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Verlustzahlen veröffentlichtUkraine kündigt neue Offensive an – und droht mit „50.000 toten Russen pro Monat“

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Ukrainische Soldaten feuern eine Pion-(M-1975)-Kanonenhaubitze auf russische Stellungen in der Nähe von Bachmut. (Archivbild)

Ukrainische Soldaten feuern eine Pion-(M-1975)-Kanonenhaubitze auf russische Stellungen in der Nähe von Bachmut. (Archivbild)

Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko fordert die Einwohner auf, die Stadt zu verlassen. Trotz der prekären Lage plant die Ukraine neue Angriffe.

Während die Weltpolitik sich derzeit vor allem mit den US-Annexionsplänen gegenüber Grönland beschäftigt, setzt Russland seinen Krieg gegen die Ukraine unbeirrt fort: Rund 110 einzelne Gefechte meldete der ukrainische Generalstab allein am Dienstag (20. Januar) von der Front. Die heftigsten Kämpfe soll es demnach rund um die strategisch wichtige Stadt Pokrowsk gegeben haben. Die russische Armee habe dabei erneut große Verluste erlitten, heißt es aus der Ukraine.

Der dortige Generalstab spricht von 1170 russischen Soldaten, die allein am Dienstag getötet oder verwundet worden seien. Insgesamt soll Russland seit Kriegsbeginn mittlerweile mehr als 1,2 Millionen Soldaten verloren haben, heißt es aus Kyjiw. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht. Moskau macht kaum Angaben zu den eigenen Verlusten. Auch erfolgreiche ukrainische Angriffe bleiben von den russischen Behörden und Staatsmedien oftmals unerwähnt.

Ukraine will neue „Offensivoperationen durchführen“

Trotz der weiterhin heftigen russischen Angriffe plant die Ukraine neue Offensiven und will so die gegnerischen Verluste noch weiter in die Höhe treiben. Das kündigte Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj bereits am Montag in einem Interview an. Syrskyj geht davon aus, dass Russland sich weiter die gesamte Ukraine einverleiben wolle. „Daher werden wir entsprechend Offensivoperationen durchführen“, sagte er dem ukrainischen Medienportal „lb.ua“.

Ähnlich äußerte sich am Mittwoch dann auch der neue ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov, der „zwei Prioritäten“ nannte, die er in seinem neuen Job habe. Die erste sei, das „Management“ zu verbessern, erklärte Fedorov vor Reportern.

„Das Management muss sich an denjenigen orientieren, die in der Lage sind, definierte Ziele zu erreichen. Wenn Mitarbeiter keine messbaren Ergebnisse vorweisen können, haben sie keinen Platz im System“, kündigte der Verteidigungsminister Änderungen innerhalb seines Ministeriums an.

Ukraine will russische Verluste steigern: „Knappheit bereits spürbar“

Als zweites „strategisches Ziel“ nannte Fedorov derweil die Steigerung der russischen Verluste an der Front. „Die Ukraine hat sich zum Ziel gesetzt, 50.000 Russen pro Monat zu töten“, erklärte der Minister. Im letzten Monat seien „35.000 Menschen getötet“ worden, behauptete Fedorov. „All diese Verluste sind per Video dokumentiert“, fügte er hinzu.

Ukrainische Soldaten der Luftverteidigungseinheit der 59. Brigade feuern auf russische Kampfdrohnen in der Region Dnipropetrowsk.

Ukrainische Soldaten der Luftverteidigungseinheit der 59. Brigade feuern auf russische Kampfdrohnen in der Region Dnipropetrowsk.

„Wenn wir 50.000 erreichen, werden wir sehen, was mit dem Feind passiert“, führte Fedorov weiter aus und verwies auf eventuelle Personalprobleme bei den russischen Streitkräften. Moskau betrachte „Menschen als Ressource, und die Knappheit ist bereits deutlich spürbar“, erklärte Fedorov.

Vitali Klitschko warnt vor „humanitärer Katastrophe“

Trotz der Pläne für neue Offensiven bleibt die Lage in der Ukraine nach russischen Luftangriffen auf die Energieinfrastruktur überaus angespannt. Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko sprach zuletzt von einer „humanitären Katastrophe“ in der ukrainischen Hauptstadt. Die Hälfte der Stadt sei derzeit ohne Strom, Heizung und Wasser, sagte Klitschko und appellierte an die Bewohnerinnen und Bewohner: „Verlasst die Stadt, wenn ihr könnt.“

Rund 600.000 der etwa drei Millionen Einwohner hätten Kyjiw im Januar verlassen, führte Klitschko aus. „Die Lage ist kritisch, was die Grundversorgung angeht – Heizung, Wasser, Strom. Momentan sind 5600 Wohnhäuser ohne Heizung“, erklärte der Bürgermeister.

Neue russische Angriffe treffen Wärmekraftwerk

Auch am Dienstag wurden aus der Ukraine wieder neue russische Angriffe gemeldet – ein Wärmekraftwerk in der Hauptstadt sei dabei getroffen und begonnene Reparaturen am Stromnetz so zunichtegemacht worden, berichtete die Zeitung „Kyiv Post“.

Dunkelheit in Kyjiw: Nach russischen Angriffen haben viele Haushalte in der ukrainischen Hauptstadt weiterhin keinen Strom. (Archivbild)

Dunkelheit in Kyjiw: Nach russischen Angriffen haben viele Haushalte in der ukrainischen Hauptstadt weiterhin keinen Strom. (Archivbild)

Russland wolle bewusst eine „humanitäre Katastrophe herbeiführen, die Menschen im Winter erfrieren lässt“, beklagte Klitschko. Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern der Hauptstadt liegen die Nerven angesichts von Temperaturen im zweistelligen Minusbereich unterdessen blank. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich das aushalten soll, wenn man zu Hause nicht einmal die Toilette benutzen oder sein Kind warmhalten kann“, zitierte die „Kyiv Post“ etwa die Mutter einer Dreijährigen.

Sicherheitsexperte spricht sich für Taurus-Lieferung aus

Angesichts der für viele Ukrainerinnen und Ukrainer bedrohlichen Lage werden unterdessen auch in Deutschland erneut Rufe nach mehr Unterstützung für das angegriffene Land laut. „Russland bombardiert die Menschen in der Ukraine in Kälte und Dunkelheit – Lebensgrundlagen werden zerstört“, schrieb etwa der Sicherheitsexperte Nico Lange auf der Plattform X. Weitere Tote, Zerstörungen und Geflüchtete müssten verhindert werden.

Dafür müsse „endlich Taurus“ geliefert und die „Luftverteidigung der EU/Nato-Außengrenze mit der Luftverteidigung der Ukraine integriert“ werden, forderte Lange. Eine Lieferung des deutschen Taurus-Marschflugkörpers an die Ukraine wird seit Kriegsbeginn immer wieder diskutiert. Bisher haben jedoch sowohl der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) als auch sein Nachfolger Friedrich Merz (CDU) diesen Schritt abgelehnt.