Bärbel Bas hat es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit nach oben geschafft. Ihr Rücktritt hinterlässt die Sorge um eine Gesellschaft, die nur noch Männer in Maßanzügen in den Blick nimmt.
Rücktritt BasEin Rückschlag für die Gesellschaft und die Gerechtigkeit

Bärbel Bas nannte auch die öffentlichen Angriffe auf ihre Person als Grund für ihren Rücktritt.
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Stellte man sich den politischen Betrieb als perfekt getrimmten englischen Rasen vor, Bärbel Bas wäre darin ein vereinzelter Löwenzahn. Und das nicht nur, weil sie eine Frau ist. Zum Doppel-X im Genmaterial, das im Zentrum von Macht ohnehin rar ist, kommt eine Biografie, die für den Weg nach oben kaum vorgesehen war: Tochter eines Busfahrers und einer Hausfrau, fünf Geschwister, nach der Trennung der Eltern auf den Sozialstaat angewiesen. Hauptschulabschluss, Höhere Berufsfachschule mit dem Fach Schweißen, Ausbildung zur Bürogehilfin. Jeder Punkt ein Aufstiegshemmer.
Die meisten Grashalme im Politrasen sind anders gewachsen: Sie sind männlich. Akademiker. Gern Juristen aus bildungsnahen, finanziell gehobenen Verhältnissen. Bas Rücktritt weist deshalb über ihre individuelle Situation hinaus. Sie selbst nennt den Tod ihrer Stieftochter als Grund, aber auch die öffentlichen Angriffe, die auch in der Phase der Trauer nicht abrissen. Niemand außer ihr kann sagen, was den Ausschlag gab. Was bleibt, ist die Sorge über eine gesellschaftliche Unzulänglichkeit, für die der Fall Bas nur als Beispiel dient.
Männer in Maßanzügen haben sie ausgelacht
Hass, Hetze und das Androhen von Gewalt sind in den sozialen Medien an der Tagesordnung. Wer sich die Zuschreibungen zu Bas genauer ansieht, stößt allein in den vergangenen Wochen auf Charakterisierungen wie „Sozialstaats-Stalinistin“, „die größte Bedrohung der Republik“ oder „Trotzgöre“. Andere stellten ihre intellektuelle Eignung infrage und diagnostizierten „fortgeschrittene Begriffsverwirrung“. Als Bas im Dezember vergangenen Jahres beim Arbeitgebertag über die Stabilisierung des Rentenniveaus sprach, haben „die Männer in Maßanzügen“, wie Bas sie später selbst beschrieb, die Ministerin langanhaltend und johlend ausgelacht.
Nun kann man sagen: Wer eine öffentliche Rolle einnehmen oder sogar Macht will, muss das eben alles aushalten. Aber vielleicht liegt hier ein Missverständnis vor. Denn am Ende sollte Macht ja eben nicht von denjenigen ausgeübt werden, die stark genug sind, um andere zu dominieren. Sondern von denjenigen, die die besten Ideen für eine gerechte Gesellschaft haben, die gerade diejenigen stärker macht, die nicht qua Geburt dominant sind.
Der Rücktritt von Bärbel Bas ist deshalb ein Rückschlag für eine Gesellschaft, die eben nicht nur „Männer in Maßanzügen“ repräsentieren will. Sondern gerade alle anderen.
Im Zweifel scheitern häufig Frauen an den Strukturen der Macht
Eine Demokratie gewinnt, wenn Menschen Macht haben, die neben ihren Ämtern auch den Wocheneinkauf erledigen, Kinder haben, schüchtern, arm oder sensibel sind. Es gehört zum Paradoxon unserer Machtstrukturen, dass es leider nur diejenigen nach oben schaffen, die als Privilegierte mit all dem eben nie etwas zu tun hatten. Und dass es im Zweifel überproportional häufig Frauen sind, die an ihnen scheitern.
Es wäre dennoch zu kurz gegriffen, hier nur von Frauen zu sprechen. Männer, die sich angesprochen fühlen, sind hier durchaus mitgemeint. Schließlich wäre eine Führungsriege mit lauten, reichen, gut gebildeten und von sich selbst überzeugten weißen Frauen wohl auch kein Fortschritt. Mehr Sensibilität, mehr Empathie und Fürsorge dagegen schon. Politiker, die wissen, welche Verzweiflung in einer Familie ausbrechen kann, wenn der Kühlschrank kaputt geht, könnten eine Gesellschaft gerechter machen. Diejenigen, die zu sensibel sind, um selbstbesoffen jede Bösartigkeit von sich abperlen zu lassen, könnten sie menschlicher machen.
Ein Löwenzahn, der allen Pestiziden zum Trotz im englischen Rasen blüht, könnte Zuversicht und Hoffnung vermitteln. Und was braucht diese Gesellschaft gerade dringender?

