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ARD-Korrespondent im Interview„Die hocken in Erdlöchern, denen frieren die Zehen ab, um sie herum Explosionen“

8 min
Vassili Golod im Interview mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Selenskyj

Vassili Golod beim Interview mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Selenskyj

Der Ukraine-Korrespondent der ARD spricht über Heizungsausfälle bei Minusgraden, Kinder im Krieg und die aktuelle russische Militärtaktik.

Der fünfte Kriegswinter gilt als der härteste bislang in der Ukraine. Unter welchen Bedingungen können Sie mit Ihrem Team in Kyjiw überhaupt arbeiten?

Wir haben kaum Heizung in unseren Studio, die Temperatur drinnen liegt bei 11 bis 13 Grad. Wir sitzen also in unseren Büros mit etlichen dicken Pullovern und Jacken übereinander. Wir haben eigentlich einen Generator, aber der ist ausgerechnet diesen Winter ausgefallen. Von den massiven Stromausfällen sind wir ebenfalls betroffen. Aber noch viel belastender ist es, zu erleben, was der russische Kriegsterror mit der Bevölkerung macht.

Was geht Ihnen besonders nahe?

Mütter mit kleinen Kindern zu sehen, denen bitterkalt ist, weil die Heizung ausgefallen ist. Wenn Frost von innen von den Scheiben gekratzt werden muss. Mit anzusehen, wie ein Vater vor dem toten Körper seines 18-jährigen Sohnes hockt und immer wieder dessen Namen ruft.

Der „Winter als Waffe“ – was bedeutet diese Formel für die Menschen in der Ukraine real?

Der Winter ist dunkel und kalt und schon deshalb für viele Menschen belastender. Wenn man dann zu Hause in einer Wohnung sitzt, die nur wenige Stunden am Tag Strom und keine Heizung hat, in der es kein fließendes Wasser gibt, immer wieder Sirenen-Alarm und Explosionen zu hören sind, das macht sehr viel mit den Menschen. Wenn man sich dann noch vorstellt, dass die Eltern, die man pflegt, auf Beatmungsgeräte angewiesen sind, die Strom brauchen, ist das lebensgefährlich. Dass Russland sich bewusst dafür entscheidet, in einer sowieso schwierigen Winterlage ganz gezielt Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage zu nehmen, ist einfach nur menschenunwürdig. Es gibt Juristen, die sagen: Das ist eine genozidale Kriegsführung, eine Form des Völkermords.

Wie geht es den ukrainischen Kindern?

Gar nicht gut. Neulich traf ich einen vierjährigen Jungen, der auch in seinem Kindergarten frieren musste, weil es keine Heizung mehr gab. Allerdings gab es zuhause auch keine Heizung. Dann hat er von ständigen Luftalarmen erzählt. Für ihn ist das „normal“, er hat sein ganzes Leben lang nichts anderes erlebt. Die Schulen haben teilweise Bunkerräume unter der Erde, damit Schülerinnen und Schüler weiter Unterricht haben können. Aber es ist kein normaler Unterricht. Ich wünsche diesen Kindern ein Leben in Frieden.

Vassili Golod, ARD-Korrespondent in der Ukraine

Vassili Golod, ARD-Korrespondent in der Ukraine

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

Es gelingt Russland seit vier Jahren nicht, die Ukraine zu erobern. Jetzt versuchen sie es verstärkt mit Terror gegen die Zivilbevölkerung, mit einer unglaublich brutalen Abnutzungs- und Zermürbungsstrategie. Trotzdem erlebe ich eine Resilienz, die mich zutiefst beeindruckt. Nach den Angriffsnächten sehe ich, wie die Leute am nächsten Morgen trotz einer schlaflosen Nacht wieder auf den Straßen sind und ihrer Arbeit nachgehen. Ich sehe Menschen, die die Straßen von Schnee reinigen. Ich sehe Menschen, die bei einem Rave auf einem zugefrorenen See feiern. Da legt dann ein DJ auf, man hat gemeinsam Spaß. Das klingt im ersten Moment paradox, ist aber ein Zeichen des Widerstands. Diese Stärke ist das Geheimnis dieser ukrainischen Gesellschaft. Aber natürlich ist diese Kraft ist endlich. Wir dürfen diesen Krieg nicht normaliseren: Ukrainer sind keine Übermenschen.

Was würde der Ukraine helfen?

Die Ukraine braucht mehr Flugabwehr, aber auch Waffen, um die Orte, an denen Russland Kampfflugzeuge hat oder immer mehr Drohnen und Raketen produziert, zu treffen. Strom-Generatoren hat die Ukraine viele bekommen, auch aus Deutschland. Trotzdem sitzen Hunderttausende Ukrainer gerade im Kalten und Dunkeln. Es reicht also trotzdem hinten und vorne nicht. Man muss sich das mal vorstellen: Die Ukraine hat in der Vergangenheit so viel Strom produziert, dass sie Strom exportiert hat. Sie hat mit Energie Geld verdient. Allerdings ist dieses Energie-System sehr zentral gesteuert. Das ist im Krieg fatal, weil Russland sehr einfach zentrale Energieknotenpunkte angreifen kann. Darum hat man in den vergangenen Jahren versucht, ein dezentraleres System aufzubauen, auch mit Solaranlagen.

Immerhin sind die Ukrainer sehr gut und schnell im Reparieren der Schäden. Droht diese Raffinesse an ihr Ende zu kommen?

Wer die teils wirklich gigantischen Schäden sieht, stellt sich sofort die Frage: Wie soll das überhaupt jemals wieder repariert werden`? Und dann gibt es doch wieder gewiefte Ingenieure und Techniker, die das Ding mit Ersatzteilen wieder ans Laufen kriegen. Perfiderweise greift das russische Militär während dieser Reparatur-Arbeiten oft erneut an. Viele Menschen wurden bei wichtigen Reparaturarbeiten getötet. Deutschland hat mit Ersatzteilen großartig unterstützt. Aber diese Ersatzteile sind endlich. Und wenn ein Kraftwerk immer und immer wieder angegriffen wird, ist irgendwann auch Schluss.

Wie sieht die militärische Strategie Russlands insgesamt aus?

Russland hat Drohnen in großen Mengen und kann sie leider auch relativ ungehindert immer weiter produzieren. Damit versucht Russland die ukrainische Flugabwehr zu überfordern. Wir sehen dann Schwärme von Drohnen, die aus verschiedenen Richtungen vordringen. Während die Flugabwehr versucht, diese Drohnen runterzuholen, kommen zusätzlich Raketen aus verschiedenen Richtungen.

Wie sieht es bei den Gebietseroberungen aus?

Russland ist in der Vorwärtsbewegung, wenn auch sehr langsam und bei sehr hohen Verlusten. Putin nimmt in Kauf, dass jeden Tag sehr viele Hundert russische Soldaten getötet werden für einige Zentimeter bis Meter ukrainischen Staatsgebiets. Was Russland bezahlt für diese Meter, die es besetzt, lässt sich eigentlich auch aus russischer Sicht nicht rechtfertigen. Vor allem nicht, wenn wir uns vor Augen führen, dass es um das größte Land der Welt, das weit davon entfernt ist, überbevölkert zu sein, das breite Landstriche auf eigenem Staatsgebiet hat, wo niemand lebt, das aber für sich entschieden hat, aus imperialistischen Gründen weiter wachsen zu wollen und dafür seinen Nachbarstaat zu vernichten.

Oberbürgermeister Torsten Burmester mit Linda Mai, der Vorsitzenden des Vereins Blau-Gelbes Kreuz m Spendenlager.

Oberbürgermeister Torsten Burmester mit Linda Mai, der Vorsitzenden des Vereins Blau-Gelbes Kreuz im Spendenlager.

Wie ist die Lage beim ukrainischen Militär`

Die Ukraine versucht, das Vorrücken zu verlangsamen. Zuletzt gab es im Süden sogar einige Geländegewinne. Das Militär hat aber große Mobilisierungsprobleme. Das ist auch kein Wunder, wenn man sieht, wie schwierig die Lage an der Front ist, dass es an militärischem Gerät und moderner Technik mangelt. Da ist die Motivation, sich freiwillig zu melden, gering. Der Vertrag, den man unterschreibt, ist im Prinzip ein One-Way-Ticket. Wenn wir uns zurückdenken in den Februar 2022, gab es Schlangen vor den ukrainischen Wehrämtern. Leute wollten freiwillig ihr Land verteidigen. Aber viele derer, die sich freiwillig gemeldet haben, sind immer noch an der Front, haben kaum Urlaub und sind völlig zermürbt. Die hocken bei Minustemperaturen in Erdlöchern, denen frieren die Zehen ab, um sie herum Explosionen, jeden Tag wird es schwieriger.

Sie können das Interview auch als ausführlichen Podcast Talk mit K hören - auf allen gängigen Podcast-Kanälen oder in diesem Player.

Die Ukraine greift immer wieder auch russische Städte an – sind das mehr als kleine Nadelstiche?

Die Ukraine versucht vor allem die Ölinfrastruktur in Russland anzugreifen. Warum? Weil Russland mit Öl sehr viel Geld verdient und dieses Geld dafür nutzt, um den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Putins Kriegsmaschinerie braucht dieses Geld also. Die Ukraine greift auch erfolgreich die Energieinfrastruktur grenznaher Städte an. Belgorod etwa ist immer wieder im Blackout, weil dort sehr viele russische Soldaten angesiedelt sind und die Ukraine versucht, denen das Leben schwer zu machen. Es trifft dort aber auch die russische Zivilbevölkerung. Das gefällt Putin gar nicht. Er will, dass dieser Krieg weit weg von den Menschen in seinem Land bleibt.

Mit Donald Trump ein politischer Player zurück aufs Parkett getreten, der unmittelbar Einfluss nehmen will auf den russischen Angriffskrieg. In den vergangenen Wochen ist ständig irgendwo verhandelt worden, unlängst in Abu Dabi, dann in Genf. Dort soll es in den kommenden Tagen weitergehen. Die Ergebnisse sind bislang ernüchternd. Verhandelt Putin überhaupt nur, weil er Trump vordergründig zufriedenstellen will?

Verhandlungen und Diplomatie sind aus russischer Sicht nur ein Mittel, um die eigenen Ziele zu erreichen. Russland kommt mit Maximalforderungen, ohne jegliche Garantie, dass der Krieg in einigen Jahren nicht noch einmal angezettelt wird. Wenn man Russland zu ernsthaften Zugeständnissen bewegen will, muss man versuchen, Druck auf Russland auszuüben. Das geschieht aber nicht. Wenn man auf Trumps Taten guckt, gab es bis auf ein etwas schärferes Sanktionspaket gegen die russische Ölindustrie nichts Nennenswertes, dafür sehr viel Druck auf die Ukraine. Immerhin verhandeln mittlerweile hochrangige Militärs auf russischer Seite, mit denen man seriös darüber sprechen kann, welche Schritte es braucht, um diesen Krieg zu beenden. Das war früher anders. All das ändert aber nichts daran, dass in Russland nur ein Mann über alles entscheidet – Wladimir Putin.

Die größte Motivation für Trump, irgendetwas zu tun oder nicht zu tun, ist seine innenpolitische Lage
Vassili Golod

Aktuell fordert Trump, dass der Krieg im Sommer beendet sein muss.

Ja, weil er dann seine Midterm-Wahlen hat, auf die er guckt. Die größte Motivation für Trump, irgendetwas zu tun oder nicht zu tun, ist seine innenpolitische Lage. Er guckt vor allem: Was bringt ihm das? Das weiß Russland, das weiß auch die Ukraine. Die Ukraine sagt seit Monaten sehr klar, dass sie zu allem bereit, was sie einem nachhaltigen Frieden näherbringt. Die Ukraine hat sich mehrfach zu einer Waffenruhe bereit erklärt. Russland will das nicht. Die Bereitschaft Russlands für Frieden existiert nicht.

Aber wird die Luft für Putin nicht dünner mit jedem Monat, den dieser Krieg weitergeht?

Alles, was die russische Wirtschaft unter Druck setzt, wird dazu führen, dass die russische Führung Wege finden muss, aus dieser Drucksituation rauszukommen. Europa etwa könnte die Sanktionen immer wieder deutlich nachschärfen, damit Russland nicht immer wieder Wege findet, diese zu umgehen. Und dann muss es militärischer Druck sein: Wenn die Ukraine stark genug wäre, um Russlands Vormarsch aufzuhalten und vielleicht sogar gegenzudrücken, würde das helfen. Das alles sind keine neuen Erkenntnisse, aber sie werden drängender in einer Zeit, in der für die Zivilisten in der Ukraine immer schwieriger wird zu überleben und in der es für die Soldaten immer schwieriger wird, das eigene Land zu verteidigen.

Am 24. Februar jährt sich der russische Angriffskrieg zum vierten Mal: Wie groß ist die Solidarität der Deutschen mit der Ukraine noch?

Ich spüre, dass es eine ganz große Solidarität gibt. Das liegt sicher auch daran, dass sich viele Menschen hier in Deutschland untereinander angefreundet haben. Viele spenden oder schreiben ihren Abgeordneten E-Mails mit der Frage, ob man humanitär und militärisch nicht mehr tun kann. Umgekehrt sagen die Menschen in der Ukraine mir sehr oft: Bitte vergesst uns nicht. Sie sehen sich als Teil dieser europäischen Familie, sie verteidigen die europäischen Werte. Sie verteidigen mit, dass wir in Deutschland so leben können, wie sie einmal gelebt haben und wieder leben wollen. Wenn das im Bewusstsein bliebe, wäre der Ukraine und den Menschen sehr viel geholfen.

Ihr persönliches Risiko als Journalist im Kriegsgebiet steigt weiter. Wie gehen Sie mit der Gefahr um?

Dieses Risiko war mir von Anfang an bewusst. Bereits 2022 gab es Angriffe auf Kyjiw, aber jetzt produziert Russland so viele Raketen und Drohnen, dass es mittlerweile kombiniert angreift. Vor einigen Wochen ging ich durchs Zentrum, hörte plötzlich ein Brummen und sah etwa 50 Meter über mir eine Drohne, die mit einer Kamera die Stadt auskundschaftete. Sie flog unter dem Radar, löste also keinen Sirenen-Alarm aus. Das zeigt mir: Dieser Krieg schreitet auch technologisch immer weiter voran. Vor etwa einem Jahr ist eine Rakete ungefähr 200 Meter von der Wohnung einer Kollegin eingeschlagen. Sie hat die Druckwelle abbekommen, ihre Fenster sind rausgeflogen. Immerhin hat sie überlebt mit einem riesigen Schock und nur leichten Verletzungen. Immer wieder erfahre ich, dass Kolleginnen und Kollegen an der Front oder in Frontnähe getötet werden, teilweise sogar ganz gezielt. Das bereitet großen Schmerz.