ausschreibungen in der Vergangenheit habe „Je billiger, desto besser“ gegolten. Dadurch sei zugelassen worden, dass Züge nicht mehr von ausreichend Personal begleitet würden. Einer der „Hotspots bei den Übergriffen“ sei Nordrhein-Westfalen, sagte Damde. Die Bahn betont, dass zusätzliches Personal in den Regionalzügen und S-Bahnen vom Land und den Verkehrsverbünden bestellt und finanziert werden müsse. Man stelle sich dem nicht entgegen.