Der Chor Barvy steht nicht nur für traditionellen Gesang, sondern auch für Zusammenhalt und Verbundenheit fern der Heimat.
Euskirchener Chor BarvyMit Liedern der ukrainischen Seele Ausdruck verleihen

Wyschywanka heißen die traditionell bestickten Trachten, deren kunstvolle Muster etwas über die Herkunft der Person erzählen.
Copyright: Heike Nickel
Die dumpfen Schläge der großen Trommel, die sich Jana Prosorova umgehängt hat, wirken trocken wie altes Holz. Darüber legt sich der perlende Gesang von zehn Frauen und einem Mann, die heute zur Probe erschienen sind. Alle tragen folkloristische Kleidung: kunstvoll bestickte Blusen, Kleider und Westen, dazu Ketten. Blumenkränze im Haar und Schärpen um die Bäuche. Rot und Schwarz sind die dominierenden Farben. Rot steht für die Liebe, Schwarz für den Schmerz, aber auch für die Kraft.
2022 hat sich der ukrainische Chor gegründet, seit September vergangenen Jahres trägt er den Namen Barvy, auf Deutsch Farbtöne. Im übertragenen Sinne steht das für Vielfalt, Buntheit und Lebendigkeit, und genau das wollen die Sängerinnen und Sänger repräsentieren, die alle nach dem Angriff Russlands auf ihre Heimat nach Deutschland geflüchtet sind.
Als Zeichen der Dankbarkeit für die deutsche Gastfreundschaft
„Wir haben hier sehr viel Unterstützung bekommen und große Gastfreundschaft erlebt. Als Zeichen unserer Dankbarkeit möchten wir unsere ukrainischen Lieder singen und unsere Traditionen vermitteln. Wir verstehen das als eine Art Kultur-Diplomatie“, sagt Irina.
Gesang – das ist ein wesentlicher Bestandteil des ukrainischen Lebens, manche bezeichnen ihn auch als die Seele des Volkes. Die traditionellen Volksweisen erzählen die Geschichte des Landes, beschreiben die charakteristischen Eigenschaften des Volkes und der Landschaften. In fast jedem Bereich des Lebens gehören die Lieder dazu, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Heute stehen ein paar Frühlingslieder auf dem Übungsplan. Mit fröhlichem Gesang wird dem Wiedererblühen der Natur gehuldigt. Anna (11) lässt dazu die Okarina erklingen, eine Flöte, die Vogelgezwitscher imitiert. Als einer der Sängerinnen ein begeisterter Juchzer entgleitet, wird herzlich gelacht. Die authentische Lebensfreude, die sich in manch einer der Volksweisen vermittelt, ist ansteckend.

Gibt Takt und Ton vor: Chorleiterin Jana Prosorova, hier mit einer Bukhalo, der großen Trommel.
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Drei Generationen sind in dem Chor vereint. Das jüngste Mitglied ist sieben Jahre alt, das älteste 70. Mit den Liedern wächst jeder in der Ukraine auf, sie gehören zum gesellschaftlichen Alltag.
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Es folgt eine melancholische Liebesballade über eine junge Frau, die unglücklich verliebt ist und schlussendlich ihren Bruder verhext, um die große Liebe doch noch zu erlangen. Magie ist ein häufiges Thema in den ukrainischen Weisen. Mal sollen die Lieder heilende Wirkung haben, mal das Wetter beeinflussen.
Jetzt aber geht es erst einmal komödiantisch zu: „Das Lied handelt von einer Frau, die immer wieder zu einem Date eingeladen wird und sich allerlei Ausreden einfallen lässt“, erklärt Tetiana Nesterenko, Koordinatorin des Chors Barvy. „Dieses Lied haben wir in Teilen auf Deutsch übersetzt“, ergänzt sie.
Unsere Kinder sollen ihre Wurzeln nicht verlieren und eine Verbindung zu ihrer Herkunft wahren.
Die Sängerinnen und der Sänger gehen auf in den Melodien, manch einer schunkelt im Rhythmus, andere schließen für einen Moment die Augen. Für ukrainische Menschen ist Gesang mehr als eine kulturelle Ausdrucksform, er ist ein Identitätsmerkmal und auch ein kraftvolles Instrument des Widerstands.
In der Heimat singen die Menschen in Luftschutzkellern und U-Bahnhöfen, in denen sie Schutz vor den Bomben suchen, um sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Und alle, die vor dem Krieg aus der Heimat geflohen sind, singen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und sich ihrem Land verbunden zu fühlen. „Und noch einen Grund gibt es, in der Gemeinschaft zu singen: Unsere Kinder sollen ihre Wurzeln nicht verlieren und eine Verbindung zu ihrer Herkunft bewahren“, sagt Tetiana Nesterenko.
Für Valentina ist der Chor Barvy zu einer Art Familie geworden: „Nach den Proben fühle ich mich lebendig und sehr gut.“ Gemeinsam mache man Ausflüge, feiere Geburtstage oder sonstige Feste. „Als ich mit meinen beiden Söhnen nach Deutschland gekommen bin, haben wir uns anfangs sehr einsam gefühlt. Das ist jetzt nicht mehr so!“
Rund 15.500 ukrainische Volksweisen
Die Ukraine hat eine über 1000 Jahre alte Gesangstradition, die bis heute in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens gepflegt wird. Besungen werden alle wichtigen Momente des Lebens. Auch den Jahreszeiten und religiösen Festen sind viele Volksweisen gewidmet.
Chorsingen ist in der gesamten Ukraine tief verankert. Gesungen wird in Kirchen, Dorfgemeinschaften, Schulen, auf der Arbeit. Seit Ausbruch des russischen Angriffskrieges hat das gemeinsame Singen fast therapeutische Wirkung: Es stärkt die Resilienz und das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Mehrere musikalische Traditionen der Ukraine wurden von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Die Begründung: Die Lieder bewahren historische Erzählungen, den Alltag und die Kultur der Menschen. Insgesamt zählte die Unesco rund 15.500 ukrainische Volksweisen. Damit führt das Land das internationale Ranking mit Abstand an.
