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Integration
Das Landleben im Kreis Euskirchen bietet Geflüchteten besondere Chancen

6 min
Die Kim-Case-Managerin sitzt im Gespräch mit ihrem Klienten an einem runden Tisch.

Sind schon einen weiten Weg miteinander gegangen: Kim-Case-Managerin Neele Sterckx vom Caritasverband Eifel und ihr Klient Srdar Haj.

Geflüchtete, die Teil der Dorfgemeinschaft werden, fühlen sich meist sehr wohl und wollen nicht in benachbarte Städte umziehen. Allein die ÖPNV-Strukturen erschweren die Teilhabe.

Menschen, die nach Deutschland flüchten, werden nach einer festgelegten Aufnahmequote auf die Bundesländer verteilt. Von dort aus geht es für die Schutzsuchenden dann in die Unterkünfte der Städte und Kommunen. Dabei stehen die ländlichen Regionen jedoch selten im Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses. Doch was bedeutet es für einen Zugewanderten, im ländlichen Umfeld sein neues Leben zu starten? Welche Vor- und Nachteile ergeben sich daraus? Und bleiben die neuen Nachbarn am Ort oder ziehen sie, sobald es möglich wird, in größere Städte um?

Das Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen hat hierzu 2023 eine Studie veröffentlicht: Zur Analyse des Bleibeverhaltens von Geflüchteten fanden die Wissenschaftler heraus, dass im Schnitt zwei Drittel der Geflüchteten mit Aufenthaltstitel, die zwischen 2012 und 2021 in den untersuchten Landkreisen gemeldet waren, weiterhin dort lebten. „Die gängige Annahme, Geflüchtete blieben nicht in ländlichen Regionen, sondern seien quasi nur auf der Durchreise in die Großstädte, hat sich also nicht bestätigt“, heißt es in dem Bericht des Instituts.

Sich der Gemeinschaft öffnen und in Kontakt gehen, sind Voraussetzung

Ob Zugewanderte bleiben – und dadurch bestenfalls auch die Auswirkungen des demografischen Wandels mitabfedern können –, hängt mit der Identifikation mit dem Wohnort zusammen. Sind die Menschen Teil der Dorfgemeinschaft, stehen die Chancen gut, dass sie bleiben. Die Zivilgesellschaft im ländlichen Raum nimmt also eine wichtige Rolle ein, wenn es um die Integration der betreffenden Menschen geht. Und natürlich müssen auch die Geflüchteten selber dazu beitragen, sich der Gemeinschaft zu öffnen und in Kontakt zu gehen.

Srdar Haj ist seit 2020 in Deutschland und wurde nach Schleiden überstellt. Als syrischer Kurde fühlte er sich nicht mehr sicher, als die Türkei 2019 eine Militäroffensive in Nordsyrien startete. Haj, der nach dem Abitur ein Studium begonnen hatte und mit 19 Jahren fast vollständig erblindete, floh über die Türkei nach Serbien. „Dort habe ich mit anderen Geflüchteten drei Wintermonate im Wald verbracht“, so der heute 35-Jährige. Dank der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ hätte man zumindest Zelte und warme Kleidung erhalten. Im Februar 2020 gelangte er nach Deutschland, erhielt hier schon nach einigen Wochen subsidiären Schutz und wurde schließlich in die Eifel verwiesen.

Ich liebe die deutsche Sprache, vor allem die Grammatik. Das ist wie Mathematik, pure Logik.
Srdar Haj, Kim-Klient

Und dann kam die Flut. Srdar Haj hatte großes Glück, denn sein Zimmer habe sich im Souterrain der Schleidener Unterkunft befunden. Als er das Fenster geöffnet und gemerkt habe, dass das Wasser schon kurz davor war einzudringen, habe er sich auf die Straße gerettet.

Und dann lernten sich Neele Sterckx und Srdar Haj kennen. Zum zweiten Mal, denn die Sozialarbeiterin hatte zuvor in der Landesunterkunft gearbeitet, in die der Syrer eingewiesen worden war. „Und dann war Herr Haj mein erster Klient als Kim-Case-Managerin im Kommunalen Integrationsmanagement“, erzählt Sterckx, Mitarbeiterin des Caritasverbandes Eifel. Zunächst ging es darum, die Wohnsituation zu klären, da die Flut die Flüchtlingsunterkunft unbewohnbar gemacht hatte. „Ich war eine Zeit lang auch bei meinem Bruder in Köln untergekommen. Aber da wollte ich nicht bleiben“, erzählt der 35-Jährige. „Ich mag die Ruhe in der Eifel, und ich habe hier so viel gute Unterstützung bekommen, dass ich auf jeden Fall wieder zurück wollte.“

Der 35-Jährige spricht fünf Sprachen und möchte Bürokaufmann werden

Srdar Haj habe von Anfang an schnellstmöglich Deutsch lernen wollen. Mit Hilfe seiner Case-Managerin bekam er einen Platz im Integrationskurs des Berufsförderungswerks in Würzburg, ein Angebot, das gezielt für blinde und sehbehinderte Migranten konzipiert wurde. Dort erlangte Srdar Haj sein B1-Zertifikat. Mittlerweile hat er auch den B2-Abschluss und besucht das Berufsförderungswerk Düren, ebenfalls auf Menschen mit Sehbeeinträchtigungen spezialisiert. Hier soll er fit gemacht werden für den ersten Arbeitsmarkt. „Ich möchte gerne eine Ausbildung machen“, sagt der 35-Jährige. „Bürokaufmann könnte ich mir gut vorstellen.“

Srdar Haj spricht Arabisch, Kurdisch, Englisch, Türkisch und mittlerweile auch fließend Deutsch. Ja, Deutsch sei keine einfache Sprache, aber er liebe sie. Vor allem das, worüber andere stöhnen, nämlich die deutsche Grammatik: „Das ist wie Mathematik, pure Logik.“ Lachend fügt er hinzu, dass man ihn in seinem Kurs auch gerne den „Grammatik-König“ nenne.

Vergangenen Juni hat er seine Einbürgerung beantragt

Für Nele Sterckx ist die Begleitung ihres Mandanten mit vielen auch für sie neuen Fragen verbunden. Wann kann man als Geflüchteter Blindengeld beantragen? Ab wann hat man Anspruch auf Pflegegeld? Wie erhält man Hilfsmittel? Dann fand sie die Ergänzende Teilhabeberatung in Bonn: „Das war super, weil sie sich bestens mit Sehbehinderungen auskennen.“

Die Sozialarbeiterin bescheinigt Srdar Haj „die große Fähigkeit, trotz seiner Einschränkungen hoch motiviert zu sein und gut voranzukommen“. Er wisse ganz genau, was er wolle, und habe klare Vorstellungen, wie seine Zukunft in Deutschland aussehen soll. Daran, dass er hierbleiben möchte, hat Srdar Haj keinen Zweifel: „ Ich habe im Juni meine Einbürgerung beantragt.“

Case-Managerin Nele Sterckx weiß, dass der ländliche Raum nicht für jeden der ideale Boden für einen gelingenden Integrationsprozess ist. „Der Vorteil ist, hier kennt man sich, man wird wahrgenommen. Und man kennt auch die Menschen in den Ämtern und Rathäusern persönlich.“ In dem kleinen Kosmos der Eifel-Kommunen seien deshalb manche Wege kürzer. „Wir pflegen hier eine sehr gute und produktive Zusammenarbeit mit den offiziellen Stellen.“

Ein großer Vorteil des Südkreises sei auch der Wohnungsmarkt, der nicht so angespannt sei wie etwa in Euskirchen. Während Geflüchtete in größeren Städten häufig lange Zeit in den Gemeinschaftsunterkünften bleiben müssen, sind in ländlichen Räumen die Chancen, eine Wohnung zu finden, besser. Erst recht, wenn das Kim-Case-Management die Suche begleitet.


Der ÖPNV macht es vielen Zugewanderten auf dem Land schwer

Seit Mai 2021 wird das Kommunale Integrationsmanagement, kurz Kim, im Kreis Euskirchen umgesetzt. Kim ist das bislang größte integrationspolitische Förderprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, dessen Ziel es ist, die Teilhabechancen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte weiter zu verbessern. Zusammengefasst geht es um die kommunale Steuerung und Organisation von Integrationsprozessen von „der Einreise bis zur Einbürgerung“.

Begleitet werden die Zugewanderten im Kreis Euskirchen von 15 Case-Managern, die größtenteils bei den hiesigen Wohlfahrtsverbänden angesiedelt sind. Die Caritas Eifel hat drei Case-Manager. Sie bieten Einzelfallhilfe für Personen mit Flucht- und Migrationshintergrund und multiplen Problemlagen, die im Süden des Kreises Euskirchen oder im Süden der Städteregion Aachen leben.

Die Bedarfe geflüchteter Menschen im ländlichen Raum – also vor allem im Süden des Kreisgebietes – unterscheiden sich in mancherlei Hinsicht von städtisch untergebrachten Personen. Vor allem was den Zugang zu Sprachkursen oder zu speziellen Unterstützungsangeboten angeht, da deren Erreichbarkeit mit dem Öffentlichen Personennahverkehr häufig sehr schwierig ist.

Welche Wirkung Kim im Leben Zugewanderter entfaltet und worin der seitens der Politik beschriebene Paradigmenwechsel in der Praxis besteht, darüber berichten wir in einer Serie in dieser Zeitung.