Das bei der Flut beschädigte Archivgut muss gefriergetrocknet werden. Verantwortlich ist nun Anna Rosemann, die auf Harald Bongart folgt.
WiederaufbauDas Stadtarchiv von Bad Münstereifel zieht vorerst in die Arloffer Thonwerke

Interimslösung: In dieses Gebäude in den Arloffer Thonwerken zieht das Stadtarchiv vorübergehend ein.
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Lange Zeit war es still um das Stadtarchiv in Bad Münstereifel. Im Juli 2021 war das im Keller des Rathauses untergebrachte Archiv durch die Flutkatastrophe schwer beschädigt worden. Das Archivgut schlummert seitdem eingefroren in Troisdorf. Die Suche nach einem geeigneten Standort dauert an. Doch es gibt gleich mehrere Lebenszeichen. In der jüngsten Ratssitzung wurden eine Archivsatzung und eine Archivbenutzungsordnung beschlossen. Wenige Wochen zuvor hatte die Stadt die Politiker über den Sachstand zum Archiv, für das insgesamt rund 17 Millionen Euro im Wiederaufbauplan vorgesehen sind, informiert.
Belegschaftshaus der Arloffer Thonwerke wird zum Interimsarchiv
Weil das eingefrorene Archivgut möglichst bald gefriergetrocknet werden muss, hat die Stadt das frühere Belegschaftshaus in den Arloffer Thonwerken gemietet. Dort könne das Archivgut aufbereitet und verzeichnet werden, berichtet die neue Stadtarchivarin Anna Rosemann, die Nachfolgerin von Harald Bongart. Auch der LVR, der momentan für die Aufbewahrung zuständig ist, habe das Gebäude in Arloff begutachtet und halte es für ein geeignetes Zwischenarchiv. Die Stadt selbst muss dieses Gebäude allerdings noch baulich ertüchtigen, damit es den Ansprüchen an ein Archiv genügt. So entstehen dort ein Büro, ein Lager sowie Quarantäneräume. Denn es ist nicht auszuschließen, dass das Archivgut von Schädlingen wie Papierfischchen befallen ist. In den kommenden Wochen solle das Interimsarchiv bezogen werden, so Rosemann.
Die neue Archivarin: Anna Rosemann aus Trier arbeitete zuletzt in Berlin
Wenn man so will, ist die 35-Jährige derzeit Archivarin ohne ein Archiv. Allerdings sieht Anna Rosemann das entspannt. „Das ist nicht so besonders, ich wusste, was mich erwartet. Ein bisschen Archiv ist außerdem da. Und ich habe auch Schenkungen angenommen.“ Die neue Stadtarchivarin kommt ursprünglich aus Trier. Sie hat Museumskunde und Europäische Kulturgeschichte studiert. Ihre Doktorarbeit handelt von der Geschichte der Pressefotografie in Deutschland. Zuletzt hatte sie im Jüdischen Museum in Berlin gearbeitet. „Ich habe viele große Museen mit vielen verschiedenen Sammlungen gesehen“, sagt sie. Der Ordnungsgrad des Bad Münstereifeler Archivs sei gering, was die Aufgabe zur Herausforderung mache. „Das hat mich aber nicht abgeschreckt“, sagt sie. Einen weiteren Vorteil hat die Anstellung auch. „Nach 14 Jahren in Berlin bin ich wieder näher an meiner Heimat“, so Rosemann.
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Die Digitalisierung des Archivguts ist eine der Aufgaben der Archivarin
Eine ihrer Aufgaben wird es sein, das Archivgut – immerhin rund 3900 Archivkartons – zu digitalisieren. Das sei im Zuge des Wiederaufbaus angedacht. Die Anforderungen an eine entsprechende Datenbank, die standortunabhängig und damit webbasiert sein muss, seien hoch. Erst bei der Aufarbeitung wird sich zeigen, wie stark das Archivgut beschädigt ist. Sie will auch die Urkunden, deren Tinte das Wasser weggespült hat, nicht aufgeben. Mit Infrarotbearbeitung und digitaler Restaurierung könne eventuell erkannt werden, wo sich die Schrift befand.

Neue Archivarin: Anna Rosemann.
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„So dramatisch es auch war: Es besteht jetzt die große Chance, das Stadtarchiv neu aufzubauen“, sagt Rosemann. Sie wünscht sich, dass das Archiv so zugänglich gemacht wird, dass jeder, der es möchte, sich mit der Geschichte der Stadt Bad Münstereifel auseinandersetzen kann. „Die Stadtgeschichte und die Familiengeschichte sollen wieder von vielen Leuten erforscht werden können“, so die 35-Jährige.
Die Aufbereitung: Das Archivgut muss gefriergetrocknet werden
Bei der Gefriertrocknung geht Wasser vom festen direkt in den gasförmigen Zustand über, sodass kein weiterer Schaden am Archivgut durch Wasser entsteht. Anschließend wird das Material rekonditioniert. Das heißt: Es passt sich der Luftfeuchte im Raum an. Dann erfolgen Reinigung, Begutachtung und Dokumentation. Bei einer manuellen Reinigung wird das Archivgut abgesaugt und abgepinselt, Verunreinigungen wie Flutschlamm und Schimmel werden radiert.
Das Platzproblem: Zwischenarchiv in der Grundschule Mutscheid ist voll
Aktuell müssen Anna Rosemann und die Stadt ein wenig improvisieren. Deshalb wurde in der Grundschule Mutscheid ein Zwischenarchiv eingerichtet. Das ist allerdings voll. „In Mutscheid liegen die Unterlagen aus der Stadtverwaltung, deren Aufbewahrungsfrist noch nicht abgelaufen ist“, erklärt Rosemann. Wenn die Frist abgelaufen sei, würden die Unterlagen archivisch bewertet.

Im Keller unter dem Rathaus war das Archiv bis zur Flut untergebracht.
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Klar ist momentan: Weitere große Schenkungen wie die von Paul Pfeiffer (siehe unten), die übergangsweise ebenfalls in Mutscheid untergebracht wurde, können aktuell nicht angenommen werden. „Wir mussten bisher aber noch nichts absagen“, sagt Rosemann. So erhält die Stadt auch noch den Inhalt der ehemaligen Lehrerbibliothek des St.-Michael-Gymnasiums, der zunächst aber in der Schule verbleibt.
Das Traumarchiv gibt es nicht: Vorgaben bestimmen den Aufbau
Luftschlösser baut Anna Rosemann keine, selbst als sie nach Wünschen für ein neues Archiv gefragt wird. „Das kann nicht frei entschieden werden, denn es gibt DIN-Normen, die das stark festlegen“, sagt die Archivarin. Der geplante Ersatzbau sei wie jedes Archiv aufgebaut und ähnele auch dem geplanten Aufbau in der Interimslösung in Arloff. In dem noch zu errichtenden Archivgebäude will sie aber auf jeden Fall genug Platz für Nutzer ermöglichen. Im Interim sei das nur sehr eingeschränkt möglich.
Derzeit liegt das Archivgut aus Bad Münstereifel beim LVR auf Eis
Das Archivgut aus Bad Münstereifel befindet sich momentan in einer Tiefkühllagerung des LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums. Untergebracht ist es beim Unternehmen Transthermos in Troisdorf. Es handelt sich um 620 laufende Meter. „Bad Münstereifel war eine der ersten Kommunen, die von unserer Dienststelle betreut wurde“, erwähnt der Wissenschaftliche Referent Juliano de Assis Mendonça die fast 100-jährige Beziehung zwischen LVR und Stadt. Die Kurstadt lebe von ihrem historischen Erbe. „Das ist ein Merkmal von Bad Münstereifel“, sagt Mendonça.
Das Archiv in Bad Münstereifel enthält Dokumente, die teils bis ins Mittelalter zurückreichen. Vieles aus der Nachkriegszeit sei aber noch nicht eingeflossen, so Mendonça. Das Material der Urkundensammlung hat die Flut gut überstanden, die Tinte allerdings nicht. Unklar ist, ob die Schrift mit moderner Technik rekonstruiert werden kann. „Das ist allerdings sehr aufwendig“, sagt Mendonça.
Das Archiv der Gemeinde Kall kommt aus der Gefriertrocknung zurück
Direkt nach der Katastrophe stand seine Dienststelle vor dem Problem, wo sie zuerst hinfahren sollte. „Wir mussten priorisieren. Wir waren für eine Notfallversorgung zwar gut aufgestellt, aber nicht für einen so flächendeckenden Fall. Da sind wir jetzt besser aufgestellt“, sagt Mendonça, ergänzt aber auch: „Bei einer Großlage können wir trotzdem nicht überall sein.“ Deshalb sollen andere Notfallverbände eingebunden werden, damit man nicht so stark auf den LVR angewiesen ist.
Neben Bad Münstereifel, wo laut dem Wissenschaftler lapidar gesagt „zwei Tage lang die Erft durchgeflossen ist“, war besonders das Archiv im Kaller Rathaus stark betroffen. „Kall kommt jetzt aus der Gefriertrocknung zurück“, weiß Mendonça. Ebenfalls von der Flut in Mitleidenschaft gezogen waren die Pfarrarchive von St. Nikolaus in Gemünd und der Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal. Das Archiv des Nationalparks Eifel erlitt einen Totalverlust. Außerhalb des Kreises Euskirchen gab es noch Schäden an den Archiven in Stolberg, Leichlingen, Swisttal und Eschweiler. „Es war eine furchtbare Tragödie, bei der einem Archivar das Herz blutet. Gleichzeitig bietet sich aber auch eine Chance, und der Fokus wird geschärft.“
Allzu lange darf das Archivgut aus Bad Münstereifel nicht mehr eingefroren sein, sagt Mendonça. „Es sollte zügig ins Interimsquartier“, so der Wissenschaftler. 2026 sollte es gefriergetrocknet werden. Allerdings hat er Verständnis dafür, wenn Kommunen länger brauchen, um einen geeigneten Archivstandort zu finden. „Prävention ist langfristig am günstigsten.“ Die Erfahrung mit dem Kaller Archivgut habe gezeigt, dass die Schäden unterschiedlich seien. Manches sei durch Nässe verzogen, anderes sei dreckverkrustet. Stärker in Mitleidenschaft gezogenes Material, das nicht trocken gereinigt werden könne, müsse restauriert werden. „Wir haben eine Restaurierungswerkstatt mit einem Dutzend Restauratoren“, so Mendonça. Bad Münstereifel werde das aber über einen Dienstleister lösen.
Paul Pfeiffer schenkt der Stadt Bad Münstereifel 300 historische Bücher
Bei der Flutkatastrophe 2021 wurde unter anderem die komplette Handbibliothek zerstört. Sie enthielt mehrere Hundert Bücher zur Geschichte der Stadt und der Region.
Für die Grundlage des Aufbaus einer neuen Handbibliothek hat nun Paul Pfeiffer gesorgt. Von 1999 an war er mehr als 20 Jahre lang im Kreisarchiv Euskirchen tätig. Zuletzt leitete er das Kreisarchiv. Er übergab der Stadt Bad Münstereifel 300 regionalgeschichtliche Bücher. Pfeiffer und die damalige Bürgermeisterin Sabine Preiser-Marian (CDU) unterzeichneten einen entsprechenden Schenkungsvertrag.

Symbolisch überreichte Paul Pfeiffer (l.) drei Bücher an die damalige Bürgermeisterin Sabine Preiser-Marian.
Copyright: Rößler/Stadt Bad Münstereifel
Symbolisch überreichte Pfeiffer in diesem Rahmen drei Bücher zu den Bad Münstereifeler Ortsteilen Rupperath, Mutscheid und Effelsberg. „Der Erhalt der langen Geschichte unseres Stadtgebiets ist eine wichtige Aufgabe. Ich danke Herrn Pfeiffer, dass er uns dabei so großzügig unterstützt“, sagte Sabine Preiser-Marian.
Aus Schenkungen und Übernahmen soll eine Handbibliothek entstehen
Die Bücher, die Pfeiffer der Stadt geschenkt hat, beschäftigen sich mit der Geschichte des Kreises Euskirchen, des früheren Kreises Schleiden, der Ortschaften im Kreis Euskirchen sowie mit den Städten Euskirchen und Zülpich und der Eifel im Allgemeinen. Zur Geschichte Bad Münstereifels sind insbesondere Werke zu den Flurnamen, zu Dr. Friedrich Joseph Haass und neben den bereits erwähnten Dörfern auch zu Eicherscheid und Schönau erwähnenswert.
„Mit anderen Schenkungen und Übernahmen aus anderen Bibliotheken soll im Stadtarchiv eine neue Handbibliothek in Bad Münstereifel aufgebaut werden, die mindestens an die Qualität der zerstörten Handbibliothek heranreicht“, schreibt die Stadt Bad Münstereifel in einer Pressemitteilung. Paul Pfeiffer hat für diesen wichtigen Zweck bereits die Schenkung weiterer Bücher in Aussicht gestellt. Wenn der Wiederaufbau des Stadtarchivs abgeschlossen ist, können Bürger der Stadt die Handbibliothek nutzen.

