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Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine„Wollt ihr wirklich in einer Diktatur leben?“

6 min
Linda Mai von der Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz

Linda Mai, Vorsitzende der Hilfsorganisation Blau-Gelbes Kreuz

Linda Mai, Vorsitzende des Kölner Hilfsvereins Blau-Gelbes Kreuz, war gerade erst wieder in der Ukraine. Ein Gespräch über Solidarität, Kälte als Waffe gegen die Zivilbevölkerung und ihre Hoffnung. 

Frau Mai, wie erinnern Sie sich an den 24. Februar 2022?

Linda Mai: Um 5 Uhr gab es die ersten Explosionen in Kiew, am Mittag haben in Köln die ersten Menschen gegen den russischen Angriffskrieg demonstriert. Die damalige Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat den Rosenmontagszug abgesagt – stattdessen gab es eine Friedensdemonstration mit 250.000 Menschen in Blau-Gelb. Seitdem gibt es keinen Alltag mehr. Wir funktionieren – Tag für Tag.

Auf meiner Fahrt habe ich eine Kinderklinik besucht. Plötzlich fiel der Strom aus. Ein Kind, das an einem Beatmungsgerät hing, hatte fünf Minuten Zeit, um zum nächsten Notstromgenerator gebracht zu werden
Linda Mai

Die Ukraine erlebt den kältesten Winter seit 20 Jahren, fast 13 Millionen Menschen sind laut Deutschem Roten Kreuz auf humanitäre Hilfe angewiesen. Sie waren kurz vor Karneval wieder dort und haben einen Hilfstransport begleitet. Wie sind Ihre Eindrücke von der Lage der Zivilbevölkerung?

Putin setzt die Kälte als Waffe gegen die Zivilbevölkerung ein. Die Menschen leiden unter diesem Kriegsverbrechen, aber sie geben nicht auf. Manchmal geht es dramatisch zu. Auf meiner Fahrt habe ich eine Kinderklinik vor den Türen Kiews besucht. Plötzlich fiel der Strom aus. Ein Kind, das an einem Beatmungsgerät hing, musste durch das Treppenhaus zwei Stockwerke tiefer getragen werden. Dort befand sich der einzige Notstromgenerator. Maximal fünf Minuten Zeit blieben für den Transport. Die Pfleger haben es geschafft, das Kind hat überlebt.

Vier Jahre später fallen weiter täglich Bomben auf ukrainische Städte, auch in Deutschland nimmt die Solidarität mit der Ukraine ab, Parteien mit Nähe zu Russland haben Zulauf. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich erlebe im Spendenlager unseres Vereins und bei meinen Fahrten in die Ukraine weiter einen großen Zusammenhalt, Entschlossenheit und unglaubliche Energie. Den Satz, dass in der Ukraine die Freiheit Europas verteidigt wird, wollen einige vielleicht nicht mehr hören – er ist aber so wahr wie am ersten Tag. Ich frage die Menschen, die mit Putin sympathisieren: Wollt ihr wirklich in einer Diktatur leben? Nicht mehr wählen dürfen, nicht mehr sagen dürfen, was ihr denkt? Dass eure jungen Männer verheizt und Kritiker weggesperrt werden? Wollt ihr auf euren Wohlstand verzichten und ein gutes Leben korrupten Eliten überlassen? Leider glauben viele den Populisten, die einfache Antworten auf komplizierte Fragen geben. Denen müssten wir die Sache mit Freiheit, Sicherheit und Wohlstand immer wieder erklären.

Ich lade alle Kölnerinnen und Kölner ein, mitzumachen! Jeder kann sich mit seinen Fähigkeiten in unserem Verein oder an anderer Stelle für die Ukraine einbringen! Auch die zivile Gesellschaft ist gefordert!
Linda Mai

Nie war die Zukunft der liberalen Demokratien in Europa ungewisser in den vergangenen Jahrzehnten. Der US-Präsident ist höchstens an Deals interessiert, Polen und Frankreich drohen rechtspopulistische Machtübernahmen. Was macht das mit Ihnen?

Wir sind ja alle gewohnt, langfristig unser Leben zu planen – die Ukrainer machen das seit vier Jahren nicht mehr. Sie verabschieden sich jeden Tag in dem Wissen von ihren Liebsten, dass es ihr letzter sein könnte. Auch die Geflüchteten hier in Deutschland haben keine Planungssicherheit. Ich selbst plane auch nicht mehr so viel über die nächsten drei Tage hinaus: Es geht darum, heute zu handeln, um auch morgen eine sichere Zukunft zu haben. Ich lade alle Kölnerinnen und Kölner ein, mitzumachen! Jeder kann sich mit seinen Fähigkeiten in unserem Verein oder an anderer Stelle für die Ukraine einbringen! So können Ihre Leser dazu beitragen, dass wir in Europa die Demokratie behalten! Für Resilienz und Sicherheit sind nicht alleine die Politik und die Bundeswehr zuständig. Auch die zivile Gesellschaft ist gefordert, ihren Beitrag dafür zu leisten!

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyj zeichnete Linda Mai vom Blau-Gelben Kreuz im vergangenen Jahr mit dem „Goldenen Herzen“ aus.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyj zeichnete Linda Mai vom Blau-Gelben Kreuz im Juni 2025 mit dem „Goldenen Herzen“ aus.

Was brauchen die Menschen in der Ukraine gerade besonders?

In der Ukraine ist es im Winter nachts oft minus 20, 25 Grad – und Millionen Menschen haben keinen Strom. Wir liefern sehr viele Notstromgeneratoren – in den letzten vier Jahren fast 15.000. Die russischen Attacken zielen auch auf die Trink- und Löschwasserversorgung. Wir haben etwa 1200 Wassercontainer für je 1000 Liter geliefert. Besonders wichtig sind auch unsere medizinischen Notfallrucksäcke, die in den frontnahen Regionen eingesetzt werden. Mit einem Rucksack können fünf Menschenleben gerettet werden. 6000 davon haben wir bereits Ärzten und Sanitätern zur Verfügung gestellt. Babyboxen sind wichtig, Schulranzen, Laptops, Akkus und – ganz wichtig – Rettungsfahrzeuge. Leider werden auch die immer wieder zerstört und bleiben im Schnitt nur wenige Monate intakt. Wir müssten noch viel mehr machen, helfen und liefern – aber es ist gut, was wir tun. Wir helfen, Leben zu retten, und nicht nur das: Jede Hilfe für die Ukraine hilft, unsere eigene Würde und Freiheit zu verteidigen.

Wie viele Menschen engagieren sich aktuell beim Blau-Gelben Kreuz?

Wir haben über 300 Mitglieder, etwa 80 aktive Helferinnen und Helfer und zahlreiche Unterstützerinnen und Unterstützer. Manchmal, wenn wir mehrere Lkw beladen, sind es 100 an einem Tag. Sie können anpacken, Marketing, Fundraising, Verpacken, Übersetzen? Vor allem in diesen Stoßzeiten können wir weitere Hilfe gut gebrauchen. Menschen, die mit anpacken. Kommen Sie vorbei und machen Sie mit!

Die Menschen in der Ukraine kämpfen – aber sie lachen auch weiter und feiern, wenn es etwas zu feiern gibt. Sie lassen sich das Leben nicht nehmen
Linda Mai

In der Lagerhalle arbeiten auch viele Kriegsflüchtlinge…

Ja, das ist hier auch eine Schicksalsgemeinschaft. Es gibt die Rentnerinnen, die Wäsche falten, die Alleinerziehenden, die einsam sind und in ständiger Angst um ihre Männer an der Front. Ich denke zum Beispiel an eine Mutter mit zwei Kindern, die schwer traumatisiert sind, weil sie durch den grünen Korridor flohen – aber trotzdem beschossen wurden. Die Kinder haben gesehen, wie hinter ihnen Menschen starben. Sie habe sich in Deutschland gefühlt „wie abgestellt auf einem einsamen Bahnhof“, hat die Frau mir erzählt. Bei uns im Verein findet sie Gemeinschaft, Trost und das Gefühl, etwas Sinnvolles tun zu können.

Wie oft waren Sie selbst seit dem 24. Februar 2022 in der Ukraine?

Ich habe es nicht gezählt, mehr als ein Dutzend Mal seit Ausbruch des Krieges. Mir gibt das viel Energie, weil die Menschen in der Ukraine unglaublich willensstark und tapfer sind. Sie kämpfen – aber sie lachen auch weiter und feiern, wenn es etwas zu feiern gibt. Sie lassen sich das Leben nicht nehmen. Im Moment ist die Situation allerdings sehr angespannt.

Das Wichtigste ist zunächst ein Waffenstillstand, der durch Zusagen westlicher Staaten, und gegebenenfalls der Nato, verbindlich abgesichert wird
Linda Mai

Es gibt aktuell so genannte Friedensverhandlungen, Trump hat angekündigt, den Krieg bis zum Sommer beenden zu wollen – in Sicht ist Frieden nicht, schon gar nicht ein Frieden, mit dem die Ukraine ihr Staatsgebiet behält und Sicherheitsgarantien. Wie könnte sich die Situation in der Ukraine zumindest etwas entspannen –wie könnte ein Kompromiss aussehen, der zu einem Waffenstillstand führt?

Das Wichtigste ist zunächst ein Waffenstillstand, der durch Zusagen westlicher Staaten, und gegebenenfalls der Nato, verbindlich abgesichert wird. Auf Zusagen Putins kann sich niemand verlassen, schon gar nicht die Ukraine. Es muss verhindert werden, dass Russland die Ukraine erneut angreift. Ohne die erforderlichen Sicherheitszusagen wird sich in den Verhandlungen vermutlich wenig bewegen.

Sind Sie manchmal wütend – auch auf die deutsche Politik, die allzu lange auf das Prinzip Wandel durch Handel mit Russland gesetzt hat und lange nur sehr zögerlich Waffen geliefert hat?

Was würde Wut helfen? Ich bin froh, dass Deutschland sehr viel tut. Das Land ist sehr entscheidend dafür, dass Europa nicht zerfällt – auch durch seine Hilfe für die Ukraine. Und ich bin überzeugt: Wenn Menschen etwas für die Freiheit, Demokratie und Sicherheit hier bei uns tun möchten, ist es am einfachsten, sich für die Ukraine zu engagieren.

Am Dienstag, 24. Februar, veranstaltet das Blau-Gelbe Kreuz anlässlich des vierten Jahrestags der russischen Invasion in der Ukraine zusammen mit dem Lew-Kopelew-Forum und Pulse of Europe eine Kundgebung auf dem Roncalliplatz in Köln. Die stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW, Mona Neubaur, und Staatskanzlei-Chef Nathanael Liminski haben ihr Kommen zugesagt.